Das F-Wort

Kleines feministisches Lexikon des 21. Jahrhunderts

Von Susanne Klingner, Katrin Rönicke und Barbara Streidl.
Dieses A-Z begann als Seite im
Freitagund wächst stetig.

 

#aufschrei

Unter dem Stichwort (Hashtag) #aufschrei notierten zu Beginn des Jahres 2013 Frauen auf dem öffentlichen Kurznachrichtenportal Twitter Berichte über Situationen, in denen sie in ihrem Alltag Sexismus ausgesetzt waren: im Aufzug, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Nahverkehr etc. Nach einem Stern-Artikel über den FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle, dessen Worte von der Autorin Laura Himmelreich als sexistisch kritisiert worden waren, sowie zahlreichen Erfahrungen mit Alltagssexismus in ihrem Bekanntenkreis, initiierte die Berliner Medienberaterin Anne Wizorek auf Twitter die #aufschrei-Debatte. Schnell erhielten die #aufschrei-Meldungen ein großes Medienecho, darüber hinaus gingen in nur wenigen Wochen über 50.000 #aufschrei-Tweets online. Im Juni 2013 nahmen Nicole von Horst, Anna-Katharina Meßmer, Anne Wizorek und Jasna Strick einen Grimme Online Award entgegen – stellvertretend für alle Frauen, die hinter der #aufschrei-Debatte stehen und ihre Erlebnisse öffentlich gemacht haben.

Androzentrismus

Androzentrismus ist eine Sichtweise, die als Maßstab von politischem, wirtschaftlichem, sozialem und philosophischem Handeln und auch in der Entwicklung neuer Theorien den Mann als Maßstab und Norm nimmt. Diese Betrachtungsweise wurde eventuell am prominentesten bei Simone de Beauvoir herausgearbeitet, die in „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“ festhielt: Keine wissenschaftliche Betrachtung könne in der Lage sein, „die Frau“ zu erklären, denn sie ginge stets aus einer männlich-dominierten Perspektive aus. Der Androzentrismus war in den Jahrhunderten davor vor allem in der Wissenschaft zu beobachten – und ist es bis heute immer noch. Er zeigt sich unter anderem, wenn „die“ Geschichte und die Geschichtsschreibung nur erzählen, welche Männer geherrscht, gekämpft, politisch und philosophisch gedacht hätten. Der Androzentrismus zeigt sich auch in der wissenschaftlich-biologischen Betrachtung von Frauen, die bis Ende des 19. Jahrhunderts krude Theorien über die Verknüpfung von Frauengehirne mit ihren Uteri hervorbrachte. Heute zeigt sich der Androzentrismus subtiler in vielen gesellschaftlichen Bereichen: So ist der Wissenschaftsbetrieb nach wie vor auf eine „männliche“ Herangehensweise ausgerichtet, was sich auch an der geringen Zahl von Professorinnen misst; in der Politik dominiert weiterhin das Bild des „durchsetzungsfähigen Mannes“ als ideale Verkörperung – Frauen an der politischen Spitze werden daran gemessen (vgl. medialer Diskurs über Angela Merkel).

Arbeit

Bereits Simone de Beauvoir beschreibt eine Arbeitswelt, in der Frauen zu Hause alles versorgen, während Männer handeln, herstellen und sich damit verwirklichen. Bis heute herrscht in der Arbeit eine Trennung nach Geschlechtern. Sie stammt aus einer Zeit, in der es in bürgerlichen Familien ein Statussymbol war, sich eine nicht arbeitende Frau zu „leisten“. Dieses Symbol wurde von Arbeitern übernommen und mit der Idee eines „Mutter-Mythos“ (→ Mutter) verknüpft. So erledigen Frauen 60 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Dazu kommt eine Lohndiskriminierung der Frauen, gegen die es zwar seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gibt, die aber weiter besteht. „Frauenberufe“ werden zudem schlechter bezahlt. Der Gender Pay Gap, die Lücke zwischen den Einkommen von Männern und Frauen, thematisiert solche Fragen, die sich in der Zahl 23 Prozent symbolisch ausdrücken. Der Equal Pay Day findet an jenem Tag des neuen Jahres statt, bis zu dem Frauen zusätzlich arbeiten müssen, um das durchschnittliche Gehalt des vergangenen Jahres der Männer zu erwirtschaften. Am Equal Pay Day gehen Frauen mit einer roten Tasche auf die Straße, die ihre roten Zahlen im Einkommen symbolisiert.

Bauch

Der Bauch einer Frau ist öffentlich diskutiertes Terrain – und ein einziges Paradox. Es gibt aktuell eine Debatte, ob potenzielle Kinder, die in diesem Bauch wachsen sollen, auf massive Gendefekte untersucht werden dürfen. Gleichzeitig gibt es das Recht, diese Kinder bis kurz vor der Geburt zu töten, sollte der Gendefekt erst dann entdeckt werden. Aber auch fern des juristischen Bereichs werden Frauenbäuche begutachtet, besprochen und verhandelt: Seit einigen Jahren beliebtes Trend-Accessoire für junge Frauen sind prall gerundete Schwangerschaftsbäuche – zu begutachten an Promis, in hippen Stadtteilen deutscher Metropolen und auf Magazintiteln. Das Paradox: Weiter hinten in denselben Magazinen gibt es auch in dieser Saison wieder die „zehn besten Tipps für den perfekten Sommerbauch“ oder ein paar Adressen von Schönheitschirurgen. Runde Bäuche ganz ohne Nachwuchs darin: keine Option.

Cyberfeminismus

1985 publizierte Donna Haraway ihr Manifest für Cyborgs, das in Rückgriff auf die Ideen feministischer Science-Fiction eine Vision für das Zeitalter der Technikwissenschaften entwarf. Dabei wurde mit einem „männlich“ geprägten Verständnis von Technik gebrochen und ein geschlechtergerechtes, sich gegen Rassismus richtendes Leitbild entworfen. Cyberfeminismus, 1991 als Begriff gesetzt, versteht sich seitdem als eine Bewegung, die darauf setzt, dass Frauen sich digitale Technologien aneignen und sie für die eigene politische Vernetzung nutzen. Außerdem soll der Feminismus im Cyberspace verbreitet werden. Dabei behält sich der Cyberfeminismus Vielfalt vor: Sozialistische, liberale, konservative und viele andere Strömungen, die es im Feminismus immer schon gab, sind erlaubt und willkommen. In Deutschland beschäftigten sich Cyberfeministinnen in den neunziger Jahren vor allem mit Kunst. So kam es auch, dass die erste „Internationale Cyberfeministische Konferenz“ 1997 auf der documenta, der großen Kunstmesse, in Kassel stattfand. Die jungen Feministinnen, die vor allem im Netz arbeiten und sich dort vernetzen, nennen, was sie tun, hingegen nicht explizit Cyberfeminismus. Sondern Feminismus.

Do it yourself

Spätestens als Abgeordnete der Grünen Wolle und Stricknadeln mit in den Bundestag brachten, wurde klar: Stricken ist nicht nur ein nettes Hobby aus der Frauenzeitschrift, sondern auch eine politische Handlung. Organisiere dich selbst, ermächtige dich selbst, distanziere dich vom passiven Konsum. Die Idee des Selbermachens, ob nun mit Stricknadeln, Nähmaschinen, Texten oder Musikinstrumenten, entstand in den fünfziger Jahren in England, wurde von den Hippies und Punks der Sechziger und Siebziger aufgegriffen und hat bis heute einen Platz in der Subkultur – und in der Frauenbewegung. Von Fanzines und Magazinen über Blogs (→ Cyberfeminismus) bis zu den Ladyfesten: DIY ist ein fester Bestandteil des heutigen Feminismus. Dabei geht es weniger um das perfekte Nachmachen einer Vorlage, als um den Ausdruck des eigenen Ichs durch das Selbergemachte.

Erschöpfung

Das Müttergenesungswerk benennt ganz offen das „Gesundheitsrisiko Mutter“: Die gesellschaftlich bedingte Belastung von Müttern ist immens, häufig sind es Mehrfachbelastungen wie Erwerbstätigkeit und Pflege von Angehörigen zusätzlich zur Kinderbetreuung, die an den Kräften zehren. Hinzu zur viel diskutierten Vereinbarkeit von Beruf und Familie, deren Realisierung weder gesamtgesellschaftlich noch individuell zu Ende gedacht worden ist, stehen auch kinderlose Frauen unter dem Druck, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, soziale Kontakte zu pflegen, sich ehrenamtlich zu engagieren und jede Mahlzeit selbst zuzubereiten, gesund, ökologisch wertvoll und bloß nicht aufgewärmt. Erschöpfung als Folge dieses Alltags im Hamsterrad ist strukturell und hat keinesfalls mit dem Versagen von Einzelnen zu tun.
Neuerdings bietet das Müttergenesungswerk auch Vater-Kind-Kuren an. Daneben belegen wissenschaftliche Studien, dass besonders Patchwork-Familienväter statistisch gesehen unter einem hohen Risiko stehen, an einer Depression zu erkranken, weil auch sie in ihrem Alltag zu viele Rollen übernehmen müssen, etwa als Väter deiner, meiner und unserer Kinder.

Familienpolitik

Der Schutz von Ehe und Familie wird in Art. 6 des Grundgesetzes besonders hervorgehoben. Das zuständige Bundesministerium kümmert sich nicht nur um die Belange von Familien, sondern auch um die von Frauen, Senioren und Jugendlichen – und schlägt sich demnach mit Frauenquoten, Bildungsproblemen und Altersarmut gleichermaßen herum. Die 2013 veröffentlichte Regierungsstudie „Gesamtevaluation ehe- und familienbezogener Leistungen“ hat die familienpolitischen Leistungen der Bundesregierung als chaotisch und mangelhaft kritisiert, da besonders die ganztägige Kinderbetreuung, die als zukunftsweisendes Familienpolitik-Instrument Nummer eins gilt, in Deutschland nicht flächendeckend angeboten wird. Kritischen Stimmen der Opposition zufolge sind die scheinbar ziellosen Bemühungen der Bundesregierung in Wirklichkeit Manöver, um ein Familienmodell zu bewahren, bei dem Väter und Ehemänner Vollzeit arbeiten, Frauen und Mütter jedoch gar nicht oder nur in Teilzeit, weil sie sich neben dem Haushalt auch um Kinder kümmern. Dieses Familienmodell wird durch familienpolitische Angebote wie das Ehegattensplitting und das ab August 2013 geltende Betreuungsgeld gestützt. Trotz aller Kritik an der Familienpolitik der schwarz-gelben Regierung schafft es diese, oben genannte Studie als Erfolg zu verkaufen und das Chaos mit dem Schlagwort „Wahlfreiheit“ zu begründen.

Grundeinkommen

Weltweit wird immer wieder der Nutzen eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Jede Bürgerin, jeder Bürger eines Landes bekäme monatlich vom Staat eine festgelegte Summe gezahlt, ohne dafür irgendeine Gegenleistung erbringen zu müssen. Die meisten Modelle diskutieren Summen zwischen 1.000 und 1.500 Euro. Für Frauen würde das bedingungslose Grundeinkommen ganz besondere Chancen bieten: Der Niedriglohnsektor ist sehr weiblich geprägt – der Lebensstandard dieser Beschäftigten würde schlagartig steigen, hätten sie grundsätzlich mehr als 1.000 Euro zur Verfügung. Alleinerziehende würden nicht mehr massenhaft vom Abstieg in die Sozialhilfe bedroht – überhaupt würde die Stigmatisierung des „Hartzens“ wegfallen. Darüber hinaus würden Care-Arbeiten entlohnt. Denn das bedingungslose Grundeinkommen würde in einer post-patriarchalen Gesellschaft nicht nur die Freiheit von Einkommenszwängen bedeuten, sondern genauso die Freiheit, sich um Kinder, Angehörige und Bedürftige zu kümmern. Die Verfechterinnen und Verfechter der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens glauben, dass eine Gesellschaft menschlicher, kreativer, freier würde, wenn niemand Angst um sein Überleben haben müsste, egal in welcher Lebensphase er oder sie sich gerade befindet.

Haltung

Feminismus ist eine Haltung und kein Thema. Klingt erstmal einfach, ist aber für die meisten Menschen schwer zu verstehen. Also noch mal kurz und knackig: Die Themen sind Beruf, Familie, Sex, Mode, Politik, Kunst, Kriminalität, Umwelt, Macht, Alltag, Bildung, Liebe, Identität, Medien, Gesundheit, Literatur, Migration und so weiter und so fort. Auf diese Themen kann man einen feministischen Blick werfen, so wie man sie auch mit einer wertkonservativen, neoliberalen, linksalternativen oder esoterischen Haltung betrachten kann. Und trotzdem: Wer sich mit einer feministischen Sichtweise in Debatten einmischt, wird gern in die Themenecke „Feminismus“ gestellt. Was es Frauen und Männern nicht einfacher macht, feministische Meinungen zu äußern – wer will schon die- oder derjenige sein, die oder der immer nur „was zu Feminismus“ sagt? Gut: Es trotzdem zu tun und einfach immer mal wieder auf den Unterschied zwischen den Wörtchen „Haltung“ und „Thema“ hinzuweisen.

Kriegsvergewaltigung

Dass Frauen in Kriegszeiten Opfer von sexueller Gewalt der gegnerischen Armeen werden, ist auch in den Kriegen der Neuzeit leider immer noch die Regel. Zu den Gewalttaten führen unterschiedliche Beweggründe, so etwa Machtdemonstration und Demütigung der Unterlegenen oder Rache, die etwa alliierte Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs antrieb. Dahinter liegt auch der Versuch, das gegnerische Volk vollständig zu besiegen, gar auszurotten und seine Nachkommen quasi zu übernehmen. Der kulturelle Hintergrund als auch der soziale Kontext, in dem die Taten geschehen, müssen bei der Analyse immer bedacht werden. Die von den Krieg führenden Regimes propagierten Massenvergewaltigungen in den Neunzigern in Ruanda, Bosnien und Herzegowina haben dazu geführt, dass Kriegsvergewaltigung als Kriegswaffe gesehen wurde – und öffentliche Ächtung erfährt. Die UN-Resolution 1820 aus dem Jahr 2008 und nachfolgende Resolutionen fordern einen sofortigen Stopp dessen. Spätestens seit der Einrichtung des Gefangenenlagers Abu Ghraib ist klar, dass sexuelle Gewalt in Kriegen nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen Männer gerichtet werden kann, und dass auch Frauen Täterinnen sein können.

Mädchenmannschaft

Populäres Weblog, das im November 2007 von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl gegründet wurde. 2008 kamen Katrin Rönicke, Anna Berg und Verena Reygers dazu, ab 2009 folgten weitere Autorinnen. Das Ziel der Bloggerinnen war es, feministische Anliegen einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Darüber hinaus konnten auf www.maedchenmannschaft.net Themen diskutiert und weitergeführt werden, die in Haafs, Klingners und Streidls Buch „Wir Alphamädchen – Warum Feminismus das Leben schöner macht“ (Hoffmann & Campe, 2008) angesprochen wurden. Bereits 2008 wurde maedchenmannschaft.net von der Deutschen Welle als bestes deutschsprachiges Blog ausgezeichnet, im Jahr darauf gab es eine Nominierung sowohl für einen Grimme Online Award als auch für den Alternativen Medienpreis. Das Team wurde erweitert, neben „Muttibloggerinnen“ und „Quotenmännern“ wurden Helga Hansen, Nadine Lantzsch und Magda Albrecht fester Teil der Redaktion. 2010 entstand zusätzlich der Verein Mädchenmannschaft e.V., geführt von Susanne Klingner, Katrin Rönicke und Barbara Streidl. Im Frühjahr 2011 verließen Klingner, Rönicke und Streidl die Mädchenmannschaft wegen Probleme in der Zusammenarbeit zwischen Verein und Blog. Sie gründeten die feministische Initiative „Frau Lila“. Im Oktober 2012 kam es zu einer Austrittswelle von Autorinnen: Auf dem Fest zum 5. Geburtstag der Mädchenmannschaft war es zu Diskussionen um die Problematik der „Critical Whiteness“ gekommen, deren Konsequenzen die Mädchenmannschaft gespalten hatte. Momentan schreiben zehn Autorinnen und zwei Autoren für das Blog, der Verein Mädchenmannschaft e.V. wird von Nadine Lantzsch geführt.

Matriarchat

Die Idee des Matriarchats, der Macht in den Händen von Frauen, wirkt auch heute noch wie eine Utopie. Tatsächlich gibt und gab es an den verschiedensten Stellen der Welt Gemeinschaften, die ausschließlich von Frauen geleitet wurden, etwa in Ostasien, Indonesien, Ozeanien, Amerika, Indien oder Afrika. Die meisten dieser Gemeinschaften sind → Mutter-zentriert und stellen demnach mütterliche Werte in den sozialen wie spirituellen Vordergrund. Zu den bekanntesten Forscherinnen von matriarchalen Kulturen zählt Heide Göttner-Abendroth. Sie stellt heraus, dass Matriarchate keinesfalls die Umkehrung von → Patriarchaten sind, also dass die Frauen dort eben nicht über die Männer herrschen. Vielmehr existieren neue, unabhängige Regeln in diesen Gemeinschaften. So gilt etwa das Schenken als ökonomische Basis; die Autorität der Ältesten, der Großmütter steht im Vordergrund und die Familienstruktur wird über die Mutter definiert und nicht über den Vater. Männliche Bezugspersonen für Kinder sind somit nicht unbedingt ihre leiblichen Väter, sondern oft auch zur Familie der Mutter gehörende Onkel. Die Trennung der romantischen Liebesbeziehung von der fürsorgenden Elternbeziehung wird von einigen als Weg in eine gelebte Unabhängigkeit gesehen.

Misogynie

Auf Neu-Deutsch würde man es „Frauen-Bashing“ nennen, die Aufforderung zu Hetzkampagnen gegen Frauen. Dass Frauen häufig Ziele für verbale oder körperliche Gewalt sind, ist kein neues Phänomen: Es ist eine alte, traurige Geschichte. Woher kommt der globale Frauenhass? Warum wird das zwanghafte Bedürfnis von Mördern wie Jack the Ripper und seinen Epigonen, Frauen zu töten, als psychologisch zu therapierende Perversion angesehen? Diese Auslegung ist falsch, weil solche Gewaltorgien doch „der auf die Spitze getriebene Ausdruck eines allgemein verbreiteten Vorurteils“ sind. So schreibt Jack Holland in seinem Buch „Misogynie“. Die menschliche Neigung, das Fremde, das Andere, zu verneinen, gar auslöschen zu wollen, ist offensichtlich eine Wurzel des Frauenhasses. So wurden in patriarchalischen Gesellschaften heute wie in der Vergangenheit Frauen immer anders als Männer bewertet. Sie erfuhren und erfahren deswegen Bevormundung, Freiheitsentzug und Verfolgung, oftmals unabhängig von Rasse, Religion oder Klasse.

Mutter

Durch Bascha Mikas Buch Die Feigheit der Frauen sind die Mütter mal wieder in den Fokus der Feuilleton-Gesellschaft geraten. Sie seien zu feige, sich dem Kampf um die berufliche Karriere zu stellen, versteckten sich hinter dem Gehalt ihrer Partner und der Betreuung des Nachwuchses, so der Vorwurf. Sie seien so lange einfach nur Mütter, bis der Traum aus sei, der Partner über alle Berge und jede berufliche Chance dahin. Als „Latte Macchiato-Mütter” werden sie despektierlich bezeichnet, als Frauen, die Kinderbetreuung gerne mit Kaffeekonsum kombinieren – weil sie dafür Zeit haben. Die anderen Mütter, die den Spagat der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wagen (→ Familienpolitik), werden oft immer noch als „Rabenmütter“ bezeichnet. Schließlich geben sie ihre unter dreijährigen Kinder in fremde Hände und folgen nicht ihren sogenannten Mutterinstinkten. Diese Zeugnisse der Evolutionsgeschichte, an denen auch der Einfluss der Gesellschaft abzulesen ist, werden den Müttern je nach Standpunkt vorgeworfen oder abgesprochen, gerne in Kombination mit Handlungsunfähigkeit dank „Mutter-Hormonen“. All das gipfelt im „Mutter-Mythos“, eine in Deutschland ausgeprägte Rollenzuschreibung, die – von Barbara Vinken in ihrem ausgezeichneten Buch Die deutsche Mutter belegt – historisch verwurzelt ist: Mit der Geburt eines Kindes wird eine Frau zur Mutter, dem Inbegriff der Fruchtbarkeit, der Weiblichkeit. Dass die Frau dann immer noch ein eigenständiger Mensch ist, übersehen viele nur zu gerne.

Netzfeminismus

Der Feminismus im Netz unterscheidet sich gar nicht so sehr vom analogen Feminismus. Denn Feminismus ist immer eine → Haltung, und eine Haltung wird vor allem durch Menschen geprägt. Man kann nicht DEN Feminismus beschreiben, man kann immer nur eine Feministin ansehen. Somit gibt es auch im Netz sehr viele verschiedene, individuelle Feminismen, wie es sie immer auch schon offline gegeben hat. Neu ist, dass sich im Netz Menschen treffen können, die in ihrem analogen Leben einander vielleicht nie begegnet wären. Keine muss mehr mit ihrer feministischen Haltung alleine bleiben – egal, wo sie lebt. Im Netz kann jede Gleichgesinnte finden, sich austauschen, debattieren. Man muss in keiner großen Stadt mehr wohnen, es genügt ein Anschluss an das Internet. Auch lassen sich weltweite Bewegungen jetzt denken – siehe Slutwalk, One Billion Rising, → #aufschrei, #BringBackOurGirls. Millionen Menschen finden für feministische Anliegen zusammen und gehen auf die Straße, schreiben über ihre Erfahrungen oder setzen sich für politische Initiativen ein. Ohne das Netz wäre so etwas nur schwer vorstellbar.

Opfer

Opfersein spielt in der feministischen Debatte eine große Rolle. Sich selbst oder auch die Frauen allgemein als Opfer darzustellen, bringt manchen Feministinnen einen Machtgewinn, denn sie können definieren, wer der oder die Täter sind und sie zum Beispiel öffentlich anklagen. In sozialen Netzwerken kann man das regelmäßig beobachten, wenn jemandem Sexismus / Rassismus / Lookismus / Ableismus / Fat-Shaming vorgeworfen wird und ein Shitstorm losbricht. Bei diesen Anklagen wird nicht nur suggeriert, es gäbe eine ganz klare Einteilung in Opfer und Täter, in gut und böse, und jeder Mensch könne nur das eine oder andere sein. Es werden auch Weiblichkeit und Opferstatus eng miteinander verbunden, das Opfersein wird zur notwendigen Bedingung des Frauseins. So passiert es leider auch teilweise durch Statistiken: Weltweit werden Frauen auf ihr Opfersein reduziert, sie tauchen überproportional als Opfer von Gewalt, Hunger, Krieg, Krankheiten, Armut auf. Dass jede einzelne Frau auch ein Individuum ist, mit eigener Geschichte und eigenen Errungenschaften, verblasst angesichts ihres Opferseins. So werden im Versuch, die Benachteiligung von Frauen herauszustellen, schnell mal deren Individualität und ihre Leistungen abgesprochen.

Patriarchat

Der Begriff „Patriarchat“ mutet vielleicht altmodisch und überholt an, aber ist er es auch? Im Lexikon heißt es, ein Patriarchat erkenne man daran, dass die gesellschaftlichen Normen, Werte und Verhaltensweisen von Männern geprägt sind. Nun haben zwar Frauen in den letzten Jahrzehnten alle gesellschaftlichen Bereiche betreten, juristisch sind sie gleichgestellt, aber in vielen gesellschaftlichen Bereichen lässt sich beobachten, dass tatsächlich noch überwiegend alte, von Männern gemachte Normen gelten: Frauen werden auf ihr Äußeres und ihre Fürsorgefähigkeiten reduziert und reduzieren sich auch selbst darauf, Männer dagegen müssen erobern, stark sein, Gewalt ausausüben. Die Konditionierung auf diese Rollen beginnt schon bei Kleinkindern, wie man beispielsweise an Kinderkleidung sehen kann. Da werden Mädchen als Prinzessin ausstaffiert (→ Pink) und auf Jungen-T-Shirts tummeln sich Monster und Superhelden. Mädchen werden zum Adrettsein erzogen, Jungen sollen später Macher sein. Und so entsteht in einer kapitalistisch geprägten Welt das Patriarchat immer neu: Wenn Männer diejenigen sind, die das Geld verdienen und Frauen sich um die unbezahlte Fürsorge kümmern (→ Arbeit), bleibt die Macht weiter bei denen, die das Kapital zu großen Teilen in den Händen halten.

Pink

Theoretisch ist Pink eine Farbe wie Türkis, Gelb, Orange oder auch jede andere. Praktisch aber ist Pink – als Sammelbegriff für alle Farbnuancen zwischen Zartrosa bis kräftiges Magenta – zum Synonym für „Mädchen“ geworden. Sogar Wissenschaftler erkennen im vermehrten Auftreten von Pink und Rosa in Kinderzimmern, Klamotten- und Spielzeugläden einen Trend: „Pinkifizierung“ nennen sie ihn und meinen damit die Tendenz, mithilfe dieser Farbe Mädchen immer mehr zu Mädchen zu machen, ihnen also starre Geschlechterrollen zuzuschreiben und zu vermitteln, dass ein „richtiges“ Mädchen eben auch mit „richtigem“ Mädchenspielzeug spielt und „richtige“ Mädchenkleidung trägt, in Pink eben. Angetrieben wird dieser Trend durch eine Industrie, die permanent neue Märkte entdecken oder gar erst schaffen muss. Und kann man Eltern vermitteln, dass die kleine Schwester anderes Spielzeug, andere Bücher und andere Hosen als ihr großer Bruder braucht, verkauft man ihnen locker doppelt so viele Produkte wie zu Zeiten, da alle Farben noch für alle Kinder da waren. So gibt es seit einiger Zeit sogar spezielle rosa Mädchen-Produktserien bei Lego oder auch bei Ferreros Überraschungseiern. „Die Pinkifizierung sagt viel über die Gesellschaft aus“, schreibt die Journalistin Carolin Wiedemann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Über einen neuen Konservatismus, der kleine Mädchen zu einem Stereotyp erzieht, das längst überholt schien. Lillifee, die prominenteste Vertreterin der Pinkifizierung hierzulande, lässt sich auf dieses Stereotyp reduzieren. Sie ist niedlich, hat einen roten Kussmund, eine Wespentaille, sie pudert sich gern die Nase und backt Kuchen.“ In Großbritannien schlossen sich 2008 Eltern zur werbe- und konsumkritischen Initiative „Pink Stinks“ zusammen, seit Mitte 2012 gibt es auch Pink Stinks Germany.

Pornografie

Pornografisch waren sexuelle Darstellungen 1973 laut Gesetz, wenn sie „die im Einklang mit allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstandes eindeutig überschreiten“. Feministinnen setzten sich im Zug der sexuellen Befreiung gegen diese schwammige Definition ein und forderten eine Einengung des Begriffs auf „sexualisierten Frauenhass oder Fremdenhass“. Das Ziel war, eine willkürliche Verdammung diverser sexueller Praktiken (etwa homosexueller) zu verhindern, und stattdessen die zu verbieten, die mit Gewalt und Hass einhergingen. Ende der Achtziger gab es von FDP- und SPD-Politikerinnen eine Initiative, Pornografie im Gesetz auf den „Verstoß gegen die Menschenwürde“ einzuengen. Auslöser war ein Gesetzesvorschlag der Zeitschrift Emma, der Pornografie als „Verknüpfung von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt“ definierte. Beide scheiterten. Eine viel breiter gefasste Definition setzte sich durch, nach der Pornografie „die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität oder des Sexualakts“ ist, „mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen“. Die Emma beharrt bis heute auf ihrer Definition. Die unterschiedlichen Definitionen sind seitdem Ursache diverser Missverständnisse. Viele glauben, die Emma sei gegen jede Sex-Darstellung. Daher rührt der Begriff „sex-positiver“ Feminismus.

Quote

Großes Thema seit Jahren in Deutschland: eine Frauenquote für Aufsichtsräte und Vorstände. Immer wieder fordern Initiativen und Politikerinnen 30 Prozent der Posten für Frauen. Ursula von der Leyen schob als Arbeitsministerin ein entsprechendes Gesetz an, das von ihrer Kollegin Kristina Schröder verhindert wurde. Auch Kanzlerin Angela Merkel wollte keine Quote, sondern weiterhin freiwillige Selbstverpflichtungen. 2015 kam die Quote dann doch: 30 Prozent für deutsche Aufsichtsräte. Sie wird weiterhin heiß diskutiert. Die einen wollen auch eine Quote für Vorstände, andere wollen lieber 40 statt 30 Prozent, wieder andere würden die Quote gern wieder abschaffen. Bisher zeigt sich jedoch: Sie funktioniert. Eine Quote kann man mögen oder nicht; sie ist ein Instrument, um den Kreislauf zu unterbrechen, dass weiße akademisch gebildete Männer aus der Mittelschicht weiße akademisch gebildete Männer aus der Mittelschicht um sich versammeln und fördern. Oder um Vorurteile abzubauen wie: „Frauen sind zu emotional für Führungspositionen“ oder „Frauen wollen gar nicht aufsteigen“. Und um auch gleich noch das Schimpfwort „Quotenfrau“ zu ruinieren – weil es nicht verfängt, wenn auf mindestens drei von zehn Posten Frauen zeigen können, was sie drauf haben. Wenn man sie denn lässt.

Tomate

Mit einer Tomate, die die Studentin Sigrid Rüger am 13. September 1968 in Frankfurt in der Mittagspause einer Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gekauft hatte, wurde den Worten der aufgebrachten Rednerin Helke Sander Nachdruck verliehen: Die Tomate flog auf das ausschließlich männliche SDS-Gremium, dass die dringend nötige Diskussion auf Sanders Rede übergehen wollte: Sie hatte das Konzept des „Aktionsrats zur Befreiung der Frau“ vorgestellt, dem SDS seine Frauen stark diskriminierende Trennung von Politischem und Privatem vorgeworfen und bemängelt, dass die Männer, die sich in Kinderläden engagieren, nach Führungspositionen Ausschau hielten. Sander bezeichnete den SDS als „aufgeblasenen konterrevolutionären Hefeteig“. Dazu passen geworfene Tomaten ganz wunderbar. Das Engagement des „Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ gilt als Beginn der zweiten Welle der Frauenbewegung (→ Zetkin, Clara) in Deutschland.

Vätermonate

In den Texten zur seit 2007 geltenden, von der damaligen Bundesfamilien-ministerin Ursula von der Leyen reformierten Elternzeitregelung heißen sie eigentlich „Partner-monate“. Gemeint wurde bei der Formulierung nicht explizit der Vater, sondern das Elternteil, das nicht den Großteil der Elternzeit nimmt bzw. den Großteil des Elterngeldes bezieht. Eigentlich können auch Väter bis zu drei Jahren Elternzeit nehmen und bis zu zwölf Monate Elterngeld beantragen, trotzdem hat sich seit 2007 die Annahme durchgesetzt, für den Vater seien eben jene zwei Partnermonate vorgesehen, die „Vätermonate“ – ein Begriff, den es nicht gibt – seien auf acht Wochen beschränkt. Sogar die linke Taz schrieb, Vätern sei mehr Teilhabe an der Familienarbeit verwehrt, würden die Vätermonate nicht auf vier Monate aufgestockt. Das ist Quatsch. Schon jetzt steht es Paaren völlig offen, sich die insgesamt 14 Monate Elterngeld halbe-halbe aufzuteilen. Laut Statistischem Bundesamt tun das aber gerade mal 1,5 Prozent der Eltern, die sich die Elternzeit teilen. Bei 78 Prozent der Paare bezieht die Frau zwölf Monate lang Elterngeld, der Vater zwei Monate lang. (Stand: 2010) Diese Aufteilung ist eine private, von der Politik nicht vorgebene (wenn vielleicht auch angestrebte?) Entscheidung. Dass diese zwei Monate allerdings mittlerweile in unserer Alltagssprache „Vätermonate“ heißen, sagt viel über unser reaktionäres gesellschaftliches Elternbild: Das Kind gehört eigentlich zur  → Mutter, der Vater darf aber auch mal mitmachen.

Vereinbarkeit

Meint eigentlich die Vereinbarkeit von Familienleben und Berufsleben, was erst mal nicht geschlechterbezogen sein muss. Wird in der Öffentlichkeit aber fast immer auf die Probleme berufstätiger Mütter reduziert, neben dem Joballtag Haushalt und Kinderbetreuung zu managen. Da es in Deutschland keine flächendeckende Ganztagsbetreuung gibt und vielerorts nach wie vor die Meinung gilt, ein Kind solle in den ersten Lebensjahren nur und ausschließlich von der Mutter betreut werden, geraten die meisten Frauenkarrieren nach der Geburt eines Kindes ins Stocken. Die meisten → Mütter arbeiten nach Ablauf der Elternzeit bzw. der Erziehungszeit in Teilzeit, weil sie ihre Arbeitszeiten an die gängigen Schließzeiten von Kitas und Kindergärten anpassen müssen (→ Familienpolitik). Eine Folge davon sind „perforierte Lebensläufe“ (Jutta Allmendinger), die ebenso wie die „gläserne Decke“ Frauenkarrieren negativ beeinflussen. Dass auch Väter ein Interesse an der Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben haben können, wird in der öffentlichen Debatte fast immer ausgeblendet.

Zetkin, Clara Josephine

Sozialistische Politikerin und Frauenrechtlerin. 1907 leitete sie das Frauenreferat der SPD, die sie 1917 verließ, um sich dem Spartakusbund und schließlich der 1919 gegründeten KPD anzuschließen. Zetkin sorgte mit Käte Duncker dafür, dass 1911 der erste Internationale Frauentag stattfand. Sie gehörte der sogenannten ersten Welle der Frauenbewegung an (→ Tomate), die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas dafür einsetzte, Frauen die gleichen politischen Rechte einzuräumen wie Männern. Ein erster Erfolg war die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland 1918.