Für echte Wahlfreiheit

Von Catherine, Bloggerin im feministischen Nähblock Cat und Kascha

Ich sage: Nein zum Betreuungsgeld!

Warum? Einige Gründe liegen auf der Hand: Der Kitaausbau stockt, die CSU erpresst sich ein Gesetz, dass niemand will, Studien zeigen, dass in Schweden und Thüringen das Betreuungsgeld gerade Kindern aus bildungsfernen Schichten eher schadet als nutzt. Das sind alles Gründe, die für mich nachvollziehbar und richtig sind.

Gleichzeitig geht es mir, wie so oft, mit der ganzen Diskussion nicht genug an den Kern der Sache. Es werden im Prinzip mal wieder zwei Modelle gegeneinander in Stellung gebracht: Frauen, die schnell wieder arbeiten gehen gegen Frauen, die Zuhause bleiben. Es handelt sich also auch um einen Kampf umd die Deutungshoheit darüber, wie heute der richtige weibliche Lebensentwurf aussieht. Ausgeklammert wird – mal wieder – die ökonomische Basis. Wir leben und arbeiten in einer kapitalistischen Ökonomie, ein ca. 250 Jahre alter Zustand und keinesfalls so ahistorisch und naturgegeben, wie es oft erscheint. Im Kapitalismus verkauft der doppelt freie Lohnarbeiter (frei von Produktionsmitteln, aber auch freier Bürger, also frei zum Vertragsabschluss mit dem „Arbeitgeber“) seine Ware Arbeitskraft. Die Arbeitskraft vernutzt die Kapitalseite in dem Zeitraum , für den sie bezahlt. Dabei wird (wer es jetzt noch genauer haben möchte, dem sei z.B. dieses Buch als Einstieg empfohlen) der Lohnarbeiter einen Mehrwert erarbeiten, den sich die Kapitalseite aneignet. Arbeiten in diesem ökonomischen System ist also nicht Emanzipation und/oder Befreiung, sondern das Gegenteil: Es handelt sich um entfremdete Arbeit, um Ausbeutung im weitesten Sinne.

Wie emanzipatorisch ist Lohnarbeit?

Wenn jetzt also die Erwerbsarbeit von Frauen als Ziel an sich dargestellt wird und als emapzipatorische Pflichtübung gegen die Frauen herausgehoben wird, die nicht lohnarbeiten – dann finde ich das analytisch völlig falsch. Lohnarbeit kann an sich nicht emanzipatorisch sein, weil sie auf einem Zwangsverhältnis beruht, das da lautet: Wer in dieser Gesellschaft nicht arbeitet, soll auch nicht essen – oder nur das allernotwendigste.

Das wäre jetzt ein schön einfacher Grund, das Betreuungsgeld ganz toll zu finden: Geld ohne Zwang!
Aber da gibt es leider noch ein paar Widersprüche, die sich vom Abstrakten zum Konkreten zurückwenden.
Die Gesellschaft ist nun mal so strukturiert, dass eine eigenständige Existenzsicherung für jedes Individuum eine ganz gute Idee ist. Die Einbindung des weiblichen Arbeitsvermögens in den Kapitalkreislauf ist dabei leider auch ein nicht-intendierter Nebeneffekt der Frauenbewegung, die die finanzielle und rechtliche Abhängigkeit vom Ehemann beenden wollte. Völlig zurecht! Aber das steigende Angebot auf dem Arbeitsmarkt (ohne jetzt der alten Floskel der weiblichen Schmutz/Unterbietungskonkurrenz Futter geben zu wollen) führt eben auch zu Veränderung des Ernähermodells: Ein Einkommen reicht oft nicht mehr für eine Familie, prekäre und geringfügige Beschäftigung breitet sich aus, Pflege- und Fürsorgearbeit wird zunehmend warenförmig („marktförmig“) organisiert. Mehr Lebensbereiche fallen in den Bereich der kapitalistischen Ökonomie.

Dabei ändern sich Bedürfnisse (Frauen wollen eigenes Geld verdienen und müssen sich zunehmend rechtfertigen, wenn sie es nicht tun) und auch die gesetzliches Lage (Das neue Unterhaltsrecht bestraft Frauen, die Zuhause bleiben schnell und gnadenlos). Und natürlich gehen viele Frauen auch gerne arbeiten, weil es Spaß macht, befriedigend ist, weil es gut tut oder warum auch immer. Ich gehe z.B. auch ziemlich gerne arbeiten. Das ändert aber nichts an der grundlegenden Analyse sondern zeigt eher, dass Arbeit als Teilnahme am Gemeinwesen nicht zwingend die Form von Lohnarbeit haben muss.

Unterentwickelte Infrastruktur

Gleichzeitig ist die Infrastruktur für diese Entwicklungen noch absolut unterentwickelt: Geht man von der vollständigen eigenen Existenzsicherung von Frauen aus und geht man desweiteren davon aus, dass Frauen sich doch hier und da – obwohl die Situation nicht zwingend dafür spricht – für Kinder entscheiden, dann geht es nicht ohne eine entsprechende Infrastruktur.

Und wenn ich mir das neue Unterhaltsrecht ansehe und dann die Arbeitsmarktsituation, wo Frauen und Männer nach längeren Berufsunterbrechungen (meistens Frauen natürlich) kaum mehr ein Bein an die Erde bekommen und sehe ich dann noch die Scheidungsstatistiken, dann entscheide ich mich doch eher fürs lohnarbeiten. Aber das muss jede/r für sich selbst entscheiden, es ist einfach aus meiner Sicht ziemlich riskant.

Wenn ich dann aber höre, dass dieses Risiko mit einem Betreuungsgeld auch noch forciert wird, anstatt erstmal die Infrastruktur aufzubauen, wo Kinder tatsächlich bestens betreut und versorgt werde, dann sträubt sich mir schon mal ein Nackenhäärchen. Und deshalb bin ich gegen das Betreuungsgeld, jetzt und in dieser Gesellschaft. Was mich zusätzlich ziemlich auf die Palme bringt ist, dass das Geld ja auch dann ausgezahlt werden soll, wenn die Betreuung irgendwie privat organisiert wird – Privilegienmutti lässt grüßen – während die, die ohnehin zuwenig haben, gar nichts bekommen. Weder Kitaplatz noch Betreuungsgeld. Denn auf Hartz4 wird das Betreuungsgeld natürlich voll angerechnet.

Andere Arbeit – echte Wahlfreiheit

Ich bin dafür, die Art wie wir arbeiten (müssen) insgesamt zu hinterfragen: Warum ist es eigentlich ein Drama, wenn man ein paar Jahre nicht arbeitet? Wäre nicht auch eine Gesellschaft denkbar, in der es kein Problem wäre, wenn Eltern kleiner Kinder nicht arbeiten, ohne dass sie den Rest ihres Lebens finanziell dafür büßen müssen? Warum wird Lohnarbeit (arbeiten, um leben zu können) auch von ganz vielen klugen Leuten als Raum der Freiheit und des Selbstausdrucks gesehen? Kann man sich Arbeit nicht auch anders denken, als Lohnarbeit? Warum müssen eigentlich „vollwertige“ Arbeitnehmer 40 Stunden und mehr arbeiten, während so viele gar keine Arbeit finden? Warum wird es hingenommen, dass jetzt sogar Familien mit kleinen Kindern sich am Leitbild der Vollzeitarbeit für beide Elternteile messen lassen müssen? Wie soll das denn gut gehen? Das ist doch alles absurd – aber eben kein Fehler im System, sondern ein falsches System.

Echte Wahlfreiheit würde aus meiner Sicht also heißen, dass man wirklich eine Wahl hat, wie man leben möchte – und das sehe ich leider nicht. Egal, ob Zuhause oder in der Chefetage.

Und hier kann man unterschreiben, in einem breiten Bündnis:

neinzumbetreuungsgeld

Dieser Text erschien ursprünglich bei Cat und Kascha

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