Ist Untreue ansteckend? Wie soziale Normen unser Verhalten beeinflussen

Israelische Forschende untersuchten mögliche Auswirkungen der Konfrontation mit Untreue

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In diesem Artikel
  • Monogamie ist und bleibt in westlichen Gesellschaften das vorherrschende Beziehungskonzept – das Begehren an anderen Personen ist damit jedoch nicht verschwunden.
  • In insgesamt drei Studien israelischer Forschender wurden Proband:innen mit Untreue sowie Betrug in Testsituationen konfrontiert.
  • Wurden Teilnehmer:innen mit Untreue konfrontiert, berichteten sie von einem geringeren Grad an Commitment innerhalb ihrer Beziehung und zeigten ein gesteigertes Interesse an potenziellen anderen Partner:innen.

Monogame Beziehungen als Norm

Während alternative Partnerschaftsmodelle Einzug in unsere Leben und Schlafzimmer halten, ist und bleibt die Monogamie in westlichen Gesellschaften die vorherrschende Form der Beziehung.

Auch in monogamen Partnerschaften bleibt in der Regel jedoch ein Begehren gegenüber anderen bestehen. Hieraus ergibt sich ein Handlungskonflikt: Geht man kurzfristigen Impulsen nach oder den Lösungen, die vom moralischen Standpunkt aus langfristig als erwünscht gelten?

Verschiedene Bewältigungsstrategien helfen dabei, mit diesem Konflikt umzugehen. So zeigte etwa eine US-amerikanische Studie bereits im Jahr 1990, dass Menschen in Beziehungen dazu tendieren, junge Personen des anderen Geschlechts als körperlich und sexuell weniger attraktiv wahrzunehmen.

3 Fakten über Untreue

  • In einer US-amerikanischen Befragung von 2016 gaben zwei bis vier Prozent der Eheleute an, in den letzten zwölf Monaten Sex mit einer anderen Person gehabt zu haben.
  • Untreue ist saisonalen Schwankungen unterlegen. Die meisten Seitensprünge geschehen im Sommer.
  • Untreue ist der häufigste Grund für Scheidungen.

Welchen Einfluss soziale Normen auf unser Verhalten nehmen

Soziale Normen beeinflussen stark, wie wir uns verhalten. Sie geben vor, welches Verhalten als normal akzeptiert wird und ordnen das eigene Handeln entsprechend ein. Damit sind sie ein Richtwert dafür, ob und in welchem Maße man das eigene Tun als moralisch richtig bezeichnet.

Schon im Jahr 2007 zeigte eine US-amerikanische Studie, dass Proband:innen, die mit dem Schummeln eines Mitglieds in ihrer eigenen Gruppe konfrontiert wurden, selbst eher zu Betrug tendierten. Das Interessante: Wurde das Schummeln bei einem Mitglied einer anderen Gruppe beobachtet, neigten die Teilnehmenden sogar weniger zu unethischem Verhalten.

Die Forschenden der vorliegenden israelischen Studie gingen analog dazu davon aus, dass sich der Handlungskonflikt zwischen Monogamie und außerpartnerschaftlichem Verlangen abschwäche, wenn Seitensprünge in der eigenen Gesellschaft akzeptiert würden.

Was bisherige Untersuchungen über Untreue verraten

Im Hinblick auf Seitensprünge beschäftigten sich Forschende bisher vorwiegend mit Parametern, welche die jeweiligen Beziehungen und Partner betreffen. So untersuchte eine 2017 zu dem Thema veröffentlichte Review Faktoren, die Beziehungen anfälliger für Untreue machten – und kam zum Ergebnis, dass sowohl Bindungsunsicherheit als auch Unzufriedenheit und ein geringeres Commitment Seitensprünge begünstigen können.

Trotz dieser zweifelsohne wichtigen Erkenntnisse dürfen Partnerschaften nicht losgelöst von ihrer Umgebung betrachtet werden. Allerdings weiß man bislang recht wenig über die äußeren Umstände, welche zu Untreue beitragen können. Für die Wissenschaftler:innen Grund genug, um zu untersuchen, inwiefern Personen in monogamen Beziehungen sich in Sachen Untreue vom (vermeintlichen) Verhalten ihrer Mitmenschen beeinflussen lassen.

Die Durchführung der Studie

An der Studie von Forschenden der Reichman Universität im israelischen Herzlia nahmen 145 Bachelor-Studierende – 88 Frauen, 57 Männer – einer israelischen Universität als Freiwillige teil.

Um trotz der verhältnismäßig kleinen Untersuchungsgröße eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten, galt eine monogame Partnerschaft mit einer Dauer von mindestens vier Monaten als Voraussetzung für die Aufnahme in die Studie. Bei einer Altersspanne von 20 bis 57 lag das Durchschnittsalter der Teilnehmer:innen bei knapp 27 Jahren.

Die Studie setzte sich aus drei verschiedenen Untersuchungen zusammen. In diesen wurden die Proband:innen unter anderem mit Untreue sowie grundsätzlich unethischem Verhalten anderer konfrontiert. Daraufhin wurden die Fantasien und das ausgedrückte Interesse gegenüber potenziellen anderen Partnern sowie die Neigung zum offensichtlichen Flirten der Teilnehmer:innen untersucht.

Die Untersuchungen im Detail

Teil der Studie war eine Untersuchung, bei den Teilnehmer:innen zwei Varianten vermeintlicher Studienergebnisse vorgelegt wurden. Diese verwiesen entweder auf eine häufige Verbreitung von Untreue oder von akademischem Betrug.

Im Anschluss wurden die Proband:innen via Instant Messenger von einem attraktiven Interviewer des anderen Geschlechts interviewt. Nach dem Interview sollten die Teilnehmer:innen der Person eine Nachricht schicken und gegenüber den Forschenden unter anderem angeben, wie hoch sie die sexuelle Attraktivität ihres Gegenübers einschätzten.

Im Vergleich zu der Konfrontation mit verbreitetem Betrug im akademischen Kontext führte die Konfrontation mit verbreiteter Untreue in Partnerschaften häufiger zu einem gesunkenen Commitment gegenüber den eigenen Partner:innen. Eine weitere Analyse ergab, dass die Konfrontation mit Untreue in Partnerschaften im Zusammenhang damit stand, die Attraktivität des Gegenübers als höher einzuschätzen und in der anschließenden Nachricht einen größeren Aufwand einzugehen, um diese wiederzusehen.

Die Auswirkungen der Konfrontation mit Untreue

Wurden Proband:innen in den Studien mit verbreiteter Untreue anderer Personen konfrontiert, berichteten sie insgesamt von einem geringeren Grad an Commitment innerhalb ihrer Beziehung und zeigten ein gesteigertes Interesse an potenziellen anderen Partner:innen.

Die Forschenden schließen daraus, dass entsprechende Umgebungen Personen anfälliger gegenüber Untreue machten oder sie sogar damit „infizierten“. So könne ein entsprechendes Umfeld die Motivation verringern, die Bindung mit dem oder der aktuellen Partner:in zu pflegen und den Widerstand gegenüber der Anziehung anderer Partner schwächen.

Die Einordnung der Ergebnisse

Es handelt sich bei der vorliegenden Studie um die erste bekannte Untersuchung, welche zeigt, dass Verhalten entgegen etablierter sozialer Normen nicht nur in Gruppen, sondern auch in Paarbeziehungen die Wahrscheinlichkeit von unethischem Verhalten erhöhen könnte.

Die Untersuchung kommt zu einer Zeit, in der immer mehr Konstrukte es möglich machen, auch außerhalb von monogamen Beziehungen sexuelle Aktivitäten nachzugehen. Die Wissenschaftler:innen weisen, basierend auf den Ergebnissen der Studie, darauf hin, dass das Verlangen nach anderen dadurch zusätzlich entfesselt werden könnte.

Gleichzeitig betonen die Forschenden die Eigenverantwortung jedes und jeder Einzelnen – unabhängig davon, ob man in der näheren Umgebung oder etwa auf Social Media mit Untreue konfrontiert werde. Nichtsdestotrotz erkennen sie an, dass ein entsprechendes Umfeld den letzten Schub geben könnte, wenn man ohnehin schon mit dem Gedanken eines Seitensprungs spiele.

Außerdem sei es wichtig zu bemerken, dass Faktoren innerhalb der Beziehung, wie etwa ein starkes Commitment, die Wahrscheinlichkeit für Untreue senken können.

Einschränkungen der Studie

Aufgrund der verhältnismäßig kleinen Versuchsgruppe fokussierte sich die Untersuchung ausschließlich auf heterosexuelle monogame Beziehungen. In der Zukunft wären die Ergebnisse entsprechender Untersuchungen in einem diversen Umfeld interessant.

Darüber hinaus gaben die Macher:innen der Studie zu bedenken, dass das Verlangen nach anderen potenziellen Partner:innen, entsprechende Fantasien und sogar das Flirten mit ihnen noch nicht bedeuten müssten, dass man tatsächlich untreu werde.

Die Studie lässt auch Fragen offen

Die Wissenschaftler:innen fanden heraus, dass eine Konfrontation mit der vermeintlich häufigen Verbreitung von Untreue eine größere Wirkung auf das Verlangen nach alternativen Partner:innen ausübte, als es eine Konfrontation mit Betrug im akademischen Kontext tat.

Allerdings können die Forschenden nicht sagen, ob und inwiefern die Konfrontation mit grundsätzlichem Betrug zu Untreue anregte, da es keine Kontrollgruppe gab, in der die Proband:innen mit keinerlei Form von unmoralischem Verhalten konfrontiert wurden.

Während die Auswirkungen von Untreue auf das Verlangen nach alternativen Partner:innen beschrieben wurden, bleibt der genaue Zusammenhang zudem offen. Als Hypothese führen die Wissenschaftler:innen an, dass die Konfrontation mit häufiger Untreue langfristige Ziele womöglich weniger attraktiv erscheinen lasse und das Schuldgefühl oder den Widerstand gegenüber Untreue reduziere.

Reiz oder Risiko? Die Rolle der Wahrnehmung eines Seitensprungs

Obwohl Ehe- und Familientherapeutin Sharon O’Neill die Befunde der Studie auf Basis ihrer Erfahrungen in ihrer Praxis bestätigen kann, weist sie auch auf die Bedeutung der Art der Darstellung von Untreue hin. Im Hinblick auf die Beeinflussung des eigenen Verhaltens spiele es eine große Rolle, ob die Person eher die Vorzüge oder die Risiken eines Seitensprungs wahrnehme, gibt O’Neill zu bedenken.

Nach ihrer Erfahrung tendieren Menschen, die etwa über einen guten Freund oder eine Serie die negativen Auswirkungen von Untreue beobachtet hatten, eher dazu, einen Seitensprung zu überdenken: „Eine Person wird sich entsprechend Gedanken über ihren aktuellen Status, ihren Partner und ihre Familie machen und bedenken, was sie verlieren könnte: Sie wird es anhand von Beispielen, die sie kennengelernt hat, durchspielen.“

Gleichzeitig gibt O’Neill an, dass sie überwiegend mit Fällen konfrontiert sei, in denen der Seitensprung bereits geschehen sei und die Klient:innen es bereuten, die Konsequenzen im Vorfeld nicht ausreichend bedacht und Probleme in der Beziehung nicht rechtzeitig erörtert zu haben.

Fragen für zukünftige Forschungen

Für weitere Forschungsprojekte stellt sich die Frage, wie der Einfluss von neutralen beziehungsweise positiven und negativen Sichtweisen auf Untreue und ihre Konsequenzen sich im Hinblick auf das eigene Verhalten unterscheiden könnte. Darüber hinaus wäre die weitere Erforschung von Mechanismen interessant, welche das Begehren in der bestehenden Beziehung ankurbeln könnten – wie zum Beispiel das bewusste Einnehmen der Perspektive des Gegenübers.

Zudem werfen die Wissenschaftler:innen die Frage auf, welchen Einfluss Interventionen wie etwa das REVISE-Modell nehmen könnten, welche an moralisches Verhalten appellieren und in anderen Kontexten bereits erfolgreich eingesetzt wurden.

Das REVISE-Modell setzt sich aus folgenden drei Prinzipien zusammen:

  • REMINDING: Hervorhebung moralischer Handlungen durch subtile Hinweise. Menschen wird es somit erschwert, unehrliche Handlungen zu rechtfertigen.
  • VISIBILITY: Einschränkung der Anonymität, Förderung der Kontrolle durch Gleichaltrige und Schaffung verantwortungsvoller Normen.
  • SELF-ENGAGEMENT: Menschen werden dazu motiviert, ein positives Bild von sich als moralische Person zu pflegen. Die Differenz zwischen moralischen Werten und realem Verhalten kann verringert werden.

Teile des REVISE-Modells wurden im Rahmen eines Experiments erfolgreich an zwei Eisenbahnstationen in Frankreich angewandt, um das Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln zu unterbinden.

Noch ist unklar, ob das REVISE-Modell auch dazu beitragen könnte, der Anziehung von Personen außerhalb einer monogamen Beziehung zu widerstehen.

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