Warum man auch im Seniorenalter noch Sex haben sollte

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Sex die Gesundheit im hohen Alter fördert und die Lebensfreude steigert

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In diesem Artikel
  • Sex im hohen Alter wird völlig zu Unrecht tabuisiert.
  • Studien zeigen, dass Geschlechtsverkehr im höheren Alter zahlreichen Krankheiten entgegenwirkt, den Alterungsprozess verlangsamt und sogar mehr Lebensfreude schafft.
  • Sex im Alter kann trotz Einschränkungen Spaß machen – es gibt zahlreiche kreative Möglichkeiten, wie uns eine Sexologin zeigt.

Auch noch im höheren Lebensalter Sex zu haben ist ein Thema, das oft tabuisiert wird. Womöglich gibt es deshalb bisher nur wenig Forschung zu diesem Thema. Dabei ist es etwas vollkommen Natürliches, wenn zwei Menschen intim werden – und ist Liebe nicht eigentlich auch altersunabhängig?

Eine im European Geriatric Medicine Journal veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit macht deutlich, dass Sexualität im höheren Alter unbedingt normalisiert werden sollte. Nicht nur, weil Sex im Alter etwas vollkommen Natürliches ist, sondern auch, weil Studien zeigen, dass Sex im hohen Alter sogar äußerst positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat und den Alterungsprozess verlangsamen kann.

Sexualität – Ein Schlüsselaspekt für die Gesundheit im Erwachsenenalter

Pinar Soysal aus der Abteilung für geriatrische Medizin der medizinischen Fakultät der Bezmialem Vakif Universität in Istanbul und Lee Smith vom Zentrum für Gesundheit, Leistung und Wohlbefinden der Anglia Ruskin University in Cambridge beschreiben in Ihrer Publikation Sexualität als einen wichtigen Aspekt der Lebenszufriedenheit im Erwachsenenalter.

Lebenszufriedenheit gilt wiederum als ein Schlüsselindikator für gesundes Altern. Für “gesundes Altern” gibt es zwar keine eindeutige Definition, jedoch wird es häufig mit dem Fehlen von Krankheiten, dem Vorhandensein einer guten körperlichen und geistigen Gesundheit, der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und Lebenszufriedenheit beschrieben.

Sexualität ist etwas, das im Zusammenhang mit Gesundheit im Alter oft übersehen wird und daher unbedingt thematisiert werden muss. Zumal die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Sexualität und die mit ihr verbundene sexuelle Lust als zentrale Aspekte des Menschseins über die gesamte Lebensspanne hinweg versteht.

Darüber hinaus zeigen Umfragen deutlich, dass Sex nicht nur etwas für junge Leute ist, sondern immer noch eine Rolle im Leben von Menschen im Seniorenalter spielt. Bei einer Umfrage der Michigan University aus dem Jahr 2021 zeigten sich viele Erwachsene im Alter von 65 bis 80 Jahren interessiert an sexuellen Aktivitäten. Insgesamt gaben von 1.002 Personen rund 51 % der Männer und 31 % der Frauen an, sexuell aktiv zu sein.

Sexuelle Aktivität verlangsamt den Alterungsprozess

Die Publikation von Soysal und Smith umfasst verschiedene Studien, die aufzeigen, dass sexuelle Aktivität zahlreiche positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat:

  • So konnte eine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie nachweisen, dass sexuelle Aktivität mit einer längeren Telomerlänge einhergeht und somit der Alterungsprozess verlangsamt wird. Telomere sind DNA-Segmente, deren Länge sich im Laufe des Lebens verkürzt und dazu führt, dass die alternden Zellen die Zellteilung und -erneuerung einstellen. Wie die Studienergebnisse zeigen, kann Sex diesen Prozess verlangsamen.
  • Eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2016 zeigt außerdem, dass eine höhere Häufigkeit sexueller Aktivität mit einem geringeren Risiko für tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prostata- und Brustkrebs und einer besseren Lebensqualität im höheren Alter verbunden ist.

Gesund bis ins hohe Alter dank körperlicher Aktivität und Endorphine

Dass sich sexuelle Aktivität positiv auf die Gesundheit und das Wohlbefinden auswirken kann, ist laut Smith plausibel erklärbar.

Zum einen kann sexuelle Aktivität als eine Form der körperlichen Betätigung angesehen werden. So ist es wahrscheinlich, dass diejenigen, die regelmäßig sexuell aktiv sind, in den Genuss der körperlichen und geistigen Gesundheitsvorteile eines körperlich aktiven Lebensstils kommen.

Zum anderen werden während der sexuellen Aktivität und auch beim Orgasmus Endorphine freigesetzt, die als Neurotransmitter fungieren und ein Gefühl der Freude oder Glückseligkeit erzeugen.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 hat gezeigt, dass Endorphine die Entstehung von Zellen fördern, die gegen Krebs und Viren wirken. Zudem können Endorphine Lungeninfektionen vorbeugen und eine wichtige Rolle bei der Verbesserung von Lungenkrebs und vielen anderen Erkrankungen spielen.

Sex wirkt Gebrechlichkeit entgegen und hält fit

Es ist vollkommen normal, dass Menschen mit dem Alter Muskelkraft verlieren, langsamer werden und zunehmend Schwierigkeiten mit körperlichen Aktivitäten sowie der Bewältigung des Alltags haben. Sind diese Einschränkungen besonders stark ausgeprägt, wird dies in medizinischen Kreisen auch als Gebrechlichkeit bezeichnet.

Gebrechlichkeit geht mit einer deutlich geringeren Lebensqualität einher und die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden, ist erhöht. Sehr gebrechliche Menschen sind anfälliger für Infektionen oder Komplikationen (beispielsweise nach einer Operation) und haben eine geringere Lebenserwartung.

Wissenschaftlern zufolge sind rund 2,6 % der 65- bis 79-Jährigen körperlich gebrechlich und rund 38,8 % weisen eine Vorstufe der Gebrechlichkeit auf.

Wie in der Publikation von Soysal und Smith beschreiben wird, gibt es zwar keine Studie, die zeigt, wie Gebrechlichkeit, die bekanntermaßen der wichtigste Indikator für die körperliche Gesundheit älterer Menschen ist, durch sexuelle Aktivität beeinflusst wird.

Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Faktoren, die für das Auftreten von Gebrechlichkeit verantwortlich sind, durch sexuelle Aktivität positiv beeinflusst werden und dass anhaltende sexuelle Aktivität im höheren Alter das Auftreten von Gebrechlichkeit mildern kann.

So gibt es zum Beispiel Hinweise darauf, dass Gebrechlichkeit eng mit Entzündungen verbunden ist. In einer Studie konnte nachgewiesen werden, dass die Entzündungswerte, die bei Patienten mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung erhöht sind, durch sexuelle Aktivität gemindert werden können und Sex auf diese Weise die Entwicklung von Gebrechlichkeit verhindern kann.

Mehr Lebensfreude im hohen Alter dank Geschlechtsverkehr

Weiterhin heißt es im Artikel von Smith und Soysal, dass die körperliche Gesundheit bei älteren Menschen maßgeblich durch einen wichtigen Faktor beeinflusst wird: die Lebensfreude.

In den Studien des Wissenschaftlerteams der English Longitudinal Study of Ageing (ELSA), die die Auswirkungen sexueller Aktivität bei älteren Erwachsenen untersuchten, wurde festgestellt, dass bei sexuell aktiven Männern und Frauen häufiger (≥ 2 Mal pro Monat) Geschlechtsverkehr und häufiges Küssen, Petting oder Streicheln mit größerer Lebensfreude verbunden ist.

Um Lebensfreude und körperliche Gesundheit im hohen Alter genießen zu können, ist sexuelle Aktivität also sehr empfehlenswert.

Sexualität im Alter verdient mehr Medienpräsenz

Wie man sieht, gibt es ausreichend Gründe dafür, das Tabuthema, im Alter sexuell aktiv zu sein, zu überwinden und Sexualität im Alter zu fördern, beispielsweise durch mehr Medienpräsenz von älteren Menschen in intimen Beziehungen. Auch sollten Gespräche über die sexuelle Gesundheit im Alter im Gesundheitswesen normalisiert werden.

Tendenziell werden ältere Menschen jedoch entsexualisiert dargestellt. Und auch wenn manche nicht gerne daran denken, wie es Oma und Opa miteinander treiben, so ist es doch eine Tatsache, dass die meisten von uns eines Tages auch in dem Alter sein werden und es hilfreich wäre, positive und realistische Darstellungen von Sexualität im Alter zu sehen.

Sarah Melancon, zertifizierte Sexologin, Sexualberaterin und Pädagogin aus den USA, die überwiegend mit Männern über 60 arbeitet und häufig mit ihnen über Fragen des Alterns und Sexualität spricht, betont in einem Gespräch mit Fraulila, dass Menschen dazu neigen zu denken, dass der Hauptzweck von Sex die Fortpflanzung ist. Dabei spiele Sex auch eine wichtige Rolle für die Bindung zwischen Partnern sowie für die individuelle geistige und emotionale Gesundheit.

„Wenn man begreift, dass Sex eine soziale und emotionale Funktion hat, ist es einfacher zu verstehen, warum Sexualität über die gesamte Lebensspanne hinweg wichtig ist“, meint Melancon.

Sie bezeichnet Sex als eine Form des „Spiels“ für Erwachsene – kulturell gesehen neigen wir laut der Sexologin jedoch dazu, im Alter die Arbeit dem Spiel vorzuziehen. Dabei sei das Spiel ein wichtiger Bestandteil dessen, warum wir unsere Sexualität (und das Leben im Allgemeinen) genießen.

Das Leben soll Spaß machen!

„Physiologisch gesehen werden beim “Spielen”, wie auch bei sexueller Erregung, sowohl der Sympathikus als auch der Parasympathikus (Teile des vegetativen Nervensystems) aktiviert. Die Aktivierung dieser Systeme bewirkt, dass sie gestärkt und gestrafft werden, ähnlich wie beim Training unserer Muskeln. Dies trägt nicht nur zu unserer sexuellen Gesundheit bei, sondern auch zu unserer geistigen, emotionalen und körperlichen Gesundheit.“

„Genauso wie Bewegung unser Herz und unsere Muskeln gesund hält, sorgt sexuelle Aktivität dafür, dass unser Nervensystem gesund bleibt. Sex sorgt außerdem dafür, dass unsere Beziehungen mehr Spaß und Freude machen. Ich bin davon überzeugt, dass das Leben Spaß machen soll – obwohl die meisten Menschen wohl das Gegenteilige behaupten würden!“, so Melancon.

Außerdem betont sie, dass Sex auch dabei hilft, unsere Genitalien gesund zu halten und regelmäßiger Geschlechtsverkehr mit einem geringeren Risiko der Entwicklung von Erektionsstörungen verbunden ist.

Sex im höheren Alter ist nicht unbedingt schlechter, nur anders

Sex im höheren Alter ist aufgrund körperlicher Einschränkungen oft nicht mehr das, was er mal war. Einschränkungen müssen jedoch keineswegs bedeuten, dass der Sex nicht gut sein kann. Geschlechtsverkehr kann auch im hohen Alter noch schön sein und Spaß machen.

Im höheren Alter ist vielleicht das Verlangen nach Sex nicht mehr so stark wie früher, der Körper hat sich zudem verändert und ist meist nicht mehr so attraktiv wie damals, man hat weniger Kraft und Ausdauer und vielleicht auch Erektionsschwierigkeiten (oftmals durch Medikamente verursacht) – dennoch muss das nicht das Ende des sexuellen Vergnügens bedeuten.

Um auch im Alter ein gesundes und angenehmes Sexualleben haben zu können, empfiehlt die Sexologin Sarah Melancon, kreativ zu werden.

„Mit zunehmendem Alter verändern sich unsere körperlichen Fähigkeiten, und wir sind vielleicht nicht mehr in der Lage, Sex auf dieselbe Art und Weise wie mit 20 zu haben. Viele glauben, dass Sex mit Penetration einhergehen muss. Die glücklichsten Paare, die ich kenne, haben jedoch eine umfassendere Vorstellung von Sex“, erzählt uns Melancon.

Bei körperlichen Einschränkungen gibt es vielfältige Alternativen

„Geschlechtsverkehr mit Penetration kann zwar durchaus angenehm sein, Erektionsstörungen bei Männern und mangelnde Lubrikation sowie Enge bei Frauen oder Schmerzen beim Sex können den Akt schwierig gestalten oder sogar unmöglich machen.“

Was laut Melancon aber nicht bedeuten muss, dass Sex für immer aus dem Leben verschwinden muss. „Es gibt viele andere Möglichkeiten, sexuell aktiv zu sein: Man kann sich küssen, berühren, Oralsex miteinander haben oder Sexspielzeug einbinden, Rollenspiele ausprobieren, sich selbst befriedigen (allein oder mit einem Partner), sich Pornos ansehen, Erotikbücher lesen oder es mit Dirty Talk versuchen.“

Die Sexologin ist der Meinung, dass es wichtiger sei, den körperlichen Kontakt mit seinem Partner bzw. seiner Partnerin zu genießen und sich darauf zu fokussieren, wie sich der gemeinsame Moment anfühlt, als dass man seine Aufmerksamkeit den Handlungen, die man ausführt, schenkt.

„Es mag zwar frustrierend sein, wenn die Dinge nicht mehr so funktionieren wie früher, aber das zu genießen, was möglich ist, bringt viel mehr Vergnügen, Intimität und Spaß, als den Sex ganz aus seinem Leben zu streichen.“

Sexspielzeug kann bei körperlichen Einschränkungen helfen

Im Gespräch mit Sarah Melancon erfahren wir außerdem, dass spezielles Sexspielzeug bei körperlichen Einschränkungen helfen kann. So gibt es zum Beispiel Vibrationsspielzeug für Männer, das sich freihändig nutzen lässt und sich hervorragend bei eingeschränkter Mobilität oder Erektionsproblemen eignet. Stützkissen können bei der Positionierung helfen und zusätzlichen Halt bieten.

Dildos, die sich an das Bein anschnallen lassen, können sich als hilfreich erweisen, wenn sich die Hüfte nur schwer oder gar nicht bewegen lässt und man seiner Partnerin trotzdem eine schöne Zeit bereiten möchte.

Zudem ermutigt die Sexologin zur Selbstbefriedigung: „Viele ältere Menschen sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Selbstbefriedigung nicht akzeptiert war. Jedoch kann Masturbation in vielerlei Hinsicht hilfreich sein, wie etwa zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der sexuellen Funktion, zum Ausleben der eigenen Sexualität, wenn der/ die Partner:in keine Lust hat oder nicht verfügbar ist und insbesondere nach dem Verlust eines Partners.“

Fazit: Wer im Alter gesünder und glücklicher sein möchte, sollte nicht auf Sex verzichten

Die in diesem Artikel erläuterten wissenschaftlichen Studien zeigen, dass es reichlich Gründe dafür gibt, auch noch in höheren Jahren sexuell aktiv zu sein.

Nicht nur braucht man sich im Alter keine Sorgen mehr darum zu machen, schwanger werden zu können – auch für die Gesundheit ist es ausgesprochen vorteilhaft, sexuell aktiv zu sein: Der Körper schüttet mehr Endorphine aus, der Schutz vor Entzündungen ist erhöht, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prostata- und Brustkrebs ist reduziert, der Alterungsprozess wird verlangsamt und sogar die Lebensfreude ist erhöht, wenn man im hohen Alter sexuell aktiv ist.

Doch selbst wenn man im hohen Alter nicht mehr so körperlich fit ist, muss das keinesfalls bedeuten, dass die “Qualität” des Geschlechtsverkehrs darunter leiden muss, er läuft vielleicht nur etwas anders ab.

Der Schlüssel liegt darin, die Einschränkungen des veränderten Körpers zu akzeptieren und den Geschlechtsverkehr weniger als eine Leistung anzusehen, sondern vielmehr als eine Art des intimen, liebevollen Beisammenseins – was zudem reichlich Spaß machen und Intimität schaffen kann!

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