Was bedeutet es eigentlich, sexpositiv zu sein?

Wirf alle Vorurteile in Sachen Sex über Bord!

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Vorurteile gibt es überall. Sie entwickeln sich aus einem Gruppenzugehörigkeitsgefühl heraus, sollen die Komplexität der Umwelt vereinfachen, dienen dazu, den eigenen Selbstwert zu erhöhen, sollen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen oder die eigene Gruppe vor Bedrohungen schützen, sind durch vorherrschende soziale Normen bedingt und entwickeln sich zumeist schon in der Kindheit.

Mit sehr, sehr vielen Vorurteilen und negativen Konzepten ist der Bereich „Sexualität“ behaftet. Wer viele Sexualpartner hat, offen homosexuell lebt, sein Geschlecht ändern möchte, im Swingerclub seine Fetische auslebt oder auch noch jenseits der 60 Sex hat, kann sich der abwertenden Blicke und Worte vieler Mitmenschen sicher sein.

Was bedeutet sexpositiv?

„Sexpositiv ist eine spezielle Art, auf Dinge wie Sex, Sexualität und verwandte Erlebnisse sowie Ausdrucksformen, die uns als Menschen zur Verfügung stehen, zu schauen“, erklärt Sexcoach Nadine Thornhill. Die sexpositive Kanadierin schildert des Weiteren, dass Männer und Frauen ihre Beratungsstunden oftmals mit einer bestimmten Frage aufsuchen: „Bin ich normal? Ist mein Kind normal?“ Genau diese Fragen sollte sich in einer sexpositiven Welt niemand stellen müssen.

Der Sexcoach Charlie Glickman drückt Sexpositivität in einem seiner Artikel so aus: „Stelle dir folgende Welt vor: Akkurate Informationen über Essen sind frei zugänglich und existieren in geeigneter Weise für Menschen aller Altersstufen. Es ist ein einfaches und entspanntes Erlebnis, darüber zu sprechen, welches Essen du magst, und dich bei einem Abendessen darüber zu unterhalten. Unterschiedliche Geschmäcker, egal ob persönlicher oder kultureller Art, sind wichtig, jedoch nicht wichtiger oder weniger wichtig als Haarfarben oder die Familiengeschichte, es sei denn, Menschen versuchen herauszufinden, was sie gemeinsam essen wollen.

Manche Menschen wollen stets mit der gleichen Person essen gehen, andere mögen es, gemeinsam in einer Gruppe zu essen, wieder andere essen mit vielen verschiedenen Menschen, je nachdem, worauf sie gerade Lust haben.

Niemand wird jemals gezwungen, irgendetwas zu essen oder mit irgendjemandem essen zu gehen. Jede Person ist ExpertIn der eigenen Wünsche und Bedürfnisse rund ums Essen und ihre Entscheidungen werden respektiert.

Während es viele Beispiele dafür gibt, dass unsere Welt anders ist als die gerade beschriebene (wie jeder, der in einer Familie mit vielen Fleischliebhabern zum Vegetarier wird, weiß), ist es doch nicht so schwer, sich solch eine Welt vorzustellen. Lies dir den letzten Absatz nun nochmals durch und ersetze „Essen“ durch „Sex“ und „essen“ oder „essen gehen“ durch „Sex haben“. Wie viel schwerer ist es, sich solch eine sexpositive Welt vorzustellen? Wie viel Anstrengung wäre nötig, um solch eine Welt zu kreieren?“

Um bei Essensanalogien zu bleiben: Geschmäcker sind verschieden und dies gilt es zu respektieren, bei sich selbst und bei anderen. Dies ist die Kernaussage von Sexpositivismus. Es soll auf eine positivere Beziehung zu Sex und Sexualität hingearbeitet werden. Hierbei soll Geschlechtsverkehr weder per se als etwas Gutes noch als etwas Schlechtes empfunden werden, sondern einfach als persönliche Entscheidung, die sowohl positive als auch negative Effekte haben kann.

Bitte beachte: Sexpositivismus bedeutet nicht, dass alle Formen der Sexualität einfach so akzeptiert werden müssen. Es sind stets die Rechte Dritter im Auge zu behalten. Pädophilie, Vergewaltigungsfantasien oder Sex mit Tieren darf selbstverständlich kritisch gesehen werden.

Gibt es auch sexnegativ?

Oh, ja! Wer das Konzept des Sexpositivismus komplett verstehen möchte, muss sich sogar mit Sexnegativismus auseinandersetzen. Denn durch Erziehung, gesellschaftliche Normen, religiöse Regeln oder andere äußere Einflüsse sind viele Menschen heutzutage sexnegativ, und dies zumeist, ohne es selbst zu erkennen.

Wer hat sich nicht schon einmal dabei ertappt, zu denken, dass die Freundin, die ihr Singleleben auskostet und mit mehreren Männern in die Kiste hüpft, eine Schlampe ist? Wer hat nicht schon Schimpfwörter wie „Arschloch“, „Fotze“, „Wichser“ oder „Schlappschwanz“ zumindest gedacht oder jedenfalls gehört? Viele dieser Ausdrücke haben mit Sex oder Geschlechtsorganen zu tun, weil wir diese für „schmutzig“ halten. Wer hat nicht schon „Selbst Schuld, Du Flittchen“ gedacht, als eine Bekannte davon erzählte, dass sie sich eine sexuell übertragbare Krankheit eingefangen hat? Wer hat sich nicht schon geschämt, weil er als Kind mal bei Doktorspielchen mitgemacht hat?

Diese und viele weitere Beispiele mögen zunächst harmlos klingen, zeigen jedoch, wie sehr Sexnegativismus unseren Alltag beherrscht.

Weitere Beispiele für Sexnegativismus

  • Normal ist nur Sex zwischen heterosexuellen Männern und Frauen zwischen 18 und 50 Jahren, alles andere ist anormal (Hierzu steht das Konzept von „Comphet“, also erzwungener Heterosexualität, in enger Verbindung)
  • Sex ist nur in der Ehe ok. Wer zu viele Sexualpartner hatte, gilt als Schlampe oder schmutzig
  • Menschen ab 50 aufwärts sollten keinen Sex mehr haben (Altersdiskriminierung)
  • Leugnen von nicht-cisgender Geschlechtsidentitäten wie agender, pangender, bigender oder transgender
  • Kein Verständnis für nicht-heterosexuelle Orientierungen wie Homosexualität, Skoliosexualität, Abrosexualität oder Pansexualität
  • Homophobie (Schwulen- oder Lesben-Feindlichkeit ist selbst im so fortschrittlichen Europa noch längst nicht ausgestorben. So zeigte eine Umfrage aus dem Jahre 2008/2009, die in acht verschiedenen europäischen Ländern durchgeführt wurde, dass knapp 40 % der Deutschen, rund 64 % der Italiener und fast 90 % der Polen die Homoehe als nicht akzeptabel empfanden)
  • Gewalt gegen Prostituierte
  • Naserümpfen oder ablehnende Blicke gegen öffentlich stillende Mütter
  • Abschätzige Sprache mit Wörtern, die Genitalien in ein negatives Licht rücken
  • Scheu und Scham, über gewisse Themen wie Menstruation, Kondome, erogene Zonen, Urinieren oder Sexualpraktiken etc. offen zu sprechen
  • Ablehnung gegen „zu viel Haut zeigen“
  • Sex und Sexualität wird allgemein als schmutzig, gefährlich, ekelig, unnatürlich, riskant oder schlecht angesehen

Das Konzept des Sexpositivismus beinhaltet, eigene sexnegative Gedanken und Handlungen zu erkennen sowie zu hinterfragen und in Zukunft zu unterlassen.

Warum sollte ich sexpositiv werden?

  • Du kannst aufhören, Dich zu fragen, was „normal“ ist. Sexpositive Menschen vergleichen sich nicht mit anderen oder dem Standard. Für sie ist es vollkommen ok, dass sie oder andere auf Männer statt auf Frauen stehen, Analsex lieber mögen als Vaginalsex oder regelmäßig in den Swingerclub gehen, um ihre sexuellen Fantasien auszuleben.
  • Finde Deinen inneren Frieden. Stets negative Gedanken über Sex zu haben, den eigenen Körper abzulehnen, Geschlechtsverkehr ekelig zu finden oder andere Menschen aufgrund ihrer Sexualität zu verurteilen, ist sehr anstrengend für Deinen Geist. Lege negative Gedanken ab und entspanne Dich.
  • Gehe mit gutem Beispiel voran und mache die Welt ein wenig besser.
  • Erlaube Dir endlich, zu Deiner Sexualität zu stehen. Jeden Tag ein Butterbrot mit Käse zu essen, wird auf Dauer sehr langweilig und einseitig. Bei Sex, der ausschließlich in der Missionarsstellung stattfindet, drei Minuten dauert und stets die gleichen Handgriffe beinhaltet, ist dies ähnlich. Sexpositivismus bedeutet, dass Du die gesamte Palette, die Sexualität bietet, ausprobieren kannst und dass sich Deine Vorlieben mit der Zeit auch verändern dürfen. Natürlich bedeutet es auch, dass Du bestimmte Praktiken für Dich selbst ablehnst.
  • Freue Dich auf unbeschreibliche Orgasmen. Vielleicht hattest Du bis jetzt ja auch Probleme, zum Höhepunkt zu kommen. Unter Umständen liegt dies daran, dass Du Sex als etwa Negatives ansiehst. Befreie Dich davon und erhöhe so Deine Orgasmuswahrscheinlichkeit.

Wie kann ich sexpositiver werden?

Sexpositiver zu werden, ist keine leichte Aufgabe, da – wie oben gesehen – Vorurteile und negative Gedanken über Sex durch unsere Sozialisierung tief in uns verwurzelt sind. Als ersten Schritt musst Du Dir daher bewusst werden, dass Du gerade sexnegativ gedacht oder gehandelt hast.

Vielleicht hast Du auf der Straße eine Frau im Minirock gesehen und sie sofort verurteilt: „Die geht bestimmt mit jedem ins Bett!“ Überlege dann, warum Dich diese Frau so aus dem Konzept bringt. Warum stört Dich ihr Minirock? Haben Deine Eltern Dir vielleicht beigebracht, dass Du Dich nicht „nuttig“ anziehen sollst? Verurteilst Du Dich unterbewusst vielleicht selbst, weil Du Dich nicht traust, einen kurzen Rock in der Öffentlichkeit anzuziehen?

Wenn Du den Grund für Deine Negativität herausgefunden hast, ist dies schon die halbe Miete. Versuche dann, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Du kannst beispielsweise denken: „Wow, diese Frau liebt ihren Körper und traut sich, ihn zu zeigen!“. Falls es für Dich ein No-Go bleibt, sich knapp bekleidet in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist das auch ok. Dies ist jedoch Deine Meinung. Denke in diesem Fall etwa: „In der Öffentlichkeit einen Minirock anzuziehen, ist die Entscheidung dieser Frau. Diese hat mit mir nichts zu tun.“

Darüber hinaus solltest Du auf Deine Sprache achten. Nutzt Du vielleicht unbewusst Wörter, die sexnegativ sind oder die Sexualität verleugnen? Sprichst Du vielleicht nicht offen über Deine Vagina oder Deinen Penis und sagst nur „da unten“, statt Deine Geschlechtsteile explizit zu benennen? Vielleicht kannst Du zudem während des Geschlechtsverkehrs aus Scham nicht offen kommunizieren, was Dir gefällt? Versuche doch beim nächsten Mal, frei heraus zu sagen, dass Du auf Cunnilingus oder Blowjobs stehst.

Schließlich solltest Du auch mit Deinem eigenen Körper Frieden schließen. Lehne Dich nicht ab, weil Du ein ausladendes Becken, kleine Brüste, lange Schamlippen oder einen kurzen Penis hast. Auch Impotenz, Unfruchtbarkeit, Schwangerschaft, Körperflüssigkeiten wie Sperma oder vaginaler Ausfluss, Körpergerüche oder Körperbehaarung sollten keine Tabuthemen für sexpositive Menschen sein.

Fazit – Mut zum Sexpositivismus!

Der Hang zu negativen Gedanken und Äußerungen in Bezug auf unsere eigene und die Sexualität anderer Menschen, ist aufgrund gesellschaftlicher Zwänge tief in uns verankert. Selbst die aufgeklärtesten Männer und Frauen können sich nicht dagegen wehren, ab und zu mal Scham zu empfinden oder Bekannte aufgrund ihrer Sexualität jedenfalls gedanklich zu verurteilen.

Die gute Nachricht ist jedoch, dass Du Dich aktiv dazu entscheiden kannst, ab jetzt sexpositiv zu leben. Dies bedeutet nicht, dass Du sofort frei von allen Vorurteilen wirst. Jedoch kannst Du auf ein positiveres und entspannteres Verhältnis zum Thema „Sexualität“ hinarbeiten. Dies lohnt sich auf jeden Fall, denn hierdurch kannst Du Schamgefühle ablegen, eine erfülltere Sexualität genießen, Neues ausprobieren, befreit über Deine sexuellen Wünsche sprechen und anderen Menschen offen gegenübertreten. Das hört sich doch gut an, oder?

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