Frischgebackene Eltern: Geringere Sexuelle Aktivität beeinflusst kaum die sexuelle Zufriedenheit

Eine neue Studie gibt Aufschluss über das Sexleben frischgebackener Eltern. Ein überraschender Grund für eine verminderte sexuelle Aktivität ist die Häufigkeit der nächtlichen Besuche am Bett des Kindes.

Frischgebackene-Eltern-sind-zufrieden-mit-ihrem-Sexleben
In diesem Artikel

Früher oder später sehnen sich Paare nach der Geburt ihres Kindes in der Regel wieder nach Sex. Inmitten des Elternseins wieder zur Zweisamkeit zusammenzufinden, kann aber eine echte Herausforderung sein. Für Forschende der australischen Flinders Universität Grund genug, sich das Sexleben frischgebackener Eltern genauer anzusehen.

Überraschend an den Ergebnissen dürfte vor allem sein, dass eine verminderte sexuelle Aktivität nicht signifikant mit gutem Schlaf, sondern mit der Häufigkeit der nächtlichen Besuche am Bett des Kindes zusammenhing. In jedem Fall gibt es für Eltern – und solche, die es werden wollen – eine gute Nachricht: Die sexuelle Zufriedenheit muss bei geringerer sexueller Aktivität nicht leiden.

Emotional und herausfordernd: Die erste Zeit mit dem Baby

Die ersten Monate mit dem Baby gehören für Eltern zu den wohl schönsten und zugleich herausforderndsten Phasen. Mit einem geregelten Schlafrhythmus ist es dann oft erst einmal vorbei.

Nach der Geburt des ersten Kindes dauert es laut einer 2019 veröffentlichten Untersuchung sowohl bei Frauen als auch bei Männern bis zu sechs Jahre, bis sich die Zufriedenheit mit dem Schlaf und die Schlafdauer vollständig wiederherstellen.

Gleichzeitig gaben Eltern in einer anderen Studie sechs Monate nach der Geburt Müdigkeit als häufigsten Grund für das Ausbleiben sexueller Aktivitäten an.

Neues Forschungsprojekt gibt Aufschlüsse

In der nun im Journal of Sex Research erschienenen Studie untersuchten Forschende das Sexleben von 897 Eltern. Teilnehmen durften ausschließlich Eltern eines Babys oder Kleinkindes im Alter zwischen einem und 18 Monaten, die in einer Lebensgemeinschaft oder Ehe mit dem anderen Elternteil des Kindes leben.

Es handelt sich dabei um die erste Studie dieser Art, die den Zusammenhang zwischen sexueller Aktivität in der Partnerschaft nach der Geburt und unterschiedlicher schlafbezogener Verhaltensweisen der Eltern und des Kindes untersuchte. Das Forschungsprojekt wurde in zwei Teilen durchgeführt:

  1. Online-Umfrage: Die Eltern wurden unter anderem zu Faktoren wie sexueller Häufigkeit und Zufriedenheit, Schlaf, Beziehungszufriedenheit und Depressionen befragt.
  2. Objektive Messung: Über einen Zeitraum von zwei Wochen wurde eine automatische Audio-Videosomnographie am Bett des Kindes durchgeführt. Erfasst wurden insgesamt 8.460 Nächte.

Wann hatten die Eltern das erste Mal Sex nach der Geburt?

  • Die größte Gruppe der Eltern, knapp 30 Prozent, gab an, fünf bis sechs Wochen nach der Geburt erstmals wieder sexuell aktiv gewesen zu sein.
  • Bei etwas mehr als 20 Prozent ging es nach zwölf Wochen wieder zur Sache.
  • Bei nur 2,6 Prozent wurden innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Geburt sexuelle Aktivitäten verzeichnet.

Sex wurde in der Studie ausdrücklich über die klassische Penetration hinaus verstanden. Orale und anale Praktiken sowie die Befriedigung mit der Hand wurden explizit mit einbezogen.

Insgesamt gaben die befragten Eltern an, im Schnitt zwischen 3,8 und 4,2 mal pro Monat sexuell aktiv gewesen zu sein. Während die Häufigkeit der sexuellen Aktivitäten innerhalb des ersten halben Jahres mit dem Alter des Nachwuchses zunahm, ließen sich danach innerhalb des untersuchten Zeitraums keine signifikanten Änderungen mehr feststellen.

Die Ergebnisse dürften einige überraschen

Nach Bereinigung der Ergebnisse stellten die Forschenden lediglich eine Variable fest, die im Zusammenhang mit selteneren sexuellen Aktivitäten stand: Die Häufigkeit der Besuche am Bett des Kindes. Unabhängig vom Alter des Kindes erfassten sie zwischen diesen beiden Faktoren einen signifikanten Zusammenhang.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht der gestörte Schlaf des Kindes oder der Eltern an sich, sondern vielmehr die nächtliche Beschäftigung der Eltern mit dem Kind mit einer geringeren Häufigkeit der sexuellen Aktivität der Eltern verbunden ist“, fasst Dr. Michal Kahn, eine der Autorinnen der Studie, in einem Kommentar zusammen.

Der Einfluss der Besuche am Kinderbett

Unter den Eltern, die durchschnittlich null bis drei Mal pro Nacht ans Bett des Kindes gingen, gab es keinerlei signifikanten Unterschiede in der sexuellen Aktivität.

Allerdings hatten Eltern, die im Schnitt 0 bis 0,5 mal pro Nacht bei ihren Kindern vorbeischauten, im Schnitt doppelt so oft Sex wie jene, die mehr als vier Mal pro Nacht das Kinderbett besuchten. Das entspricht einer durchschnittlichen Häufigkeit von 4,2 vs. 2,3 mal pro Monat.

Mögliche Erklärungen

In einem Interview mit der Online-Zeitung The New Daily führt die Co-Autorin der Studie Dr. Kahn mögliche Theorien als Erklärung für die Auswirkungen der Besuche am Kinderbett an.

„Zum einen wird emotionale Energie investiert, die womöglich mit Frust, Angst oder anderen Emotionen einhergeht und die emotionalen Ressourcen der Eltern aufbraucht“, so Kahn. Dabei könne sich etwa aus der Schwierigkeit, das Weinen des Kindes auszuhalten, eine emotionale Herausforderung ergeben. Aber auch Konflikte zwischen den Eltern über den Umgang mit der Situation wirkten sich potenziell negativ aus.

Darüber hinaus könnten die physischen Komponenten des nächtlichen Aufstehens sich zum Beispiel störend auf den Schlaf-wach-Rhythmus auswirken und seien daher ebenfalls nicht zu vernachlässigen, führt Kahn weiter aus.

Letztlich seien die Gründe für die verringerte sexuelle Aktivität der Eltern bei häufigeren Besuchen am Kinderbett vermutlich auf komplexe Wechselwirkungen zwischen biologischen, psychologischen und interpersonellen Faktoren zurückzuführen.

Die sexuelle Zufriedenheit blieb stabil

Doch die Studie hält noch eine weitere potenzielle Überraschung bereit: Der Grad der sexuellen Zufriedenheit stand nämlich weder im Zusammenhang mit dem Schlafverhalten der Eltern oder des Kindes noch mit nächtlichen Besuchen am Bett des Kindes.

Dies könnte die Funde einer 2020 erschienenen Untersuchung bestätigen: Demnach blieb die sexuelle Zufriedenheit der Eltern von der Schwangerschaft bis hin zum ersten Jahr nach der Geburt stabil – trotz eines Rückgangs sexueller Aktivitäten und gesunkenen Verlangens.

Doch warum blieb die sexuelle Zufriedenheit der frischgebackenen Eltern stabil? Dafür haben die Forschenden der Flinders Universität einige Erklärungsansätze. Ein Grund könnte darin liegen, dass Eltern die Verringerung ihrer sexuellen Aktivitäten nach der Geburt des Kindes als eine normale, temporäre Auswirkung wahrnahmen.

Eventuell hing die stabile sexuelle Zufriedenheit auch mit einer gesteigerten Intimität nach der Geburt eines gemeinsamen Kindes zusammen, welche zu einer höheren Zufriedenheit mit dem Sexleben führen kann.

Welche Rolle spielt der Schlaf?

Ganz allgemein führt ein gesundes Schlafverhalten zu einem gesünderen Sexleben – zu diesem Ergebnis kommt ein Großteil der Untersuchungen, der sich mit einem möglichen Zusammenhang beider Bereiche befasst hat.

Auch wenn in der vorliegenden Studie kein direkter Zusammenhang zwischen dem Schlafverhalten und sexueller Aktivität beobachtet werden konnte, halten die Forschenden es für plausibel, dass der fragmentierte Schlaf infolge des nächtlichen Kümmerns das Sexleben der Eltern indirekt beeinträchtigt.

So könnte Müdigkeit bei Eltern das Risiko für Konflikte zwischen den Eltern und Stress sowie das Auftreten von Depressionen erhöhen und dadurch zu einer Verringerung der sexuellen Aktivität beitragen.

Die Aussagekraft der Studie

Mit knapp 900 Teilnehmenden wies die Untersuchung zum Sexleben frischgebackener Eltern eine solide Studiengröße auf. Im Gegensatz zu vergleichbaren Studien wurden neben Befragungen der Eltern außerdem objektive Messungen durch eine Kamera am Kinderbett durchgeführt.

Kritisch ist anzumerken, dass das Stillen in der vorliegenden Studie keine Berücksichtigung fand, obwohl es mit seinen physischen und psychischen Implikationen potenziell entscheidende Auswirkungen auf das Sexleben haben könnte.

Da in der Studie vorwiegend weiße, heterosexuelle Eltern mit einem mittleren bis hohen sozio-ökonomischen Background untersucht wurden, wäre für künftige Forschungsprojekte mehr soziale Diversität wünschenswert.

Was bedeuten die Ergebnisse für Eltern?

Dass die Häufigkeit sexueller Aktivität womöglich nicht durch das Schlafverhalten, sondern die Anzahl der Besuche am Kinderbett bedingt wird, könnte für frischgebackene Eltern eine gute Nachricht sein – schließlich handelt es sich bei Letzterem um einen Faktor, der sich potenziell besser beeinflussen lässt.

„Während junge Säuglinge zum Einschlafen noch viel äußere Unterstützung benötigen, können die meisten Säuglinge in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres allmählich lernen, ihren Schlaf selbst zu regulieren.“, so Dr. Kahn.

Wer schrittweise den selbstständigen Schlaf seines Kindes fördere, könne also sowohl für einen gesunden Schlaf als auch für ein lebendiges Sexleben etwas Gutes tun – und damit gleich doppelt das Wohlbefinden verbessern.

Das eigene Tempo finden

Ganz egal, wie schnell oder ruhig ihr es nach der Geburt angehen lasst – wie so oft gibt es auch hier kein richtig und kein falsch: Wann man sich zu wie viel Sex bereit fühlt, ist bei jeder und jedem anders. Dabei ist es nach einem Ereignis, welches das Leben dermaßen auf den Kopf stellt, vollkommen natürlich, seine Bedürfnisse erst einmal von Neuem entdecken und sortieren zu müssen.

Ganz grundsätzlich gilt es, sich nicht von anderen verunsichern zu lassen. Denn bekanntlich ist das Gras auf der anderen Seite immer grüner – und gerade beim Thema Sex stellen wir uns vor anderen wohl alle gerne in einem guten Licht dar. Die gute Nachricht ist, dass schon unzählige Paare vor euch in derselben Situation waren und Menschen mit mehreren Kindern der lebende Beweis dafür sein dürften, dass ihr auch als Eltern keinesfalls auf Sex verzichten müsst.

War der Artikel hilfreich?