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Respekt ist eine Zweibahnstraße

Es ist gut, dass ein wenig Zeit seit den sehr hitzigen und polemischen Debatten um Integration und Verschleierung vergangen ist. Vielleicht immer noch nicht genug. Doch das Buch „Die große Verschleierung“ von Alice Schwarzer ist einer ernsten und differenzierten Diskussion würdig.

Von Katrin Rönicke

Zuerst aber muss eine Unterscheidung getroffen werden, da sonst die Diskussionen zu sehr durcheinander gehen: Es gibt einerseits die Debatte um das Kopftuch, andererseits die Debatte über die vermeintliche „Gefahr“ des Islamismus, des politisierten Islam, ein Thema, das Alice Schwarzer seit ihrer Reise nach Teheran bewegt. Die Frage nach der Legitimität des Tragens eines Kopftuches ist schnell beantwortet: Jeder Mensch darf sich kleiden, wie er beliebt. Diese Freiheit darf nur in Fällen, in denen dieses Recht mit anderen (Grund-)Rechten kollidiert, in Frage gestellt werden – bei dem Tragen einer Burka zum Beispiel sehe ich die Würde des Menschen angetastet, sie ist gewissermaßen auch Nötigung und keineR kann mir erzählen, dass Frauen sich freiwillig derart sozial von ihrer Umwelt abschneiden. So habe ich das immer vertreten. Und dennoch steht dem die Meinung gegenüber, das Tragen eines Kopftuches sei gleichzusetzen mit der Unterdrückung der Frauen. Ich habe unzählige Debattenbeiträge und Kommentare über die Frage nach dem Ursprung und der Aussage des Tragens eines Kopftuches gelesen. Wie so oft, sind nicht sie es, die einem die Antwort auf ein Dilemma geben können, sondern es ist der persönliche Kontakt und Austausch. Deswegen habe ich eine Kopftuch tragende Muslima gefragt „Sag mal, warum…?“ und sie antwortete:

„Es ist mein Glaube und meine Kultur. Stell es dir so vor: Du ziehst in ein Land mit einer völlig anderen Kultur, wo Frauen mit freien Brüsten herumlaufen. Aber freie Brüste sind für dich kulturell anders besetzt, als für diese Frauen. Du würdest dir also wünschen, man akzeptiere es, wenn du trotz der dortigen Kultur deine Brüste bedecken darfst, oder?“

Damit hatte sie mich und vor allem: meine Akzeptanz. Na klar! Es könnte so einfach sein. Doch was, wenn ich in eine andere Kultur ginge um dort zu leben, mit barbusigen Frauen, mich selbst bedeckend, ohne den Kulturrelativismus zurückzugeben, den ich selbst von ihnen erwarte (die „Erlaubnis“, nicht barbusig zu leben, basiert ja gerade auf einem Kulturrelativismus, der meine Kultur nicht moralisch be- oder gar entwertet, sondern sie neben der dortigen als gleichwürdig zu akzeptieren bereit ist), wenn ich diese Akzeptanz nicht umgekehrt auch zu geben bereit bin? Wenn ich denke, dass die barbusigen Frauen alles Huren sind? Wenn ich überzeugt bin, dass sie deswegen in die Hölle kommen und wenn ich gar überzeugt bin, dass es meine Pflicht sei, sie davon zu bewahren, ergo: zu bekehren? Der Djihad wird unter anderem wegen so einer Überzeugung geführt. Wenn uns unsere Geschichte, die Kolonisation der Welt durch die europäischen Imperialmächte, eines gelehrt haben sollte, dann wohl: Das geht ethisch, moralisch, verfassungsrechtlich und überhaupt einfach mal gar nicht!

Alice Schwarzer ist keine Rassistin

Also lese ich, meinen verinnerlichten Kulturrelativismus immer parat, das Buch Alice Schwarzers, oder besser gesagt: Dieses Buch mit den vielen EMMA-Beiträgen zur Islamismus-Debatte. Es wurde immerhin von manchen in der Debatte auf eine Stufe mit Sarrazin gestellt. Ich kann nur sagen: Fehler Nummer 1! Dieses Buch ist manchmal sehr einseitig, aber absolut nicht rassistisch. Heide Oestreich hat in der Taz das Buch als puren Alarmismus bezeichnet. dieses Buch nicht zu lesen. Natürlich muss man es kritisch lesen, skeptisch sein und ja: Sich vor zu viel Alarmismus hütend. Aber es gehört diskutiert. Es sind vor allem die „kleinen“ persönlichen Geschichten und Porträts junger und älterer Musliminnen, die nahegehen. Zum Beispiel das Mädchen, das in der Schule gemobbt wird, weil es kein Kopftuch trägt. Es bleibt nur ein Schulwechsel, so unerträglich ist die Situation für ihre Familie. Dieser sei aber längst überholt und entbehre jeglicher Aktualität. Ich sehe das leider nicht so. Im Gegenteil. Ich habe in diesem Buch Dinge gelesen, von denen ich davor nicht nur nichts wusste (die Verbindungen zwischen in der allgemeinen Öffentlichkeit als legitime VertreterInnen DES Islams angesehener Menschen zu verfassungsgefährdenden Organisationen, oder die Rolle von KonvertitInnen in der Politik derselben), sondern die mitnichten gesellschaftlich diskutiert oder behandelt wurden, geschweige denn dass ihnen nachgegangen worden sei. Deswegen ist es definitiv Fehler Nummer 2!

Oder die Ex-Konvertitin, die anonym beschreibt, wie sehr die Unterdrückung der Frauen sie irgendwann bedrängte und wie wenig es in muslimischen Foren erlaubt sei, kritisch gegenüber dem Islam zu sprechen. Eine eigene Meinung dürfe es nicht geben. Schlimmer noch: Sie habe erlebt, wie sich alle ihre Freunde, die sie anfangs so verehrt habe, gegen sie stellten, als sie nach der Selbstbestimmung der Frauen zu fragen begann. Dabei hatte sie zuvor genau das im Islam gesucht: Eine Befreiung von den Zwängen der westlichen Gesellschaft, die mit ihrem Schönheitsideal, ihrer Sexualisierung des weiblichen Körpers und ihrer Art, Frauen in goldene Käfige aus Schmuck, Herbstmode und Pumps zu sperren der jungen Konvertitin Ekel bereitet hatte. Sie wollte das Kopftuch und die Verschleierung als letzten Zufluchtsort vor der Übersexualisierung der Gesellschaft, erhoffte sich echte weibliche Solidarität und Werte, wie sie ihr in der westlichen, sogenannten Moderne fehlten. Doch einen Wert war sie nicht bereit aufzugeben: Die Selbstbestimmung der Frau, ihre eigene Selbstbestimmung. Als sie merkte, wie sie in Internetforen, in Gesprächsrunden und in Diskussionen damit mehr und mehr zur Außenseiterin wurde, lüftete sich für sie ein Schleier: Die Toleranz, die ihr verheißen worden war, die galt nur in sehr engen Grenzen. Eine Zweibahnstraße war sie nicht. Diese Frau schildert beide Seiten. Sie kennt beide Seiten. Von der westlichen Welt angewidert konvertierte sie aus Überzeugung zum Islam. Sie wurde mit Toleranz gelockt, man versprach ihr eine offene Welt und Respekt. Doch wie alle Geschichten in Schwarzers Buch, deckt sie auf, dass Respekt nicht immer eine Zweibahnstraße ist. Ich respektiere erstmal jeden Menschen. Es geht anders gar nicht. Ein Mensch verdient Respekt. Er muss anerkannt werden. Als Individuum, als einzigartiges Geschöpf. Jeder Mensch sollte auch größtmögliche Narrenfreiheit genießen können, man sollte ihm zugestehen, Fehler zu machen. Nur eine Sache kann es nötig machen, den Respekt zu versagen: Dass man im Gegenzug nicht respektiert wird. Ich nehme alle ernst, bis einer kommt, der mich derart in Frage stellt, dass ich mich selbst nicht mehr ernst nehmen könnte, wenn ich ihn weiter ernst nähme. Das meine ich: Kulturrelativismus ist eine Zweibahnstraße. Respekt ist eine Zweibahnstraße. Es geht in Schwarzer Buch darum zu zeigen, dass nicht alle dies so sehen.

Die Verschleierung ist zu respektieren, zumindest das Kopftuch. Denn ich muss davon ausgehen, dass ich als Unverschleierte, als Frau, die auch gerne mal Tops mit freien Schultern und kurze Röcke trägt oder ganz Oben ohne am Strand liegt ebenso respektiert werde. Den Kopftuchträgerinnen zu unterstellen, sie täten das nicht, wäre ein Fehler. Einer, bei dem ich mir nach der Lektüre von „Die Große Verschleierung“ nicht vollständig sicher bin, ob Alice Schwarzer ihn begeht oder nicht. Schwarzer rückt in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen all jene, die sich politisch motiviert und missionarisch verhalten, sie redet vom Islamismus, nicht vom Islam an sich. Mir kommt es vor, als versuche sie das herauszustreichen. Dennoch verschwimmt der Ton oft, die Grenzen verwischen. Religionskritische Menschen sehen darin vielleicht vor allem eben das: Religionskritik. So akzeptiere auch ich die Beherrschung der Sexualität der Frau nicht – nicht im Christentum und ich werde den Islam da nicht anders behandeln. Das hat aber mit Islamophobie nichts zu tun.Und auch nicht mit Rassismus.

Verhüllung und Entblößung sind kulturelle Denkmuster

Ein anderer Fehler ist es, kurze und nicht allzu verhüllende Bekleidung als „Unterwerfung“ unter die „Norm der traditionellen Männlichkeit“ zu verstehen. Diese Behauptung, die auch zunehmend von WissenschaftlerInnen aus feministischen Kreisen aufgestellt wird, ist auf’s Entschiedenste von sich zu weisen. Das Nackte ist nicht per se ein von der „traditionellen Männlichkeit“ zu verschlingendes Objekt der sexuellen Lust. Das Nackte ist dazu gemacht worden, analog dazu, wie die Frau gemacht wird (vgl. Simone de Beauvoir). Das Nackte ist zunächst einmal nur das Leibliche. Ein Mensch mit Geist und Leib. Anstatt es zu verschleiern und mehr und mehr Teile des weiblichen Körpers als sexuell zu klassifizieren (wie etwa Brüste, Haare, Po, Schultern, Beine) gehört es ent-sexualisiert. Das ist die Idee von FKK. Nacktheit als das natürliche Sein. Und wie beruhigend dieses Nackte sein kann, wird nur nachvollziehen können, wer sich im kommenden Sommer einmal hinwagt, zu den Stränden, an denen ganz normale Leute ganz normal nackt sind. Mit ihren faltigen, wabbeligen, absolut un-gephotoshoppten Körpern. Nichts ent-Sexualisierenderes gibt es, als die Nacktheit selbst! Die Verschleierung bewirkt nur das Gegenteil. So sehe ich das zumindest. Wenn ich aber selbst sehr leidenschaftlich die Anhängerin einer solchen Ansicht auf Entblößung und Verschleierung als zwei Seiten einer Fragestellung bin, dann gilt auch hier immer noch: Alle anderen Ansichten sind ebenso zu respektieren. Meine Kultur hängt eng damit zusammen, die Erfahrung von FKK in meiner Kindheit als positiv gemacht haben zu können, wohingegen ich in einer anderen Kultur mit nackten Menschen nicht in Berührung gekommen wäre. Das Sein bestimmt auch hier das Bewusstsein und es ist mir daher nicht gestattet, meine Ansicht verallgemeinern zu wollen. Nacktheit an sich ist kein Allheilmittel gegen eine Übersexualierung der Gesellschaft. Die körperliche Freiheit ist ohne totalitären Anspruch zu denken und muss die Verschleierung als Schutz vor sexualisierter und hierarchischer Objektivierung akzeptieren. Denn der Schleier ist und bleibt ein Ausdruck dafür, dass Frauen Dinge vor Männern verstecken müssen, weil sie sonst unweigerlich als Objekt einer sexuellen Begierde angesehen werden.

In der westlichen Gesellschaft wurde das Nicht-Verhüllen, das Zeigen von Brüsten, Po, Beinen und Geschlecht mit Pornografie nahezu gleichgesetzt. Wer einen kurzen Rock, Strapse und hohe Stiefel trägt, der wird mit Sex assoziiert. Der Respekt, den ich für alle verhüllten und entblößten Menschen einfordere richtet sich auf eine Ent-Objektivierung: Die Frau als Subjekt, das selbst entscheiden kann und will, wann sie ein Objekt sein will – sie muss das neue alte Normale werden. Das bedeutet, dass jeder Mann ihr in jeder Situation das Recht zusprechen muss, selbst zu entscheiden, wie sie angesehen werden will. Es spricht nichts dagegen, dass in gegenseitigem Einvernehmen zwei Menschen in sexueller Begierde einander zum Objekt werden. In gegenseitigem Einvernehmen. Das ist Respekt. Respekt ist immer eine Zweibahnstraße. Zwischen Kulturen und zwischen den Geschlechtern. Wer Respekt nur in eine Richtung denken kann, hat schon verloren.

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Katrin Rönicke, Jahrgang 1982, ist Studentin und Autorin in Berlin. Dieser Text erschien zuerst in ihrem Blog The Leftist Elite.