Sexualität, Tabus und Gender-Normen: Wie Mädchen in verschiedenen Teilen der Welt aufwachsen

Das Kinderhilfswerk Plan International wertete Daten aus 14 Jahren und neun Ländern aus

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In diesem Artikel
  • Die Autor:innen der Studie sahen sich an, mit welchen Gender-Normen Mädchen in neun Ländern auf verschiedenen drei Kontinenten aufwuchsen.
  • Gerade mit der ersten Montagsblutung der Mädchen tendierten Bezugspersonen dazu, diese zu bestimmten „vorsichtigeren“ Verhaltensweisen zu ermahnen.
  • In Sachen Aufklärung, Gleichberechtigung und sexueller Selbstbestimmung herrschte vielerorts Nachholbedarf.

Wissen ist Macht. Das gilt auch und insbesondere für sexuelle Rechte und Selbstbestimmung. Wie es um deren Lage bei Mädchen auf der ganzen Welt bestellt ist, haben sich Forschende des Kinderhilfswerks Plan International genauer angesehen.

Seit 2006 beobachtet die Studie „Real Choice, Real Lives“ eine Gruppe von Mädchen, die in diesem Jahr zur Welt kamen, sowie deren Familien. 2021 waren es 118 Mädchen und ihre Familien, die an der Studie teilnahmen. Sie stammten aus neun Ländern auf drei Kontinenten:

  • Benin
  • Brasilien
  • Kambodscha
  • Dominikanische Republik
  • El Salvador
  • Philippinen
  • Togo
  • Uganda
  • Vietnam

Beendet werden soll die Untersuchung 2024, wenn die jungen Frauen 18 sind. Eine der zahlreichen zwischenzeitlichen Auswertungen befasst sich nun konkret mit den Informationen, welche Mädchen über ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte erhalten.

Die Guttmacher-Lancet-Kommission, ein Zusammenschluss internationaler Experten für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte – abgekürzt: SRGR – definiert diese als „Zustand körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf alle Aspekte der Sexualität und Fortpflanzung, nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen.“

Hintergründe der Untersuchung

Plan International ist ein Kinderhilfswerk, das sich in über 50 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika für die Überwindung von Armut und Ungerechtigkeit einsetzt. Unter anderem engagiert es sich gegen ungleiche Machtverhältnisse, welche die weibliche Sexualität kontrollieren.

In der Studie beschäftigten sich die Forschenden mit Gender-Normen und deren Einfluss auf das Leben der Mädchen. Daher war ein Gegenstand der Untersuchung, ob – und wenn ja – inwiefern sich die gesellschaftlichen Erwartungen an die Mädchen mit ihrem Heranwachsen veränderten. Auch die Kommunikation zwischen den Mädchen und ihren Bezugspersonen wurde im Hinblick auf SRGR untersucht.

Seit Beginn der Untersuchung fand eine jährliche Datenerhebung statt, welche aus einem Interview mit einer Bezugsperson des Mädchens bestand. Sobald die Mädchen sechs Jahre alt waren, fand zusätzlich jeweils ein jährliches Gespräch mit ihnen statt.

Aufklärende Gespräche: Häufig spät und unvollständig

Zwar gaben die Bezugspersonen an, dass sie Gespräche über SRGR als wichtig und notwendig erachteten. Allerdings waren sie auch der Überzeugung, dass die Mädchen in der Kindheit und frühen Jugend noch nichts darüber erfahren sollten. Als Grund wurde angegeben, dass entsprechende Informationen entweder noch nicht relevant oder nicht angemessen seien.

Oft wurde Aufklärung mit sexueller Aktivität assoziiert. Das Alter, in dem Sexualität toleriert wurde, galt daher häufig auch als das Alter, in dem aufklärende Gespräche als angemessen galten.

Insgesamt wurde das Thema sexueller Aufklärung als heikel wahrgenommen. So gab die Mutter eines 15 Jahre alten togolesischen Mädchens an, dass dieses noch zu jung sei, um vollständig aufgeklärt zu werden – obwohl das Mädchen im vergangenen Jahr selbst Mutter geworden war. Die Mutter wolle allerdings mit ihm darüber sprechen, wie es eine zweite Schwangerschaft vermeiden könne.

Die erste Monatsblutung als Wendepunkt

Die Menarche beziehungsweise der erste Menstruationszyklus wurde als entscheidender Zeitpunkt gesehen, an dem ein Gespräch – zumindest über die Periode – für Mädchen als angemessen erachtet wurde. Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass die Mädchen vor Einsetzen ihrer Regelblutung meistens nicht darüber aufgeklärt wurden. Teilweise erfuhren sie sogar erst eine Weile nach ihrer Menarche, was mit ihrem Körper geschah und welche Bedeutung es hatte.

Als akzeptable Themen für ein entsprechendes Aufklärungsgespräch galten unter anderem die Menstruationshygiene und ein „angemessenes“ Verhalten während der Menstruation. Das Letztere beinhaltete etwa das Vermeiden von bestimmten Aktivitäten, Orten sowie Regeln für Kleidung und Ernährung.

Zu den von nun an geltenden Einschränkungen gehörte zum Beispiel die Erwartung, „wie eine Lady“ zu sitzen. Außerdem gab etwa Edwina, ein 12-jähriges Mädchen aus den Philippinen, an, dass sie nicht mehr so häufig mit Jungs spielen sollte, wenn ihre Menstruation einsetzte. Da sie dann erwachsen sei, müsse sie sich dann kultivierter verhalten.

Insgesamt war die Monatsblutung häufig mit Schamgefühlen und teilweise auch mit Aberglauben verbunden. Ein Mädchen aus El Salvador berichtete, dass ihre Mutter sie angewiesen habe, niemandem von ihrer Periode zu erzählen. Und ein Mädchen aus Kambodscha gab an, sie habe oft gehört, dass die erste Monatsblutung einen Baum absterben lassen könne.

Das Verhältnis zwischen jugendlichen Mädchen und Jungen

Dass es unmöglich sei, den Kontakt zwischen Jungen und Mädchen völlig zu unterbinden, erkannte etwa die Mutter eines Mädchens aus der Dominikanischen Republik an. Entsprechende Freundschaften seien demnach in Ordnung, solange sie auf gegenseitigem Respekt beruhten.

Allerdings wurden die Mädchen grundsätzlich in die Verantwortung genommen, ihre Kleidung und ihr Verhalten anzupassen, „um kein Risiko einzugehen“. Es galt die Überzeugung, dass die Verantwortung einer ungewollten Schwangerschaft bei den Mädchen liege.

Sexuelle Belästigung und ungewollte Schwangerschaften

Sowohl in Interviews mit den Bezugspersonen als auch mit den Mädchen selbst wurde immer wieder die Sorge genannt, die Mädchen könnten infolge einer ungewollten Schwangerschaft ihre Schulbildung vernachlässigen und sich damit ihre Zukunft verbauen.

Wiederholt wurde zudem die Angst geäußert, die Mädchen könnten Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt werden. So stellten die Mädchen fest, dass sie mit fortschreitender körperlicher Entwicklung zunehmend Opfer von Cat-Calling, Wolf-Whistling (Hinterherpfeifen) oder Beleidigungen wurden. In Hinsicht auf eine ungewollte Schwangerschaft galt eine Vergewaltigung als reales Risiko.

Sexuelle Übergriffe wurden immer wieder als schambehaftetes Thema für die Opfer wahrgenommen. Eine Mutter aus Uganda gab zum Beispiel an, dass Mädchen Vergewaltigungen womöglich nicht meldeten, weil sie sich dafür schämten.

In puncto rechtlicher Unterstützung bestand erheblicher Nachholbedarf: Laut den Berichten wurden die Täter – abseits einiger weniger Ausnahmefälle – für ihre Taten häufig nicht belangt.

Abtreibungen: Verbote und Risiken

Abtreibungen gelt derzeit in allen untersuchten Ländern bis auf Vietnam, Benin und Kambodscha als illegal. In El Salvador etwa kann ein Schwangerschaftsabbruch für eine Frau eine Haftstrafe von bis zu acht Jahren bedeuten. In einigen Fällen können die Richter die Frauen des schweren Mordes schuldig sprechen, was unter Umständen bis zu 50 Jahre Gefängnis bedeutet.

Doch auch in den Ländern, in denen Abtreibungen auf dem Papier erlaubt sind, ist die Situation mitunter besorgniserregend. Während Abtreibungen in Uganda zum Beispiel unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt sind, ist das zugehörige Gesetz komplex und undurchsichtig. Jugendliche sind daher gezwungen, unsichere Abtreibungen in Anspruch zu nehmen, was zu ernsten gesundheitlichen Folgen bis hin zum Tod führen kann.

Sexualität abseits von Heteronormativität

Insgesamt zeigt die Studie, dass ein heteronormatives Narrativ bei den Befragten klar vorherrschte. Während die Bezugspersonen sich einerseits in Sorge um zu frühe sexuelle Aktivitäten der Mädchen zeigten, äußerten sie auf der anderen Seite Besorgnis für den Fall, dass die sexuelle Aktivität sich nicht wie geplant einstellen sollte. Sie befürchteten etwa, dass ihre Töchter lesbisch würden, wenn sie nicht rechtzeitig in ausreichend Kontakt zu Männern kämen.

Homophobie war in den Befragungen über alle Länder hinweg verbreitet. Sowohl Mädchen als auch ihre Bezugspersonen äußerten sich häufig in negativer Weise über Personen, die nicht den Gendernormen entsprachen. Eltern sahen es als ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ihre Tochter den Gendernormen entsprach und eine heterosexuelle Orientierung aufwies.

Real Choice, Real Lives: Welche Schlüsse lassen sich aus der Studie ziehen?

Einerseits bietet die Auswertung der „Real Choice, Real Lives“-Studie essenziell wichtiges Wissen um den Stand der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte von Mädchen in verschiedenen Ländern. Auf der anderen Seite räumen die Forschenden ein, dass eine Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Ländern nur eingeschränkt möglich sei. Darüber hinaus fehlt in der Studie der direkte Vergleich zur Situation von Jungen.

Insgesamt ließ sich jedoch beobachten, dass die Aufklärung über sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte zwar als notwendiger Teil des Erwachsenwerdens galt, aber die Mädchen häufig schlecht für einen positiven Umgang mit ihrer Sexualität gerüstet waren.

Aufgrund der sich stark unterscheidenden Ausgangsbedingungen sollten Handlungsempfehlungen laut den Macher:innen der Studie sowohl auf die Länder als auch auf deren jeweilige Regionen zugeschnitten werden. Plan International nimmt sowohl die nationalen Regierungen als auch NGOS sowie Organisationen der Zivilgesellschaft und Geldgeber:innen in die Verantwortung, um zukünftig unterstützende und stärkende Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Mädchen zu schaffen.

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