Riskante Sexpraktik: Würgen ist unter amerikanischen Studierenden weit verbreitet

Bewusstlosigkeit und Euphorie zählen zu den möglichen Auswirkungen der Sexpraktik

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Kurz zusammengefasst

  • US-amerikanische Forschende befragten 4.000 Bachelor- und Masterstudierende zur Praktik des sexuellen Würgens.
  • Etwa 40 Prozent der Befragten waren beim Sex bereits gewürgt worden. Von diesen gaben wiederum 41 Prozent an, es als sehr angenehm empfunden zu haben.
  • Die im Durchschnitt jüngeren Bachelorstudierenden begannen eher in einem jüngeren Alter mit dem Würgen, praktizierten es häufiger und bewerteten es eher als sehr angenehm.
  • Vor dem Hintergrund schwerwiegender physischer und psychischer Risiken des Würgens sehen die Forschenden erheblichen Aufklärungsbedarf.

Handelte es sich noch vor einigen Jahren um eine tabuisierte Sexpraktik, gilt Würgen unter Erwachsenen mittlerweile als normativer Bestandteil von einvernehmlichem Sex. In einer national repräsentativen Studie aus den USA gab 2020 mehr als jede fünfte Frau an, beim Sex schon einmal gewürgt worden zu sein.

Das Würgen kann mit einer oder beiden Händen, aber auch anderen Gliedmaßen wie zum Beispiel dem Arm oder Gegenständen wie einem Gürtel oder einer Krawatte durchgeführt werden.

Zu den möglichen Auswirkungen des sexuellen Würgens gehören Euphorie, aber auch verschwommenes Sehen, Bewusstseinsverlust und im schlimmsten Fall tödliche Folgen.

Noch ist unklar, inwiefern die Beeinflussung durch Social Media und Internet-Pornografie bei der Verbreitung des Würgens eine Rolle spielt. Forschende der Indiana University sowie der University of California befragten nun 4.242 Studierende, um die Umstände des sexuellen Würgens besser zu verstehen.

Die Durchführung der Studie

An der Befragung nahmen Studierende einer großen US-amerikanischen Universität teil, die sich zu 63 Prozent in einem Bachelor- und zu 37 Prozent in einem Masterstudiengang befanden. Der Altersdurchschnitt der Gruppen lag bei 20 beziehungsweise 29 Jahren.

Knapp vier der fünf befragten Studierenden gaben an, heterosexuell zu sein. Teilnehmende Transgender-Frauen, Transgender-Männer, nicht-binäre, genderqueere, agender und andere nicht-genderkonforme Identitäten wurden aus Gründen der Auswertbarkeit zur sogenannten „TGNB+“-Gruppe zusammengefasst.

Die Teilnehmenden sollten unter anderem angeben, ob und wenn ja, wie häufig sie bereits sexualisiertes Würgen praktiziert und ob sie dabei den aktiven oder passiven Part eingenommen hatten.

Darüber hinaus berichteten sie von ihren eigenen körperlichen Reaktionen beim Gewürgtwerden und wurden dazu befragt, ob sie beim Würgen ihrer Partner:innen jemals eine Bewusstlosigkeit herbeigeführt hatten.

Die Ergebnisse der Untersuchung

40 Prozent der Bachelor- und Masterstudierenden berichteten, an sexuellem Würgen partizipiert zu haben, wobei Frauen häufiger angaben, den passiven Part einzunehmen. Im Durchschnitt waren die Studierenden 19 Jahre alt, als sie ihr Gegenüber beim Sex zum ersten Mal gewürgt hatten oder gewürgt wurden.

Am häufigsten wurden für das Würgen die Hände benutzt. Mehr als 10 Prozent hatten jedoch entweder passiv oder aktiv an sexuellem Würgen mit anderen Gliedmaßen oder Gegenständen zum Abbinden, wie etwa einem Arm, BH oder Gürtel, teilgenommen.

Jene, die gewürgt worden waren, empfanden dies folgendermaßen:

  • 41,1 Prozent: „sehr angenehm“
  • 48 Prozent: „irgendwie angenehm“ oder „ein wenig angenehm“
  • 9 Prozent: „überhaupt nicht angenehm“

Im Vergleich zu Männern gaben sowohl Frauen als auch die TGNB+-Gruppe eher an, das Gewürgtwerden als sehr angenehm zu empfinden.

Beträchtliche Unterschiede zwischen Bachelor- und Masterstudierenden

Deutlich mehr Studierende im Bachelorstudium als im Masterstudium berichteten, an sexuellem Würgen teilgenommen zu haben. Außerdem gaben mehr Bachelor- als Masterstudierende an, bereits als Jugendliche gewürgt worden zu sein und bewerteten das Gewürgtwerden eher als „sehr angenehm“.

Da es keine älteren Untersuchungen gibt, welche die Häufigkeit des Würgens als Sexualpraktik untersuchten, kann eine entsprechende Entwicklung nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie weisen jedoch darauf hin, dass sexuelles Würgen bei jungen Erwachsenen auf dem Vormarsch sein könnte.

Physische Auswirkungen des Gewürgtwerdens

Befragte man die Studierenden nach der Intensität, die sie als aktiver Part beim Würgen ausübten, gaben Männer höhere Werte an als Frauen. Insgesamt lag die durchschnittliche Intensität des Würgens mit 3,8/10 jedoch am unteren Ende der Skala.

Folgende physische Auswirkungen des Gewürgtwerdens wurden am häufigsten genannt:

  • Schwindelgefühl (43,8 %)
  • Gefühl, nicht atmen zu können (43,0 %)
  • Schwierigkeiten beim Schlucken (38,9 %)
  • Unfähigkeit zu sprechen (37,6 %)
  • Tränende Augen (37,2 %)

Weniger als 1 Prozent der Teilnehmer:innen gaben an, dass sie selbst oder ihr Gegenüber beim sexuellen Würgen das Bewusstsein verloren hatten.

Physische Risiken des sexuellen Würgens

Da Sauerstoffmangel sich von Person zu Person sehr unterschiedlich bemerkbar machen kann, ist es nicht unüblich, dass Menschen bei der sogenannten stillen Hypoxie zwar unter Sauerstoffmangel, nicht aber unter Atemnot leiden.

Es ist also durchaus möglich, dass Personen nicht erkennen, ob ihre Partner:innen unter einem Sauerstoffmangel oder mangelnder Durchblutung leiden oder womöglich sogar am Rande des Bewusstseinsverlustes stehen.

Ob durch Unerfahrenheit, Drogenkonsum, Dunkelheit des Raums oder Sexualstellung: Erkennt eine Person nicht, dass das Gegenüber das Bewusstsein verloren hat, und würgt sie oder ihn weiterhin, kann das zu einem vollständigen Herzstillstand führen.

Psychische Risiken des sexuellen Würgens

Während im Kontext von Sex Positivity zunächst alle einvernehmlichen Praktiken akzeptiert werden, merkt Soziologin und Sexologin Sarah Melancon an, dass sexuelles Würgen erhebliche mentale und emotionale Risiken mit sich mitbringen könnte.

So beobachtete etwa eine 2021 veröffentlichte Studie bei jungen Erwachsenen einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer größeren Häufigkeit, beim Sex gewürgt worden zu sein und einem schlechteren psychischen Gesundheitszustand, also etwa häufigeren Gefühlen von Depression, Traurigkeit und Einsamkeit.

Gleichzeitig fügt Melancon jedoch an, dass auch die Intensität des Würgens bei dessen Bewertung eine Rolle spielen dürfte. Während diese in der vorliegenden Studie auf einer Skala von 1-10 im Durchschnitt bei 4,1 lag, ist in der Untersuchung über die mentalen Auswirkungen des Würgens nichts über diese bekannt.

Stärken und Schwächen der vorliegenden Untersuchung

Die Studierenden wurden für die Teilnahme am Forschungsprojekt zufällig ausgewählt und füllten den Fragebogen online aus, was in Hinblick auf die Sensibilität des Themas positiv zum Wahrheitsgehalt der Antworten beigetragen haben dürfte.

Die Möglichkeit der Unterscheidung zwischen verschiedenen Altersgruppen – in diesem Fall Bachelor- und Masterstudierenden – bot in diesem Fall außerdem einen wichtigen Beitrag zur Untersuchung.

Einschränkend muss festgehalten werden, dass alle Antworten auf Selbstauskünften beruhten. Hier könnte es sich als verzerrend auswirken, dass Betroffene sich laut früheren Studien nicht immer daran erinnern, ob sie in sexuellen Erstickungssituationen das Bewusstsein verloren haben. Darüber hinaus wurde in der Untersuchung nicht zwischen verschiedenen Intensitäten und Arten des Würgens unterschieden.

Einordnung der Ergebnisse der Untersuchung

Wurde nicht-normativer Sex im Kontext heteronormativer Perspektiven lange pathologisiert, sind Untersuchungen über Praktiken wie das Würgen noch recht neu. Entsprechend liefert die vorliegende Studie die ersten empirischen Daten über sexuelle Würgemethoden unter jungen Erwachsenen in den USA.

Dass mehr Bachelor- als Masterstudierende das Würgen als „sehr angenehm“ bewerteten, dürfte laut den Autor:innen der Studie das rasche Tempo widerspiegeln, mit dem das Würgen in jüngeren Teilen der Bevölkerung zum Mainstream geworden sei.

Die Tatsache, dass nicht einmal die Hälfte jener, die gewürgt wurden, dies als „sehr angenehm“ empfand, wirft für die Forschenden jedoch die Frage auf, wie das Würgen – vor dem Hintergrund erheblicher Risiken – eine derart hohe Verbreitung erreichen konnte.

Zum eigenen Vergnügen oder dem Partner zuliebe? Die Frage nach der Motivation

Eine 2021 durchgeführte Studie befragt 24 junge Frauen ausführlich zu ihren Erfahrungen mit sexuellem Würgen und kam zum Ergebnis, dass zwar viele der Frauen das Würgen genossen, andere sich aber lediglich darauf einließen, um Partner:innen zu gefallen.

Eine parallel durchgeführte Befragung unter einer Gruppe junger Männer ergab ein ähnliches Bild: Einige empfanden es als sehr angenehm, ihre Partner:innen zu würgen, während andere es taten, um diesen zu gefallen, obwohl sie sich selbst dabei unwohl fühlen.

Zusätzliche Aufklärung nötig

Während sexuelles Würgen inzwischen auch von Jugendlichen praktiziert wird, kann es schwerwiegende gesundheitliche und sogar tödliche Folgen haben. Die Forschenden hinter der vorliegenden Studie gehen jedoch davon aus, dass Themen wie Würgen oder rauer Sex im Allgemeinen in den Schulen stigmatisiert und nicht oder nicht ausreichend behandelt werden.

Umso wichtiger ist es für Eltern, Pädagog:innen und Ärzt:innen, darüber nachzudenken, wie sie junge Menschen über das Würgen beim Sex, seine potenziellen Folgen und nicht zuletzt die damit verbundenen rechtlichen Konsequenzen aufklären können.

Neben einem mangelnden Bewusstsein für die Gefahren der Praktik liegt ein Risiko in der potenziell wahrgenommenen Stigmatisierung, die Betroffene davon abhalten könnte, sich medizinische Hilfe zu holen.

Wichtige Info

Eine Person, die durch Würgen ein Nackenödem, einen Verlust des Bewusstseins oder der Kontrolle über Blase oder Darm erlitten hat, wird im Allgemeinen als Person eingestuft, die einer lebensbedrohlichen Strangulation ausgesetzt war. Laut Empfehlung der Studienautor:innen sollte diese zwölf bis 24 Stunden lang stationär beobachtet werden.

Mögliche Sicherheitsmaßnahmen beim sexuellen Würgen

Während es sich beim Würgen beim Sex inzwischen um eine verbreitete Praktik handelt, appelliert Soziologin und Sexologin Sarah Melancon, dessen Risiken nicht zu unterschätzen.

Sollte man sich unter Berücksichtigung der Risiken dennoch zum Würgen entscheiden, empfiehlt Melancon, dies mit dem Gegenüber zunächst in einem nicht sexuellen Kontext zu besprechen und auszuprobieren. Auch wenn die Empfindungen dabei weniger intensiv sein könnten, als dies später beim Sex der Fall sei, könne das Üben dabei helfen, die Stelle, den Druck und die Intensität zu finden, die am angenehmsten seien.

Als absolutes Tabu gilt es für Melancon, das Gegenüber ohne Vorankündigung zu würgen. Grundsätzlich solle das Würgen außerdem in einer geringen bis allenfalls mittleren Intensität stattfinden, um das Risiko einer Bewusstlosigkeit zu minimieren.

Da in der Studie mehr als jede:r Dritte angegeben hatte, beim Gewürgtwerden nicht sprechen zu können, sind Abbruch-Signale essenziell wichtig. Melancon empfiehlt hier etwa das Klopfen auf das Bein des Partners oder das Hochhalten der Hand wie ein Stoppschild.

Darüber hinaus rät sie Personen, die gewürgt werden, den eigenen inneren Standpunkt genau zu erforschen: Möchte man gerade wirklich gewürgt werden? Mitunter könnten sexuelle Handlungen aus Pflichtgefühl, aus Erwartung oder dem Wunsch, dem Partner zu gefallen, geschehen. Dies sei gerade bei riskanten Praktiken wie dem Würgen besonders gefährlich.

Gleichzeitig sollten Personen, die beim Würgen den aktiven Part übernehmen, ihr Gegenüber genau beobachten und das Würgen bei möglichen Anzeichen für eine Notlage sofort stoppen.

Offene Fragen für zukünftige Studien

Vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung sexuellen Würgens gilt es in künftigen Studien zu klären, ob und inwieweit es in Abhängigkeit von dessen Intensität und Häufigkeit neurologische Funktionen beeinflussen könnte.

Darüber hinaus wäre es vor dem Hintergrund potenzieller Stigmatisierung von Interesse, inwiefern Betroffene, die etwa einen Bewusstseinsverlust durch sexuelles Würgen erlitten haben, medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.

Wichtig wäre außerdem zu erfassen, inwieweit Menschen, die sexuelles Würgen praktizieren, über dessen Risiken Bescheid wissen und Situationen erkennen können, die eine medizinische Versorgung erfordern.

Im Hinblick auf die Motivation muss berücksichtigt werden, dass Personen beim Gewürgtwerden etwa Angst empfinden, aber dies gleichzeitig genießen könnten. Auch hier sind weitere Forschungsarbeiten nötig, um entsprechende Effekte zu untersuchen.

Insbesondere im Hinblick auf junge Frauen wünschen sich die Forschenden in der Zukunft Untersuchungen zu deren gesundheitlichen Risiken durch das sexuelle Würgen sowie den Auswirkungen auf Beziehungsdynamiken und das eigene Gefühl von Macht und Autorität.

Auch der potenzielle Einfluss der Medien, eine feministische Identifikation sowie die Wahrnehmung und Wünsche der Partner:innen könnten Gegenstand entsprechender Studien sein.

Dieser Beitrag ist in bestem Wissen und Gewissen erstellt worden und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vermeide riskante Verhaltensweisen und hole im Zweifel sofort ärztliche Hilfe.

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