Ist Jungfräulichkeit ein zeitgemäßes Konzept?

Was steckt hinter dem Wort und gibt es so etwas wie Jungfräulichkeit überhaupt?

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Jungfraeulichkeit Illustration Frau mit Stacheldraht Heiligenschein - Fraulila
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Das erste Mal Sex ist ein wichtiger Meilenstein im Leben vieler Menschen, der oft nicht nur mit Aufregung, sondern auch Anspannung verbunden ist. Manchmal scheint es, als hätten alle anderen bereits Sex und als würde man als einzige:r zurückbleiben. Gleichzeitig werden vor allem weiblich gelesene Menschen bis heute verurteilt, wenn sie zu viel oder zu früh Sex haben.

Warum legen wir so einen großen Wert darauf, Jungfräulichkeit entweder so lange wie möglich zu erhalten oder so schnell wie möglich loszuwerden? Darüber haben wir mit fünf hochqualifizierten Expertinnen gesprochen und sie außerdem gefragt, was wir gegen diesen gesellschaftlichen Druck tun können.

Was ist Jungfräulichkeit?

Als Jungfrauen werden allgemein Menschen ohne sexuelle Erfahrungen bezeichnet. Welche sexuelle Erfahrung zum Verlust der Jungfräulichkeit führt, ist allerdings nicht klar definiert.

Für manche Menschen sind Oral– und Analsex kein richtiger Sex, andere machen den Verlust ihrer Jungfräulichkeit am ersten Orgasmus fest und wieder andere meinen, ihre Jungfräulichkeit beim Masturbieren zu verlieren.

Bei Menschen mit Vulva wird der Verlust der Jungfräulichkeit oft mit dem Reißen des Jungfernhäutchens verbunden.

Das intakte Jungfernhäutchen als Beweis der Jungfräulichkeit ist nicht nur nutzlos für Menschen mit Penis, denn ihnen gibt es keine Antwort darauf, ab wann sie keine Jungfrau mehr sind. Es ist auch schädlich für Menschen mit Vulva, denn das Jungfernhäutchen reißt nicht bei jedem Menschen beim ersten Sex ein.

Entgegen dem weitverbreiteten Glauben handelt es sich dabei nicht um eine Haut, welche die Vaginalöffnung vollkommen verschließt. Wäre das der Fall, könnte das Menstruationsblut vor dem ersten Sex nicht aus der Vagina abfließen.

In Wirklichkeit haben die meisten Jungfernhäutchen ein oder mehrere Löcher. Manche bilden nur einen dünnen Saum an einer Seite der Vaginalöffnung und bei manchen Menschen sind sie gar nicht vorhanden.

Selbst wenn ein Jungfernhäutchen beim ersten Sex einreißt, ist eine Blutung nicht wahrscheinlich, denn das Jungfernhäutchen wird nur von wenigen Blutgefäßen versorgt. Zu einem Riss kann es zudem beim Sport, einer gynäkologischen Untersuchung und dem Einführen eines Tampons kommen.

Weil Jungfernhäutchen so unterschiedlich aussehen, können selbst Ärzt:innen bis auf schwerwiegende Verletzungen nicht anhand des Aussehens des Jungfernhäutchens feststellen, ob eine Person zuvor Sex hatte.

Weil es nichts mit der sexuellen Erfahrung einer Person zu tun hat, ist der Name Jungfernhäutchen irreführend. Wir verwenden daher den Fachausdruck Hymen.

Wie ist das Konstrukt der Jungfräulichkeit entstanden?

Wenn sich die Vagina ebenso wenig nach dem ersten Sex verändert wie der Penis, warum steckt das Wort Frau im Wort Jungfrau?

Das englische Wort Virgin leitet sich von lateinischen „Virgo“ ab, was sowohl Mädchen als auch Jungfrau im heutigen Sinn bedeutet. Das deutsche Wort Jungfrau stammt von dem mittelhochdeutschen „Juncfrouwe“, was „junges Mädchen“ bedeutet.

Diese Wörter könnten darauf hinweisen, dass sexuelle Enthaltsamkeit so selbstverständlich von jungen weiblich gelesenen Menschen erwartet wurde, dass man nur ein Wort benötigte, um sowohl junge weiblich gelesene als auch sexuell enthaltsame Menschen zu beschreiben.

Andere frühe Hinweise auf das Konzept der Jungfräulichkeit stammen aus dem antiken Griechenland, Ägypten und dem frühen Christentum. In vielen Kulturen wurde das Wort mit sexueller Enthaltsamkeit vor der Ehe und Reinheit in Verbindung gesetzt.

Die sexuelle Enthaltsamkeit einer weiblich gelesenen Person als Indikator für ihren Wert ist jedoch noch älter als die Wörter, die wir heute dafür verwenden. Dieses Konzept ist eng mit der Agrarrevolution von vor 5.000 bis 10.000 Jahren verbunden.

In dieser Zeit wurden viele Menschen sesshaft und begannen, mehr Wert auf Eigentum zu legen, welches in den patriarchalen Gesellschaften ausschließlich an männlich gelesene Nachkommen weitergegeben wurde.

Vor der Erfindung des DNA-Tests konnten die Patriarchen nicht sicher sein, von wem die Kinder einer Person mit Vulva tatsächlich abstammten, wenn diese mit mehreren Personen Sex hatte. Um sicherzugehen, dass sie ihr Eigentum nur an ihre leiblichen Nachkommen vererbten, war für die Patriarchen die Beschränkung der Sexualität von Menschen mit Vulva das beste Mittel.

So entstand die Erwartung, dass Menschen mit Vulva keinen Sex vor der Ehe haben sollten.

Welche Bedeutung hat Jungfräulichkeit heute?

Noch heute legen viele Menschen (nicht nur weiblich gelesene) großen Wert darauf, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Dabei spielen sowohl religiöse als auch persönliche Motive eine Rolle. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, für die sexuelle Erfahrung ein Statussymbol ist.

Sowohl zwischen als auch innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Gruppen wird Jungfräulichkeit unterschiedlich bewertet und interpretiert. Dabei ist das Konzept aber nie wertneutral, sondern wird immer als etwas Gutes oder Schlechtes betrachtet.

Jungfräulichkeit ist ein heteronormatives Konstrukt

Weil Jungfräulichkeit so lange dadurch definiert wurde, dass ein Mensch mit Penis das Hymen einer Person mit Vulva durchstößt, werden queere Menschen in dieser Kategorie oft nicht mitgedacht. Obwohl wir heute wissen, dass das Hymen nichts mit Jungfräulichkeit zu tun hat, ist vaginaler Sex nach wie vor der „Goldstandard“ für das Verlieren der Jungfräulichkeit.

Hat ein Mensch keinen Penis-in-Vagina-Sex, kann er seine Jungfräulichkeit nach dieser Definition nie verlieren. So werden queere Menschen und Beziehungen von diesem wichtigen Bestandteil des Erwachsenwerdens ausgenommen. Wird queerer Sex als „kein richtiger Sex“ betrachtet, wird dadurch die Ansicht bestärkt, dass auch queere Liebe und Beziehungen „nicht richtig“ seien.

Dieses „Anderssein“ bestärkt homo- und transphobe Menschen darin, queere Menschen aufgrund vermeintlicher Unterschiede zu diskriminieren.

Jungfräulichkeit als Indikator für Ehre und Reinheit

Das Konzept der Jungfräulichkeit stellt aber nicht nur ein Problem dar, wenn man sich außerhalb der gesellschaftlichen Erwartungen bewegt, sondern auch, wenn man diesen Erwartungen entsprechen möchte.

Das gilt insbesondere für Menschen, deren Gesellschaftsbild von religiösen Normen geprägt wird.

Dazu sagt die klinische Psychologin Aura De Los Santos: „Viele Religionen fordern, dass Menschen keinen Sex vor der Ehe haben sollten und Beziehungen und Sexualität erst in der Ehe erkundet werden.“ Wird diese Forderung nicht erfüllt, sprechen viele Religionen von „Sünde“.

Sie kritisiert, dass Religionen oft ignorieren, dass Sexualität ein natürlicher Teil des Lebens ist: „Wenn Menschen heranwachsen, sollten sie ihren Körper kennenlernen und lernen, wie sie die richtigen Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität treffen und wie sich diese Entscheidungen auf ihre Gesundheit auswirken können.“

Bis heute spielt Religion eine wichtige Rolle im Sexualleben von Jugendlichen. Die aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Jugendsexualität (2021) zeigt: Je religiöser ein junger Mensch ist, desto wahrscheinlicher hatte er (noch) keinen Sex.

Die Studie zeigt auch, dass muslimische Jugendliche durchschnittlich deutlich später Sex haben als ihre christlichen und nichtgläubigen Gleichaltrigen. 45 Prozent der muslimischen Jugendlichen zwischen 14 und 17 hatten noch keinen Sex, bei den christlichen und nicht religiösen waren es 21 bis 25 Prozent.

Dass einige Jugendliche später Sex haben als andere, ist weder gut noch schlecht. Problematisch ist allerdings die Motivation dahinter, wie die Professorin für islamische Religionspädagogik Fahimah Ulfat in einem Beitrag auf ufuq.de erklärt.

Sie spricht von repressiven Moralvorstellungen, dass Masturbation oft als Sünde betrachtet werde und Jungfräulichkeit vor der Ehe in vielen Familien bis heute ein unumstößliches Gebot sei. Die Sprache rund um Sexualität sei von Tabus und Scham geprägt und die Jungfräulichkeit einer weiblich gelesenen Person könne die Grundlage der Ehre der gesamten Familie sein.

Im Gegensatz zur Sexualität von weiblich gelesenen Personen wird die Sexualität von männlich gelesenen Personen vor der Ehe zwar eher geduldet, gesprochen wird darüber aber auch nicht.

Diese Vorstellungen tauchen auch in einem Interview auf, das der Deutschlandfunk 2016 mit muslimischen Schüler:innen eines Gymnasiums in Berlin-Mitte geführt hat. Viele der Schüler:innen setzten Jungfräulichkeit bei allen Geschlechtern mit Reinheit gleich.

Die Jugendlichen berichteten im Interview davon, nicht nur den sexuellen Kontakt mit, sondern auch den Blickkontakt zu Mitschüler:innen eines anderen Geschlechts zu vermeiden. Dadurch wollten sie sexuelle Gefühle unterbinden und vermeiden, dass Außenstehende eine falsche Vorstellung von ihren Absichten erhalten könnten.

… beeinträchtigt die psychische Gesundheit

Dass Angst und Scham der psychischen Gesundheit schaden, liegt auf der Hand. Werden die religiösen Vorschriften nicht eingehalten, kann das zudem zu Schuldgefühlen, einer Angst vor Zurückweisung und sogar Depressionen führen, sagt die zertifizierte Ehe- und Familientherapeutin Kalley Hartman.

Kalley Hartman weist zudem darauf hin, dass religiöse Lehren auch dann schädlich für die sexuelle Gesundheit sein können, wenn sie befolgt werden: „Weil [sie] den Fokus der Sexualität auf den rein körperlichen Akt und nicht den Spaß und die emotionale Verbindung legen, können sie zu Körperbildproblemen führen.“

Wird Sexualität mit Scham verbunden, kann das außerdem zu Ängsten rund um Sex, einem geringen Selbstwertgefühl und der Entstehung von sexuellen Dysfunktionen oder Erkrankungen führen, sagt Mental-Health-Expertin Michelle Giordano.

In vielen Gesellschaften – so auch in der deutschen – sind religiöse Menschen nicht nur den Zwängen ihrer Religion, sondern auch denen der gesamtgesellschaftlichen Normen ausgesetzt. Sie sind gefangen zwischen den Erwartungen einer Kultur, die von zwanglosem Sex geprägt ist, und einer, die genau das verurteilt. Weil sie nicht beiden gerecht werden können, fühlen sich viele von mindestens einer der beiden isoliert.

Von den gesundheitlichen Konsequenzen dieser Sexualmoral berichtet Sexualtherapeut Halis Cicek im Artikel vom Deutschlandfunk. Er sagt, dass Menschen mit Penis sich deshalb oft mit Erektionsstörungen oder vorzeitigem Samenerguss an ihn wenden. Menschen mit Vulva hingegen hätten oft Sorge vor Masturbation oder der Verwendung von Tampons, weil sie dadurch ihr Hymen beschädigen könnten.

Wird Sex zum Angstthema, kann das bei Menschen mit Vulva dazu führen, dass sich die Muskeln rund um Vagina (nicht nur) beim ersten Mal verkrampfen und der Sex zu einem unangenehmen Erlebnis wird.

Masturbation kann dabei helfen, den eigenen Körper besser kennenzulernen und dem/der Partner:in gegenüber die eigenen Vorlieben zu kommunizieren. Sind jedoch sowohl Masturbation als auch Gespräche über Sex mit Scham besetzt, passiert genau das oft nicht.

Die Verbindung von Sexualität mit Scham schadet nicht nur Einzelpersonen, sondern auch ihren Beziehungen, sagt Michelle Giordano: „Das Tabu und die Schuldgefühle rund um Sexualität können es schwierig machen, stabile und verbindliche Beziehungen aufzubauen. Die Unfähigkeit, offen über Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen zu kommunizieren, verhindert die sexuelle Befriedigung und Verbindung mit dem/der Partner:in:“

… führt zu gesundheitlichen Risiken

In muslimischen Gesellschaften sind bis heute „Jungfräulichkeitstests“ weitverbreitet, bei denen festgestellt werden soll, ob eine Person mit Vulva bereits Sex gehabt hat. Dafür wird das Hymen auf Risse untersucht – obwohl zahlreiche Studien bewiesen haben, dass diese Tests keinen wissenschaftlichen Standards genügen.

Solche Risse können daher auch dann festgestellt werden, wenn eine Person noch keinen Sex hatte. Die Konsequenz eines Risses kann nicht nur sein, dass eine Hochzeit nicht zustande kommt oder gebilligt wird, bis heute erfahren Menschen mit Vulva in solchen Fällen teils tödliche Gewalt.

Neben solchen Fehlvorstellungen spielt auch die Tabuisierung von Sexualität eine wichtige Rolle, sagt Aura De Los Santos: „In religiösen Haushalten werden bei der Erziehung von Kindern sexuelle Themen entweder nicht oder lediglich im Rahmen der religiösen Lehren besprochen.“

Die Folge dieses Schweigens und der Angst vor einem gerissenen Hymen illustriert eine libanesische Studie aus dem Jahr 2012, für die 416 Frauen zu ihrem sexuellen Verhalten befragt wurden. 39 Prozent von ihnen berichteten, dass sie Anal- oder Oralsex statt vaginalem Sex hatten, um ihr Hymen zu „beschützen“.

Im Gegensatz zu anderen Frauen berichtete diese Gruppe häufiger

  • von ungewollten sexuellen Aktivitäten
  • dass sie sich für ihre sexuellen Bedürfnisse schämten und
  • dass Oralsex weniger bedeutend sei als vaginaler Sex.

Die Einschätzung von Oral- und Analsex als „weniger bedeutend“ und der Mangel an sexueller Bildung führen dazu, dass dessen gesundheitlichen Risiken unterschätzt werden. Denn auch hierbei können sexuell übertragbare Krankheiten weitergegeben werden, wenn man kein Kondom oder Lecktuch verwendet.

Geschlechterungerechtigkeit und Doppelmoral

Obwohl auch männlich gelesene Menschen mit dem Stigma rund um Sexualität zu kämpfen haben, sind es hauptsächlich weiblich gelesene Personen, die in diesem Zusammenhang unter Druck gesetzt werden.

Wie unterschiedlich die Sexualität von männlich und weiblich gelesenen Personen bewertet wird, hat eine 2011 in der Türkei durchgeführte Studie veranschaulicht. Die Studie hat die Einstellungen und das Verhalten in Bezug auf Sex von 534 heterosexuellen Student:innen untersucht.

Die Studienergebnisse zeigen: Ein signifikanter Teil der Männer verlangt zwar von Frauen Jungfräulichkeit vor der Ehe, hat gleichzeitig aber Sex mit ihnen vor der Ehe. Frauen haben diese Ansprüche zwar kaum, sie beugen sich aber den Erwartungen der Männer.

Über die Sexualität von weiblich gelesenen Menschen im Islam schreibt der Wissenschaftler David Ghanim im Buch „The Virginity Trap in the Middle East“, dass sie bis heute die Ehre von Männern definiere. Deren Männlichkeit hänge davon ab, dass sie andere Männer davon abhalten können, Sex mit ihren weiblich gelesenen Verwandten zu haben.

So werde Jungfräulichkeit zu einer männlichen Angelegenheit mit weiblich gelesenen Menschen als reinen Objekten. Diese strenge, moralisch aufgeladene Kultur lasse weiblich gelesenen Menschen außer ihrer Jungfräulichkeit nur weniges, worauf sie stolz sein können.

… gibt es nicht nur im Islam

Doch nicht nur der Islam ist von einer restriktiven Sexualmoral geprägt. Auch das Christentum legt großen Wert auf sexuelle Enthaltsamkeit. Das lässt sich besonders gut an christlichen Keuschheitsbällen in den USA veranschaulichen.

Die „Purity Balls“ sind Feste, bei denen junge weiblich gelesene Menschen ihren Vätern versprechen, keinen Sex bis zur Ehe zu haben. Die Väter wiederum versprechen, die Keuschheit ihrer weiblich gelesenen Kinder zu beschützen. Besiegelt werden die Versprechen mit einem Ring.

Das klingt nicht nur wie eine bizarre Art von Hochzeit, sondern sieht auch so aus, wie die Bilder des Künstlers David Magnusson zeigen. Bei diesen Festen könnten stattdessen gute schulische Leistungen versprochen und Bekenntnisse gegen Mobbing verkündet werden, doch der wichtigste Wert einer weiblich gelesenen Person besteht auch in dieser Kultur in ihrer Jungfräulichkeit und Reinheit.

Diese Bälle führen die patriarchale Tradition der Kontrolle über weibliche Sexualität fort, die zuerst beim Vater liegt, bis er diese schließlich an den Ehemann übergibt.

Keuschheitsbälle sind ein Ausdruck für das schwierige Verhältnis, das das Christentum seit jeher zur Sexualität von weiblich gelesenen Menschen hat. Schon im Mittelalter war den Menschen bewusst, dass Sexualität ein natürlicher Prozess und dass ohne sie keine Fortpflanzung möglich ist.

Gleichzeitig stand alles, was den Menschen Freude bereitete, im Verdacht der Sünde – so auch die Sexualität. Weil laut der christlichen Mythologie Adam von Eva zum Probieren der heiligen Frucht verleitet wurde, wurde weiblich gelesenen Menschen im Zusammenhang mit ihrer Sexualität eine verführerische Gefährlichkeit nachgesagt.

Im 13. Jahrhundert vermutete deshalb der deutsche Philosoph Albert Magnus, dass Menstruationsblut giftig sei und krank mache und dass weiblich gelesene Menschen Eisenstücke in ihren Vaginen verstecken würden, um Menschen mit Penis beim Sex zu verletzten.

Dieser Zwiespalt zwischen Natürlichkeit und Sündenfall führte dazu, dass die Sexualität von weiblich gelesenen Menschen ausschließlich als eins von zwei Extremen dargestellt wurde: Enthaltsamkeit oder Hurerei. Alles dazwischen wurde nicht dargestellt und so entstand auch ein klares Bild von weiblich gelesenen Personen: Heilige oder Hure.

Bis heute existiert diese Doppelmoral: Haben männlich gelesene Menschen (viel) Sex, erhalten von ihrem sozialen Umfeld Anerkennung dafür oder ihr Verhalten wird zumindest toleriert. Weiblich gelesene Menschen werden dagegen als Flittchen, Schlampe, Hure oder Matratze bezeichnet.

… verstärken Geschlechterstereotype und beschädigen das Selbstbild

Wie die Sexualität von weiblich gelesenen Menschen interpretiert wird, drückt sich auch in der Art und Weise aus, wie das Ende der Jungfräulichkeit und Sex im Allgemeinen beschrieben werden: Jungfräulichkeit geht verloren, Blumen werden gepflügt, Äcker werden bestellt und Menschen mit Vulva wird „es“ besorgt.

Unsere Sprache dreht sich stets um die Passivität von weiblich gelesenen Menschen und die sexuelle Eroberung durch männlich gelesene Menschen, was laut der Sexualwissenschaftlerin und zugelassenen Psychotherapeutin Kelly McDonnell-Arnold zur Objektivierung von weiblich gelesenen Menschen und zur Kontrolle ihrer Sexualität vor allem durch Cis-Männer beiträgt.

Dieses Weltbild verleitet Cis-Männer dazu, übergriffiges und schadhaften Verhalten gegenüber weiblich gelesenen Menschen zu relativieren, und kann das Selbstwertgefühl von weiblich gelesenen Menschen beschädigen.

Letzteres wird klar, wenn man in Internetforen nach Begriffen wie Jungfräulichkeit oder Jungfrau sucht. Bis heute stellen Nutzer:innen Fragen dazu, ob sie ihre Jungfräulichkeit verloren haben, weil sie nach dem Sport Blut in der Unterwäsche hatten, Tampons benutzen oder masturbieren.

Diese Fragen verdeutlichen, dass es für diese Menschen bei Jungfräulichkeit nicht darum geht, ein besonderes Erlebnis für die richtige Person aufzuheben. Stattdessen haben sie das Gefühl, etwas unwiederbringlich verloren und ihren eigenen Wert gemindert zu haben, obwohl sie nichts falsch gemacht haben.

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… führen zu gesundheitlichen Risiken

Wenn Jungfräulichkeit für weiblich gelesene Menschen als einzige Option gilt, kann das umfassende sexuelle Bildung, den Zugang zu Verhütungsmitteln und ein Bewusstsein für sichere Sexpraktiken erschweren, sagt Kelly McDonnell-Arnold: „Das führt zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber sexuell übertragbaren Infektionen und ungewollten Schwangerschaften.“

Das wurde 2016 in einer Studie deutlich, die das sexuelle Verhalten von weiblich gelesenen Menschen untersucht hat, die ihren Vätern bei Keuschheitsbällen sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe versprochen hatten.

Die meisten Befragten hielten sich nicht an ihr Versprechen. Weil sie weniger aufgeklärt waren, verwendeten sexuell aktive Keuschheitsball-Absolvent:innen seltener Kondome und andere Verhütungsmittel und hatten ein höheres Risiko für HPV und ungeplante Schwangerschaften.

Jungfräulichkeit als soziales Stigma

Obwohl auch in Deutschland viele Menschen von religiösen Eltern und Gemeinschaften unter Druck gesetzt werden, spielt die Bewahrung der Jungfräulichkeit für die meisten keine große Rolle. Wenn junge Menschen keinen Sex haben, liegt das laut der BZgA-Studie 2020 vor allem daran, dass sie (noch) kein Interesse daran haben oder auf die richtige Person warten.

Dass der gesellschaftliche Druck für die meisten schon seit einiger Zeit aus einer anderen Richtung kommt, zeigen Filme und Serien.

1999: In „American Pie“ versucht eine Horde junger Cis-Männer alles, um ihre Jungfräulichkeit noch vor dem Ende der High School zu verlieren – denn wer im College noch Jungfrau ist, ist schließlich ein Loser.

2005: In „Jungfrau (40), männlich, sucht …“ machen sich drei Freunde über den vierten lustig, weil er im Alter von 40 Jahren noch nie Sex hatte und setzen anschließend Himmel und Hölle in Bewegung, damit er endlich seine Jungfräulichkeit verliert. Wir lernen dabei einen unbeholfenen Hauptcharakter kennen, dessen persönliche Grenzen entschuldigungslos überschritten werden.

2009–2015: Sex ist allgegenwärtig in „Glee“. Die Schüler:innen sprechen ständig darüber und alle haben ihn – abgesehen natürlich von der Figur im Rollstuhl.

Solche Filme erzeugen nicht nur ein negatives Bild von Menschen, die mit dem ersten Sex bis nach ihrer Schulzeit warten, sondern lassen uns auch glauben, dass Sex vor dem Schulabschluss für die meisten selbstverständlich ist.

Dieser Eindruck deckt sich allerdings nicht mit der Realität. Weltweit zeigen Studien, dass Jugendliche immer später Sex haben. In den USA hatten 1991 beispielweise 54 Prozent der High-School-Schüler:innen Sex, in den Jahren 2019 und 2021 waren es noch 38 und 30 Prozent.

Im Vergleich mit dem Jahr 2000 haben auch Jugendliche in Deutschland immer später Sex, wie eine Studie der BZgA zeigt.

… trifft vor allem weiblich gelesene Menschen

Obwohl auch männlich gelesene Menschen diskriminiert werden, wenn sie „zu lange“ Jungfrau bleiben, ist es für weiblich gelesene Menschen geradezu unmöglich, alles richtig zu machen: Haben sie zu früh Sex, sind sie Flittchen. Haben sie zu spät Sex, sind sie frigide und prüde.

Für sie bedeutet der erste Sex den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Früher passierte der erste Sex in der Hochzeitsnacht, weshalb eine weiblich gelesene Person nach der Hochzeit im Deutschen mit Frau statt Fräulein angesprochen wurde.

Während wir heute größtenteils auf diese Trennung verzichten, kommt sie in anderen Sprachen bis heute vor. Im Englischen wird Miss zu Misses, im Französischen wird Mademoiselle zu Madame und im Türkischen wird Kız zu Kadın.

Dass dieser Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter heute durch den ersten Sex passieren soll, zeigen uns Filme und Serien wie „After“ (2019) und „Riverdale“ (2017-2023). Hier werden die weiblichen Charaktere vor dem ersten Sex als sittsam und naiv dargestellt. Hinterher verändern sich ihr Aussehen und Auftreten und sie wirken deutlich reifer und selbstbewusster.

Diese Botschaften nisten sich so subtil im Unterbewusstsein ein, dass viele auch ohne aktiven Zuspruch das Gefühl haben, sie müssten ihre Jungfräulichkeit bis zu einem gewissen Alter verlieren, um ihr Erwachsensein unter Beweis stellen zu können.

… untergräbt die sexuelle Selbstbestimmung

Im Jahr 2014 hat der Journalist Kenny Thapoung für die Women’s Health 25 Cis-Frauen zu ihrem ersten Mal befragt. Neben schönen Erlebnissen waren auch zahlreiche Berichte dabei, laut denen sich die Frauen unter Druck gesetzt fühlten und im Nachhinein bereuten, wie ihr erstes Mal abgelaufen war.

Eine Befragte berichtete: „Ich war zu jung und überhaupt nicht bereit. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich den Typen mag, aber ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Es passierte sehr schnell und tat weh. Zu Hause habe ich ein heißes Bad genommen und mich in den Schlaf geweint.“

Dieser Eindruck wird von der Abschlussarbeit einer Studentin des US-amerikanischen Bard College aus dem Jahr 2017 bestätigt. Sie hatte dafür 30 Cis-Frauen zwischen 18 und 22 Jahren befragt und herausgefunden, dass Jungfräulichkeit für viele der Befragten eine Belastung und mit Scham, Schuld, Frustration, Verwirrung und Angst verbunden war.

Insgesamt entsteht ein Bild von Frauen, die ihre Jungfräulichkeit so dringend verlieren möchten, dass sie dabei große Risiken eingehen und sich im Zweifel auf Dinge einlassen, bei denen sie sich nicht wohlfühlen – was natürlich auch auf Menschen anderen Geschlechts zutreffen kann.

Sexuelle Selbstbestimmung bedeutet, dass jede:r über die eigene Sexualität frei bestimmen darf. Obwohl das theoretisch einleuchtet, macht es der gesellschaftliche Druck vielen schwer, auf das eigene Bauchgefühl zu hören.

… ist ein Problem für asexuelle Menschen

Während der Verlust der Jungfräulichkeit und Sexualität im Allgemeinen für weiblich gelesene Menschen mit dem Übertritt ins Erwachsenenalter assoziiert werden, wird Sexualität bei männlich gelesenen Menschen mit Männlichkeit assoziiert: Je mehr Sex ein Mann hat, desto männlicher ist er.

In dieses Schema passen asexuelle Menschen nicht, denn sie fühlen sich nicht sexuell zu anderen Menschen hingezogen und möchten nicht sexuell mit anderen interagieren. Sie erleben oft, dass ihnen ihre Weiblichkeit oder Männlichkeit abgesprochen wird, ihnen mit Mitleid und Unverständnis begegnet wird und dass ihre sexuelle Orientierung pathologisiert wird.

Davon berichtet beispielsweise die asexuelle Aktivistin Yasmin Benoit im Evening Standard. Dort beschreibt sie, dass ihr insbesondere online immer wieder gesagt wird, sie müsse als Kind missbraucht worden oder mental beeinträchtigt sein.

Ähnlich äußert sich Michael Paramo auf azejournal.com. En beschreibt, dass Menschen regelmäßig davon ausgehen würden, ens Asexualität sei nur eine Ausrede und dass en entweder „niemanden abbekommen“ würde oder heimlich homosexuell sei.

Dabei ist ein asexuelles Leben – abgesehen von den dummen Sprüchen – ein ebenso erfülltes wie jedes andere, sagt die zertifizierte Sextherapeutin Dr. Aliyah Moore: „Asexuelle Personen können intime und romantische Beziehungen eingehen, die […] auf emotionaler Verbindung und gemeinsamen Erfahrungsschätzen statt auf sexuellen Erfahrungen beruhen.“

Vergnügen ist nicht immer sexueller Natur - GIF

Insbesondere in queeren Beziehungen sei der gesellschaftliche Druck in Verbindung mit Sex besonders groß: „Stimmt das eigene Erleben nicht mit den traditionellen Erwartungen an Sexualität überein, kann das zu Gefühlen der Unzulänglichkeit oder des Kaputtseins führen.“

… wird immer schlimmer, je älter man wird

Ein Gefühl des Kaputtseins erleben auch Menschen, die bis ins Erwachsenenalter Jungfrauen bleiben – ob das nun gewollt oder ungewollt passiert. In Filmen wie „Jungfrau (40), männlich, sucht …“ werden sie als Witzfiguren dargestellt, die einfach zu hässlich oder schüchtern sind oder mit denen irgendetwas nicht stimmt.

Diese Stereotype erzeugen bei sexuell aktiven Menschen Vorurteile gegenüber erwachsenen Jungfrauen, was es für letztere noch schwieriger macht, eine Person kennenzulernen, der sie bei ihrem sexuellen Debut vertrauen können.

Während sich Menschen jeden Alters Sorgen machen, beim ersten Mal keine gute „Performance“ hinzulegen, wird diese Sorge immer größer, je mehr sexuelle Erfahrungen gleichaltrige potenziellen Partner:innen haben. Das macht Jungfräulichkeit im Erwachsenenalter zu einer isolierenden Erfahrung.

Eine Welt ohne Jungfräulichkeit

Mit dem ersten Sex auf einen bestimmten Zeitpunkt oder die richtige Person warten zu wollen, ist nicht verkehrt. Das meint auch Kalley Hartman: „Das Konzept der Jungfräulichkeit kann für einige Menschen aus religiösen, kulturellen oder persönlichen Gründen einen wichtigen Zweck erfüllen und alle diese Gründe haben ihre Berechtigung. Schaden richtet das Konzept allerdings an, wenn es verwendet wird, um den Wert einer Person zu bestimmen.“

Leider passiert genau das immer noch: Die Art und Weise, wie wir bis heute über Jungfräulichkeit sprechen und denken, delegitimiert queeren Sex, führt zu riskanten sexuellen Praktiken und psychischen Beschwerden, diskriminiert weiblich gelesene und asexuelle Menschen und untergräbt die sexuelle Selbstbestimmung.

Obwohl wir in einer Welt voller Binaritäten leben – an oder aus, wahr oder falsch, spät oder pünktlich – haben wir in den vergangenen Jahren immer mehr erkannt, dass Sexualität oft nicht in dieses Muster passt: Es gibt beispielsweise nicht nur Mann und Frau und noch so viel mehr als nur Hetero- und Homosexualität.

Auch die Jungfräulichkeit passt nicht zu diesem binären System. Sexuelle Erfahrung ist nichts, das man hat oder nicht hat, sondern ein Spektrum, innerhalb dessen sich keine klare Linie ziehen lässt.

Es sollte egal sein, wann und wie viel Sex eine Person hat und erst recht sollten die Erwartungen der Familie, Freund:innen oder der Gesellschaft keinen Einfluss darauf haben.

Unabhängig voneinander haben Dr. Aliyah Moore und Kelly McDonnell-Arnold denselben Vorschlag zu gemacht, wie wir ein inklusiveres und gerechteres Verständnis von Sexualität schaffen können: Durch einen Fokus auf Einverständnis, Kommunikation und individuelle Autonomie.

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