Mit Kraft in die Zukunft

von Barbara Streidl

Diese Frau ist die „zweitwichtigste Politikerin im Lande“: Hannelore Kraft, die neue alte Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Offensichtlich gerührt lässt sie sich am Sonntagabend für ihren Wahlsieg bejubeln. Links von ihr steht der Ehemann, rechts der Sohn. „Was für ein toller Abend“, sagt Hannelore Kraft wischt sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht. Sie dankt ihren Wählerinnen und Wählern für das Vertrauen. Vertrauen in eine Ministerpräsidentin, die mit typischen Frauen-Themen wie Sozialstaat, Kinder- und Jugendpolitik ihre Weiblichkeit auch als Landesmutter einsetzt. Sie hat die Studiengebühren ebenso abgeschafft wie die Beiträge für das letzte Kitajahr und damit Ernst gemacht mit ihrem Slogan: „Der Mensch steht im Mittelpunkt unseres Handelns“.

Kindheit, Jugend, Alter

Bislang haben „Gedöns“-Themen in der Politik eher wenig Beifall gebracht. Wissen wir doch alle längst, dass eine Frau an der Spitze mitnichten Politik für Frauen macht – siehe Margaret Thatcher, Indira Gandhi, Angela Merkel, Kristina Schröder. Hannelore Kraft ist das Wagnis trotzdem eingegangen – und ihr wurde Recht gegeben.

Und nicht nur ihre Themen sind weiblich, auch ihre Teamfähigkeit ist es. Kraft ist die Landesmutter, die Grüne Sylvia Löhrmann ist die Co-Landesmutter. Kein Vater, nirgends! Der Möchtegern-Patriarch, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, hat bei der NRW-Wahl die bislang größte Wahlschlappe seiner Partei eingefahren. Das bevölkerungsreichste Bundesland hat sich auch dafür klar entschieden: für eine neue Weiblichkeit.

Prinzip Frau bzw. Prinzip Mensch

„Hannelore Kraft verkörpert klaren Verstand, Leidenschaft und Herz so wie niemand sonst“, schreibt SPD-Chef Sigmar Gabriel auf der Website seiner Partei. Sie ist eine Frau, der alles gelungen ist – mit ihrer weiblichen Politik, wie es heißt. Die aber auch in Frauengebieten Einsparungen zulässt, etwa bei der Kürzung der finanziellen Unterstützung des Frauenmediaturms in Köln. Damit hat sich die Landesmutter den Zorn einer anderen mächtigen Frau zugezogen, nämlich den von Alice Schwarzer – die kürzlich öffentlich darüber spekuliert hat, ob die Ministerpräsidentin von den Grünen zu diesem Schritt gezwungen wurde. Heute gratuliert aber auch Alice Schwarzer der neuen alten Landesmutter – zu ihrem „Sieg des Prinzips Frau, bzw. des Prinzips Mensch“.

Und damit weist Alice Schwarzer auf etwas hin, das Hannelore Kraft sehr richtig macht. Sie betont in ihrer Politik geschlechterübergreifend den Menschen und läuft somit nicht Gefahr, als Feministin abgestempelt zu werden. Das ist durchaus visionär. Denn davor warnt auch die Politologin und Kommunikationswissenschaftlerin Christina Holtz-Bacha in der taz: Sich als Feministin zu bezeichnen, löst heute noch zu große Ängste aus, nicht nur auf Bundespolitik-Ebene, wie das Buch von Kristina Schröder gezeigt hat, sondern natürlich auch auf Bevölkerungsebene. Ein Schritt nach dem anderen: Vielleicht kann Hannelore Kraft beim übernächsten Mal offen zugeben, dass sie links, demokratisch, sozial und feministisch ist.

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