Frauen sind mehr als weiblich sozialisierte Personen

Von Antje Schrupp

Seit einiger Zeit bemerke ich mit wachsendem Unbehagen, wie sich die Angewohnheit verbreitet (nicht überall auf der Welt zum Glück, aber in meiner Ecke vom Internet), Frauen nicht mehr als solche, sondern als „weiblich sozialisierte Personen“ zu bezeichnen. Ich empfinde das als ein Ärgernis, zuweilen sogar als Beleidigung.

Warum?

Weil es mir meine Subjektivität abspricht. Weil diese Formulierung unterstellt, dass das, was ich tue und sage, nur deshalb „weiblich“ sei, weil ich so sozialisiert wurde. Das stimmt aber nicht. Natürlich will ich nicht abstreiten, dass ich weiblich sozialisiert bin. Und natürlich durchdringt diese Sozialisation alles, sie lässt sich nicht von anderen Aspekten meiner Person abtrennen.

Aber meine Person wird extrem verkürzt wahrgenommen, wenn man mein Frausein allein auf das „weiblich sozialisiert sein“ beschränkt. Ich, Antje Schrupp, bin eine Frau, und das nicht nur, weil ich weiblich sozialisiert wurde. Sondern auch aus vielen anderen Gründen.

Ein anderer Grund, warum ich eine Frau bin, ist – face it – die Biologie. Ich bin auf die Welt gekommen, ausgestattet mit einer Gebärmutter, was lange Zeit erst einmal keine große Bedeutung hatte, aber im Teenageralter eine sehr große Bedeutung annahm, weil ich mit der Tatsache umgehen musste, dass ich bei einer bestimmten Art von Sex mit Männern schwanger werden kann. Die Art und Weise wie das Thema „Kinderkriegen“ gesellschaftlich verhandelt wird, ist natürlich aufs Engste mit Sozialisierungen vermengt, aber im Kern hat es nichts mit Sozialisation zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie Menschen sich fortpflanzen.

Ein weiterer Grund, warum ich eine Frau bin, ist, dass ich meine Erfahrungen im Leben, die nichts anderes sein können als die Erfahrungen einer Frau (und zum Beispiel nicht die eines Mannes) subjektiv bearbeite. Dass ich also darüber reflektiere, mit anderen darüber spreche, davon ausgehend zu diesen oder jenen Entscheidungen komme – zu Entscheidungen, die meine eigenen Entscheidungen sind, die Entscheidungen von Antje Schrupp, also einzigartig. Sie sind nicht einfach eine zwangsläufige Folge meiner Sozialisation.

Zu dieser meiner weiblichen Subjektivität gehört zum Beispiel die Reflektion und das politische Engagement in der Frauenbewegung, das ich aktiv gesucht habe, niemand hat mich dazu erzogen. Dazu gehört auch die Entscheidung, mich einer bestimmten Richtung des Feminismus anzuschließen und anderen Richtungen nicht. Die Art und Weise, wie ich, von der Tatsache meines Frauseins ausgehend, gehandelt habe, baut natürlich auf meiner Sozialisation auf. Aber sie ist gleichzeitig Ausdruck meiner Subjektivität und Individualität. Die aber dennoch unabdingbar die Subjektivität und Individualität einer Frau ist, sie ist von meinem Frausein nicht zu trennen.

Frausein bedeutet, mit einer bestimmten Position in dieser Welt ausgestattet zu sein. Die Geschlechterdifferenz, die alle möglichen Aspekte unserer Welt auf vielfältige Art und Weise prägt (ob uns das nun gefällt oder nicht), durchquert mein Personsein permanent. Es ist unentwirrbar, es ist nicht möglich, mein „Frausein“ von meinem „Menschsein“ zu trennen, wie es die Rede von der „weiblich sozialisierten Person“ suggeriert.

Kein Mensch kommt nämlich als Tabula Rasa auf die Welt. Jeder Mensch kann nur von einer bestimmten Position aus handeln. Jeder Mensch ist „irgend etwas“, kein Mensch ist einfach nur „Mensch“. Wir alle sind mit bestimmten Körpern ausgestatt, die wir uns nicht ausgesucht haben, und wir alle waren nach unserer Geburt viele Jahre lang vollkommen auf andere Menschen angewiesen und ihnen also auf gewisse Weise auch ausgeliefert. Eine Kränkung ist das nur für Subjekte, die sich als „autonom“ phantasieren. In Wirklichkeit ist es so ziemlich das einzig „Normale“, was sich über das Menschsein sagen lässt.

Dass man nicht vollständig über sich selbst bestimmen kann, niemals, ist eine unhintergehbare Bedingung des Menschseins. Menschsein bedeutet aber gleichzeitig, frei zu sein, also nicht vollständig determiniert, sondern Individualität und Subjektivität ausbilden zu können. Jedoch nicht eine „allgemeine“, „universale“ Subjektivität. Wir können nur eine partikulare Subjektivität ausbilden, sozusagen die einer „bestimmten Sorte“ Mensch.

Das heißt, JEDE menschliche Individualität und Subjektivität ist partikular – auch die männliche, was sich allerdings große Teile des männlichen Denkens nicht klar gemacht haben, weil sie die eigene Partikularität als „normal“ definiert haben und die der Frauen als „Abweichung“. Das ist der Grund für eine Vielzahl von Defiziten in diesem männlichen Denken, zum Beispiel die unsinnige Idee der „Repräsentation“. Niemand kann aber an der Stelle von anderen sprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das, was wir in erster Person sagen und tun, einfach nur „persönlich“ oder „privat“ wäre. Gerade und ausschließlich die partikulare Subjektivität enthält Erkenntniswert für die Allgemeinheit. Die sich als „universal“ ausgebende Subjektivität hingegen ist eine Schimäre, die uns alle in die Irre führt.

Nur Frauen können sagen, was Frauen erleben. Weil Menschen, die keine Frauen sind, niemals erlebt haben können, was Frauen erleben. Die Art und Weise, wie eine bestimmte Frau das beschreibt, was sie erlebt, ist aber subjektiv, das heißt, sie unterscheidet sich von der Art und Weise, wie andere Frauen dasselbe beschreiben.

Frauenleben sind untereinander vielfältig, teilweise auch konträr. Und weibliche Subjektivität ebenfalls. Das heißt: Weder machen alle Frauen dieselben Erfahrungen (allein schon, weil es solche und solche Frauen gibt, zum Beispiel privilegiertere und weniger privilegierte). Aber auch: Selbst wenn Frauen dieselbe Erfahrung machen, kann die eine das so und die andere anders bearbeiten. Weil Frauen nämlich freie Subjekte sind. Deshalb kann es niemals eine einheitliche „Frauenmeinung“ geben. Aber das bedeutet eben gerade nicht, dass das Frausein dieser so verschiedenen Individuen belanglos wäre – ganz im Gegenteil.

Das zu verstehen ist unabdingbar, um Pluralität als wesentlichen Teil von Politik zu begreifen. Denn die Erfahrungen der Geschlechterdifferenz, also die Erkenntnis, dass Frauen nicht für Männer sprechen können und Männer nicht für Frauen, lässt sich quasi als Blueprint auf fast alle anderen Arten von gesellschaftlichen Differenzen übertragen – wenn auch in entsprechenden Modifizierungen.

Biodeutsche können nicht für Migrantinnen sprechen, Weiße nicht für People of Color, Reiche nicht für Menschen mit Armutserfahrungen und so weiter (andersrum natürlich auch nicht, aber andersrum kommt es auch selten vor).

Und bei all diesen „marginalisierten Gruppen“ – auch das ist ein blöder Begriff, denn die Erfahrungen, die Personen aus diesen Gruppen machen, enthalten eine viel größere Fülle an Erkenntnissen und Impulsen für das gesellschaftliche Zusammenleben als die Defizit-Klassifizierung als „Marginalisierte“ unterstellt – ist es dasselbe: Die gesellschaftliche Position (wovon die Sozialisierung ein Teil ist) stellt nur den Ausgangspunkt dar. Sie stellt diesen Personen ein Mehr an Wissen, an Möglichkeiten, an Erfahrungspotenzialen zur Verfügung, die sie dann subjektiv und individuell verarbeiten, und das mehr oder weniger originell, mehr oder weniger klug. Aber der Punkt ist: Ausschließlich aus diesem Mehr heraus, das aus den Differenzen entsteht, folgen relevante Handlungen und Interventionen mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Das ist der Kern des Pluralismus und das ist der Kern der Politik.

Mit Sozialisation hat das nur unter vielem anderen etwas zu tun. Und deshalb ist es mir wichtig, zu betonen, dass ich eine Frau bin, und den Begriff „weiblich sozialisierte Person“ für mich ablehne.

Dieser Text ist bereits auf dem Blog von Antje Schrupp erschienen.

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