Selbstverantwortung – Der Weg zu mehr Zufriedenheit?

Studie zeigt, welche Rolle Selbstverantwortung für die Zufriedenheit in Partnerschaft und Sexualität spielt

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Kurz zusammengefasst

  • Diese Ergebnisse einer neuen Studie zeigen, wie wichtig Selbstverantwortung für die erfolgreiche Gestaltung von Beziehungen und partnerschaftlicher Sexualität ist.
  • Selbstverantwortung hat aber auch einen Einfluss auf die Zufriedenheit mit der eigenen Person und der Zufriedenheit mit der Beziehung zu den eigenen Kindern.
  • Eine Beziehungsexpertin verrät, wie Paare die Studienergebnisse für sich nutzen können.

Hast du dich schon einmal gefragt, was eine erfolgreiche Partnerschaft ausmacht und wie es Paare auch nach langjährigem Zusammensein schaffen, immer noch Lust auf Sex zu haben?

Eine Partnerschaft ist gewiss nicht immer einfach, meist kommen nach der anfänglichen Verliebtheit bereits die ersten Probleme. Doch ist eine Beziehung zum Scheitern verurteilt, nur weil der Beziehungsalltag nicht ganz reibungslos verläuft?

Viele Personen, die eine langjährige Beziehung führen, erzählen, dass eine erfolgreiche Partnerschaft viel Arbeit erfordert. Insbesondere ist damit die Arbeit an sich selbst gemeint anstatt der Versuch, den Partner bzw. die Partnerin zu ändern.

Ist dies also der Schlüssel dafür, selbst in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten und nicht aufzugeben?

Beziehungen erfordern ein gewisses Maß an Arbeit

Liebe soll sich nicht schwer, sondern leicht anfühlen, hört man oft. Und da ist auch etwas dran, schließlich sollte eine Beziehung nicht gnadenlos Schwierigkeiten bereiten. Zumindest nicht auf Dauer. Nur jemand, der zu selbstquälerischem Verhalten neigt, würde sich bewusst dafür entscheiden, in einem Zustand des ständigen Kampfes zu leben.

Nichtsdestotrotz reicht allein die Liebe zu einem anderen Menschen nicht aus – ein gewisses Maß an Anstrengung und Mühsal ist in den meisten Beziehungen unvermeidlich. Doch es gibt eine gute Nachricht: Es muss sich hierbei nicht um einen andauernden Zustand halten. Schwierige Phasen gehen auch vorüber.

Was ist es also, das Paare benötigen, um schwere Zeiten zu überstehen? Welche Geheimzutat macht eine glückliche Beziehung aus?

Selbstverantwortung – Die “Geheimzutat” für eine glückliche Beziehung

Die Ergebnisse einer in der Zeitschrift für Sexualforschung veröffentlichten Studie weisen darauf hin, dass Selbstverantwortung eine besonders wichtige Rolle in einer Beziehung spielt. Das soll nicht nur für romantische, sondern auch für platonische Beziehungen gelten.

Doch was ist überhaupt mit Selbstverantwortung gemeint? Wie kann Selbstverantwortung bei Problemen in einer Partnerschaft helfen?

Selbstverantwortung meint das Gefühl der Zuständigkeit für die Lösung eigener Probleme. Sprich die Bereitschaft einer Person, Verantwortung für das eigene Verhalten, die eigenen Entscheidungen und alle positiven oder negativen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, zu akzeptieren.

Im Übrigen spielt Selbstverantwortung in der Sexualtherapie eine zentrale Bedeutung (sowie in allen anderen Formen der Psychotherapie) und wird als eine wichtige Voraussetzung für Autonomie und Persönlichkeitsentwicklung betrachtet.

Was die Studie untersuchte

Die Studie wurde von Professor Dr. Reinhard Maß, Psychologe am Zentrum für seelische Gesundheit in Marienheide, durchgeführt. Er untersuchte die Bedeutung von Selbstverantwortung für die Partnerschaft und Sexualität.

Aber auch hinsichtlich anderer Lebensbereiche untersuchte der Psychologe die Bedeutung von Selbstverantwortung, wie etwa der eigenen Person und der Beziehung zu den eigenen Kindern.

Es handelte sich um eine anonyme Online-Befragung, an der 215 Erwachsene teilnahmen (überwiegend Student:innen der Medical School Hamburg). Der Altersdurchschnitt der Studienteilnehmenden betrug 27,5 Jahre.

Der Psychologe ermittelte zum einen die Bereitschaft der Studienteilnehmenden zur Übernahme von Selbstverantwortung anhand von Einstellungen und Verhaltensweisen in alltäglichen Situationen.

Hierfür sollten die Studienteilnehmenden unter anderem beantworten,

  • ob sie sich in Beziehungen eher für das eigene Wohl oder für das Wohl des Gegenübers verantwortlich fühlen,
  • wie hoch ihre Bereitschaft ist, negative Konsequenzen eigener Entscheidungen zu tragen,
  • ob Konflikte eher ausgetragen oder eher vermieden werden,
  • wie hoch die Bereitschaft ist, aktiv für das eigene Wohlbefinden einzutreten und
  • wie die eigenen Bedürfnisse oder Grenzen zum Ausdruck gebracht werden.

Der Fragebogen umfasste weitere Dimensionen, wie etwa

  • welche Rolle Fremdbestimmung im Leben der Studienteilnehmenden spielt, also der Eindruck, selbst wenig Einfluss auf das eigene Leben zu haben und eher von anderen Menschen bestimmt zu werden,
  • das Maß der Selbstbestimmung, welches auf eine unabhängige und selbstbewusste Haltung hinweist sowie
  • die Orientierung an den Erwartungen anderer, womit neben dem Wunsch, die Erwartungen anderer Personen zu erfüllen, auch die Angst vor eigenen Fehlern und vor Vorwürfen anderer Menschen beschrieben wird.

Darüber hinaus sollten die Studienteilnehmenden einen Fragebogen ausfüllen, der die Lebenszufriedenheit in den Lebensbereichen Sexualität, Ehe und Partnerschaft, der eigenen Person und der Beziehung zu den eigenen Kindern maß.

Studie zeigt: Selbstverantwortung geht mit Zufriedenheit einher

Die Studienergebnisse zeigen, dass die Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität umso höher ist, je weniger fremdbestimmt und je mehr selbstbestimmt sich eine Person fühlt und je weniger sie sich an den Erwartungen anderer orientiert.

Dies trifft nicht nur für die Sexualität, sondern ebenso für andere Bereiche des Zusammenlebens zu. Weiterhin kam die Studie zu folgenden Ergebnissen:

  • Je höher die Selbstverantwortung, desto höher die Zufriedenheit in der Partnerschaft.
  • Eine hohe Selbstverantwortung geht mit einer hohen persönlichen Zufriedenheit einher.
  • Hohe Selbstverantwortung geht mit hoher Zufriedenheit mit der Beziehung zu den eigenen Kindern einher.

Die Studienergebnisse müssen teilweise infrage gestellt werden

Die Studienergebnisse weisen nicht darauf hin, dass eine starke Orientierung an den Erwartungen des Partners bzw. der Partnerin die Zufriedenheit mit der Partnerschaft beeinträchtigt, was einer Erklärung bedarf.

Professor Dr. Reinhard Maß hält es für möglich, dass sich eine starke Orientierung an den Erwartungen des Partners bzw. der Partnerin in der Sexualität negativer auswirkt als in anderen Bereichen des Zusammenlebens, da es schwieriger sein kann, die sexuellen Wünsche des Partners bzw. der Partnerin abzuschlagen.

Der Psychologe hält es ebenfalls für​ denkbar, dass eine starke Orientierung an den Erwartungen des Partners bzw. der Partnerin neben den damit verbundenen Problemen auch zu einer gewissen Stabilisierung der Partnerschaft führt, sodass sich die Vor- und Nachteile die Waage halten.

Es könnte allerdings auch sein, dass eine starke Orientierung an den Erwartungen des Partners bzw. der Partnerin besonders schädlich für Partnerschaften ist und daher schnell zu einer Trennung führt.

In diesem Fall würde es bedeuten, dass an dieser Studie lediglich Paare teilgenommen haben, für die eine starke Orientierung an den Erwartungen des Partners bzw. der Partnerin kein gravierendes Problem darstellt.

Zudem waren die Studienteilnehmenden eher jung, viele befanden sich noch im Studium, waren unverheiratet und nur wenige hatten bereits Kinder, sodass man davon ausgehen kann, dass sie womöglich noch gar nicht zu dem Punkt gekommen waren, dass dieser Aspekt ein gravierendes Problem darstellt.

Es wurden auch plausible Zusammenhänge gefunden

Andere Studienergebnisse waren wiederum plausibler:

Dass Selbstverantwortung mit Zufriedenheit mit der eigenen Person einhergeht, hält der Studienautor naheliegend. Denn je mehr man sich seiner Selbstverantwortung bewusst ist, desto mehr kann man sein Leben aktiv im Sinne der eigenen Bedürfnisse gestalten.

Dieser Aspekt der Lebenszufriedenheit ist aber insbesondere auch abhängig von den sozialen Beziehungen und Kompetenzen eines Menschen, betont der Studienautor. So hängt die Zufriedenheit mit der eigenen Person unter anderem stark damit zusammen, wie gesellig und bindungsfähig man ist.

Kinder sind nicht für das Glück ihrer Eltern verantwortlich

Weiterhin lassen die Studienergebnisse auf einen starken Zusammenhang zwischen Selbstverantwortung und Zufriedenheit mit der Beziehung zu den eigenen Kindern schließen.

Da jedoch nur ein kleiner Teil der Studienteilnehmenden (20 Personen) angab, Kinder zu haben, ist nicht auszuschließen, dass die besondere Bedeutung von Selbstverantwortung bei der Elternschaft möglicherweise nicht für die Gesamtpopulation repräsentativ ist.

Denn nicht selten teilen Eltern ihren Kindern die Aufgabe zu, für ihr Glück zuständig zu sein. Das kann speziell bei Eltern der Fall sein, die dies nicht als ihre eigene Aufgabe betrachten – also bei Eltern, die zu wenig Selbstverantwortung übernehmen, wie Psychoanalytiker und Familientherapeut Helm Stierlin in seinen Publikationen schreibt.

Eine solche Übergabe der eigenen Verantwortung kann jedoch früher oder später zu Spannungen und Konflikten in der Familien führen. In nachfolgenden Forschungsprojekten sollten die in dieser Studie gefundenen Zusammenhänge an größeren Stichproben von Eltern überprüft werden.

Macht Selbstverantwortung zufriedener?

Grundsätzlich sagen die gefundenen Studienergebnisse lediglich aus, dass es Zusammenhänge zwischen Selbstverantwortung und Zufriedenheit gibt. Ob Selbstverantwortung die Ursache für Zufriedenheit ist, lässt sich aus den Ergebnissen der Studie nicht schließen.

Allerdings umfasste eine parallel von Maß durchgeführte Studie an depressiven Patient:innen zwei Messzeitpunkte, wodurch es möglich wurde, zu prüfen, ob Selbstverantwortung zufriedener macht. Bei dieser Studie zeigte sich, dass ein Rückgang der Depression mit der in der Therapie erreichten Selbstverantwortung zusammenhängt.

Dies spricht dafür, dass auch die Zufriedenheit in den hier untersuchten Lebensbereichen von der Selbstverantwortung beeinflusst wird. Um genauere Aussagen darüber machen zu können, ob gezielt durch Selbstverantwortung die Zufriedenheit eines Menschen verbessert werden kann, sind weitere Studien nötig, die den Zusammenhang beider Aspekte auf ihre Ursache und Wirkung untersuchen.

Das bedeuten die Studienergebnisse für Paare

Die Studienergebnisse sind ein Hinweis darauf, dass sexuelle Probleme zwischen Partnern aus einem Mangel an Selbstverantwortung entstehen können. Werden die eigenen sexuellen Bedürfnisse und Grenzen vernachlässigt und ist die Orientierung an den Wünschen und Abneigungen des Partners bzw. der Partnerin besonders stark, kann dies das sexuelle Wohlbefinden extrem beeinträchtigen.

Samantha Moss, Beziehungsexpertin und Redakteurin bei Romantific, ist der Meinung, dass die Ergebnisse der Studie deutlich zeigen, wie förderlich Selbstverantwortung für den Aufbau einer besseren Beziehung zum eigenen Partner bzw. zur eigenen Partnerin und erfüllten Sex ist.

Sie glaubt, dass insbesondere Paare, die bereit sind, die Verantwortung für ihr Leben und ihre Partnerschaft zu übernehmen, den Wert der Forschungsergebnisse erkennen und nutzen werden, um ihre Beziehung zu verbessern oder die Intimität zu vertiefen. Und zwar indem sie lernen, für jede Entscheidung, die sie für ihre Partnerschaft treffen, Verantwortung zu übernehmen.

„Die Ergebnisse der Studie könnten Menschen auch dazu anregen, über die eigenen Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse nachzudenken, bevor sie sich auf eine Partnerschaft einlassen.”, meint Moss, die davon überzeugt ist, dass Selbstreflexion eine essenzielle Rolle in einer erfüllten Partnerschaft spielt.

Beziehungsexpertin empfiehlt, Selbstreflexion zu üben

Moss empfiehlt Paaren, sich an Selbstreflexion zu üben. Im Besonderen rät sie Partnern, auf ihre Handlungen und Gedanken zu achten und zu lernen, für diese Verantwortung zu übernehmen und nicht das Gegenüber dafür verantwortlich zu machen.

„Es ist wichtig, dass man für seine eigenen Fehler einsteht, um eine reife und gesunde Beziehung führen zu können. Selbstdisziplin ermöglicht es einer Person, verantwortungsvoll zu handeln und zufrieden mit ihren Beziehungen zu anderen Menschen zu sein.”, fügt die Beziehungsexpertin hinzu.

Selbstverständlich ist es nicht immer leicht, festgefahrene Verhaltensmuster zu durchbrechen. Ein Experte bzw. eine Expertin, wie etwa ein Beziehungscoach, kann gegebenenfalls helfen.

Die Bereitschaft, Verantwortung für die eigenen Verhaltensweisen und Entscheidungen sowie alle positiven und negativen Folgen zu übernehmen, schafft jedoch eine wichtige Voraussetzung, Probleme in der Partnerschaft zu lösen und Dinge nachhaltig zu verändern.

Aussagekraft der Studie muss überprüft werden

Die Aussagekraft dieser Studie wird durch einige Umstände eingeschränkt. Zum einen nahmen überwiegend Studierende an der Studie teil, die zudem jung waren und einen hohen Bildungsgrad hatten. Außerdem war der Frauenanteil erhöht. Die Studienergebnisse sind daher nicht repräsentativ für die Bevölkerung.

Um die Verallgemeinerbarkeit der hier gezeigten Ergebnisse zu klären, müssten weiterführende Studien mit umfassenderen Stichproben durchgeführt werden.

Dabei sollte auch untersucht werden, ob der Zusammenhang zwischen Selbstverantwortung und Lebenszufriedenheit auf intervenierende Faktoren zurückzuführen ist. Denkbar wäre zum Beispiel, dass die Dauer der Partnerschaft, chronische körperliche Erkrankungen oder die Wahrnehmung des eigenen Körpers und der eigenen Handlungen einen Einfluss haben.

Weiterhin könnten Studien an Paaren mit wiederkehrenden Partnerschaftskonflikten oder an sexuell gestörten Paaren durchgeführt werden, die prüfen, ob bei diesen Paaren eine geringere Selbstverantwortung vorliegt.

Soziale Faktoren sind nicht außer Acht zu lassen

Abschließend möchten wir noch erwähnen, dass trotz der hier gezeigten Bedeutung der Selbstverantwortung die Lebenszufriedenheit (wie auch die seelische und körperliche Gesundheit) stark von sozialen Faktoren beeinflusst wird, wie Untersuchungen verdeutlichen.

Auf gewisse soziale Faktoren, wie etwa soziale Ungleichheiten (z. B. Einkommensungleichheit) oder fehlende sinnvolle staatliche Regulierungen (Klimaschutz etc.) lässt sich auf personeller Ebene kaum Einfluss nehmen.

So wie der Begriff der Selbstverantwortung in der hier erläuterten Studie verwendet wird, könnte er jedoch den aktiven Einsatz für die eigenen Interessen und Bedürfnisse fördern – sowohl in gesellschaftspolitischen Fragen (z. B. was die Gleichberechtigung von Frauen betrifft) als auch in privaten Lebensbereichen wie Partnerschaft und Sexualität.

Fazit: Gestalte deine Beziehungen bewusst durch Selbstverantwortung

Es ist nicht die Aufgabe unseres Partners oder unserer Partnerin, uns glücklich zu machen. Dafür sind wir selbst verantwortlich. Und es ist auch nicht unser Partner bzw. unsere Partnerin, der bzw. die uns traurig oder unglücklich macht – diese Gefühle entstehen durch unsere eigene Interpretation des Verhaltens oder der Worte unseres Gegenübers.

Wenn du dies erkennst und die Verantwortung für deine eigenen Gefühle und Erfahrungen übernimmst, trägst du den Schlüssel für einen verständnisvollen Umgang mit dir selbst und mit anderen in deiner Hand.

Die Ergebnisse der in diesem Beitrag diskutierten Studie zeigen, dass die Zufriedenheit in allen vier untersuchten Bereichen der Lebensqualität umso größer ist, je höher die Selbstverantwortung ist. Damit ist klar, wie wichtig Selbstverantwortung für die erfolgreiche Gestaltung sozialer Beziehungen und partnerschaftlicher Sexualität ist.

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