Studie: Enge Verbindung zwischen schlechtem Schlaf und erektiler Dysfunktion

Eine neue Studie aus China stellt mögliche Zusammenhänge fest

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In diesem Artikel
  • Erektile Dysfunktion ist gerade in alternden Gesellschaften zunehmend ein Problem.
  • Eine chinesische Studie untersuchte nun, ob es eine Verbindung zwischen Schlafparametern und Erektionsproblemen geben könnte.
  • Die Forschenden stellten eine enge Verbindung, aber keinen kausalen Zusammenhang fest.
  • Eine mögliche Ursache könnte ein signifikant reduziertes Testosteronlevel sein, das bei Personen mit vermindertem Schlaf beobachtet wurde
  • In Zusammenhang mit erektiler Dysfunktion müssten eine Vielzahl weiterer Faktoren, wie etwa Depressionen, berücksichtigt werden.

Erektile Dysfunktion ist ein Problem, das Männern allen Alters betreffen kann. Bekannt ist, dass sowohl körperliche als auch psychische Faktoren als Auslöser in Frage kommen. Welchen möglichen Zusammenhang es zwischen erektiler Dysfunktion und Schlaf geben könnte, untersuchten nun Forschende der Universitäten Peking und Anhui.

Erektile Dysfunktion betrifft immer mehr Männer

Erektile Dysfunktion gehört zu den häufigsten sexuellen Störungen unter Männern und gewinnt insbesondere in alternden Gesellschaften an Relevanz. Forschende gehen davon aus, dass bis 2025 weltweit 322 Millionen Männer von erektiler Dysfunktion betroffen sein könnten – das wären mehr als doppelt so viele Betroffene als noch 1995.

Eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung dürfte die zunehmende Alterung der Gesellschaft spielen. So waren Wissenschaftler:innen der Universität Harvard in Zusammenarbeit mit Pfizer bei einer Befragung von über 30.000 Männern im Alter zwischen 53 und 90 Jahren zum Schluss gekommen, dass viele Aspekte der sexuellen Funktion bei Männern ab dem Alter von 50 Jahren rapide abnehmen.

Allerdings gibt es einige Hinweise darauf, dass neben dem Alter auch andere Faktoren eine erektile Dysfunktion begünstigen könnten.

Bisherige Studien zu möglichen Risikofaktoren

In derselben Harvard-Studie waren auch mögliche Zusammenhänge zwischen dem Lebensstil und erektiler Dysfunktion sichtbar geworden. So zeichnete sich ab, dass physische Aktivität das Risiko für diese verringern könnte. Im Gegenzug galten Übergewicht, Rauchen und Alkoholkonsum sowie die Dauer an Fernsehkonsum als Risikofaktoren.

Andere Untersuchungen weisen ebenfalls darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen erektiler Dysfunktion und verschiedenen Krankheiten geben könnte – etwa indem sie sich womöglich dieselben Risikofaktoren teilen.

Unter anderem lassen Studien zum Thema Bluthochdruck, Hyperlipidämie, Diabetes und dem metabolischen Syndrom sowie zu Depressionen Schlüsse auf eine potentielle Verbindung zu erektiler Funktion und Dysfunktion zu.

Die Rahmenbedingungen der neuen Studie

Forschende der Universitäten Peking und Anhui untersuchten im Zeitraum von Juni 2021 bis März 2022 das Schlafverhalten von 102 gesunden Männern sowie 72 Patienten, die sich in einer Klinik zur Behandlung erektiler Dysfunktion befanden.

Gemeinsam war den Teilnehmern beider Gruppen, dass sie alle mindestens einmal pro Woche sexuell aktiv waren und sich seit mindestens sechs Monaten in einer heterosexuellen Beziehung mit derselben Person befanden.

Außerdem berichtete die Gruppe der Patienten davon, dass die Symptome ihrer erektilen Dysfunktion mindestens über einen Zeitraum von 6 Monaten anhielten.

Was wurde in der Untersuchung erfasst?

Unter anderem beantworteten die Teilnehmer einen standardisierten Fragebogen zur Erfassung von Angststörungen und Depressionen. Mithilfe des sogenannten Pittsburgh Sleep Quality Index, eines etablierten Fragebogens zur Feststellung der subjektiven Schlafqualität, wurde außerdem die subjektive Schlafqualität erfasst.

Die objektive Erfassung der Schlafparameter fand anhand eines Armbands statt, welches die Körperfunktionen der Probanden über Nacht überwachte.

Zu den vom Armband erfassten Daten gehörten:

  • Gesamtschlafzeit
  • Dauer bis zum Einschlafen
  • Dauer bis zum ersten Aufwachen nach dem Einschlafen
  • Dauer des REM-Schlafs
  • Dauer des leichten Schlafs
  • Dauer des Tiefschlafs

Das Kürzel REM steht für „Rapid Eye Movement“. Dabei handelt es sich um eine Schlafphase, welche ihren Namen durch die schnellen Augenbewegungen erhielt, die währenddessen auftreten.

Beim REM-Schlaf handelt es sich um eine Schlafphase, in der das Gehirn übermäßig aktiv ist. Man mutmaßt, dass sie unter anderem in Verbindung mit der Fähigkeit zur kreativen Problemlösung steht.

Zu welchen Ergebnissen kam die Studie?

In der Auswertung der Fragebögen kamen die Wissenschaftler:innen zum Ergebnis, dass zwischen der Versuchs- und der Kontrollgruppe ein signifikanter Unterschied im Hinblick auf die selbst eingeschätzten Werte hinsichtlich Angststörungen, Depressionen und des allgemeinen Gesundheitszustandes sowie der Schlafqualität bestand.

In der weiteren Analyse stellten sie fest, dass sowohl die Angaben zum Gesundheitszustand als auch zur Schlafqualität unabhängig voneinander in direktem Zusammenhang mit erektiler Dysfunktion standen.

Auch im objektiven Teil konnten potenzielle Zusammenhänge zwischen dem Schlaf und erektiler Dysfunktion festgestellt werden:

Unter anderem stellten die Forschenden in der Gruppe jener, die wegen erektiler Dysfunktion in Behandlung waren, eine signifikant kürzere Dauer des Tiefschlafs, des REM-Schlafs und der Schlafdauer im Allgemeinen fest.

Kein signifikanter Unterschied wurde im Hinblick auf andere Schlafparameter beobachtet – wie etwa die Dauer bis zum ersten Aufwachen nach dem Einschlafen sowie der Dauer an leichtem Schlaf.

Der mögliche Zusammenhang zwischen Depressionen und erektiler Dysfunktion

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie weisen darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Depressionen und erektiler Dysfunktion geben könnte. Auch frühere Untersuchungen hatten bereits nahegelegt, dass es zwischen den beiden einen Zusammenhang geben könnte.

Die Forschenden wiesen zwischen Depressionen und erektiler Dysfunktion auf eine mögliche Wechselwirkung hin, wobei auch andere Faktoren wie das soziale Umfeld, der Lebensstil oder medizinische Eingriffe eine entscheidende Rolle spielten.

Eine der möglichen Erklärungen zu diesem Effekt beruht auf der Annahme, dass Emotionen Erektionen beeinflussen. So könnten Männer mit Depressionen Verhalten oder Gedanken an den Tag legen, welche die erektile Dysfunktion beeinflussen. Zusätzlich könnte ein depressionsbedingter Verlust an Libido und der Fähigkeit, sexuelle Lust zu empfinden, hinzukommen.

Was die Produktion von Testosteron mit dem Schlaf zu tun haben könnte

Als wahrscheinlichste Ursache für einen möglichen Zusammenhang von Schlaf und Erektionen sehen die Forscherinnen ein niedriges Level an Testosteron.

Denn die Produktion von Testosteron hängt unmittelbar mit dem Biorhythmus zusammen: Sie beginnt mit dem Einschlafen und hat ihren Höhepunkt während der ersten REM-Phase.

Wird der Biorhythmus behindert oder unterbrochen, kann das eine Auswirkung auf die Testosteronproduktion haben.

Tatsächlich waren Forschende der Universität Lübeck 2012 im Rahmen einer kleinen Studie zu dem Schluss gekommen, dass verminderter Schlaf in der zweiten Nachthälfte zu signifikant reduzierten Testosteronleveln führte. Bei einem Schlafverlust in der ersten Hälfte der Nacht konnten sie keinen entsprechenden Effekt feststellen.

Dennoch ermahnen Experten zu Vorsicht: Da schlechter Schlaf sich auf so viele Bereiche des Körpers auswirke, lasse sich grundsätzlich nur schwer feststellen, über welchen Mechanismus er Einfluss auf Erektionen nehmen könne, so Dr. Nicole Prause, Neurowissenschaftlerin an der Universität von Kalifornien und Inhaberin eines unabhängigen Forschungsinstituts zu sexueller Gesundheit.

Stärken und Schwächen der Studie

Mit ihrer konsequenten Überwachung des Schlafs biete die Studie eine Verbesserung im Vergleich zu vorherigen Untersuchungen, so Prause. Dennoch sollten zukünftige Forschungsprojekte zur Untersuchung erektiler Dysfunktion auch weitere mögliche Einflussfaktoren genauer in Betracht ziehen.

Hinsichtlich der Ergebnisse der Untersuchung muss betont werden, dass zwar eine enge Verbindung, aber kein kausaler Zusammenhang zwischen erektiler Dysfunktion und verschiedenen Schlafparametern festgestellt wurde. Außerdem sollte bei der Interpretation der Ergebnisse die relativ kleine Studiengröße bedacht werden.

Für einen entspannteren Umgang mit erektiler Dysfunktion

„Während Männer dazu neigen, jede Schwankung ihrer Erektion als eine Funktionsstörung zu betrachten, gibt es für die Schwankungen der Erektion in Wirklichkeit viele nicht-pathologische Gründe“, merkt Dr. Prause an. Die Ergebnisse der Studie seien eine gute Erinnerung daran, dass Fluktuationen in der Fähigkeit zur Erektion ganz natürlich seien.

Ein kausaler Zusammenhang zwischen erektiler Dysfunktion und Schlafparametern konnte mit der vorliegenden Studie nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden. Ungefragt ist jedoch die Bedeutung eines guten Schlafs für Gesundheit und Zufriedenheit.

Laut der Erfahrung der Neurowissenschaftlerin liegen die Schwierigkeiten der meisten Menschen eher weniger im Durchschlafen oder frühen Aufwachen, sondern darin, nicht einschlafen zu können.

Konkret setzt sie bei Klienten mit Schlafproblemen als erstes immer bei der Schlafhygiene an, zu der unter anderem eine feste Routine vor dem Schlafengehen gehöre.

„Eine hervorragende Möglichkeit, den Schlaf zu fördern, ist ein Orgasmus (ob alleine oder mit einem Partner“, so Prause. Auch das kann also Teil der Schlafhygiene sein – und zeigt, dass diese auch ziemlich erfüllend sein kann.

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