Krankheiten haben einen signifikanten Einfluss auf das Sexleben, laut dänischer Studie

Studienautor:innen fordern offenere Kommunikation zwischen Patient:innen und medizinischem Fachpersonal

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In diesem Artikel
  • Von sexuellen Funktionsstörungen sind bis zu 42 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen betroffen.
  • Eine großflächige dänische Studie untersuchte nun potenzielle Zusammenhänge zwischen zwischenmenschlicher sexueller Inaktivität sowie Funktionsstörungen und physischer wie psychischer Erkrankungen.
  • Die Forschenden beobachteten einen statistisch signifikanten Zusammenhang und hoffen, mit den Ergebnissen eine breitere Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.

Genau wie körperliche und psychische Gesundheit ist sexuelle Zufriedenheit ein wichtiger Pfeiler für das eigene Wohlbefinden.

Während klar zu sein scheint, dass sexuelle Funktionsstörungen keine Randerscheinung sind, gehen die Erhebungen zur Häufigkeit sexueller Funktionsstörungen weit auseinander. Je nach Studie treten sie in der Bevölkerung bei 11 bis 42 Prozent der Männer und 11 bis 51 Prozent der Frauen auf.

Eine noch nicht veröffentlichte Untersuchung, die ebenfalls von den Machern des vorliegenden Forschungsprojekts stammt, kommt zum Ergebnis, dass 18 Prozent der Männer und 20,4 Prozent der Frauen mindestens einmal im letzten Jahr von einer sexuellen Funktionsstörung betroffen waren.

Breit angelegte Studie liefert umfassende Daten zu Gesundheit und Sexualleben

Während einzelne Untersuchungen zur Verknüpfung von physischen wie psychischen Krankheiten und sexuellen Funktionsstörungen bereits vorliegen, fehlte es bisher an großflächigen Untersuchungen.

National repräsentative Daten liefern nun die Forschenden des Statens Serum Instituts Kopenhagen sowie des Zentrums für Sexualforschung der Universität Aalborg mit der vorliegenden Studie.

Zu diesem Zweck hatten sie eine Befragung durchgeführt, an der zwischen September 2017 und August 2018 über 60.000 Dän:innen im Alter zwischen 15 und 89 Jahren teilnahmen.

Neben dem Gesundheitszustand und sexueller Parameter wurden auch Faktoren abgefragt, die im Hinblick auf zwischenmenschliche sexuelle Inaktivität und Funktionsstörungen eine Rolle spielen könnten – das Alter und der Beziehungsstatus etwa, oder auch der Body-Mass-Index, der Raucherstatus und die wöchentliche Zeit, welche die Befragten mit mäßiger oder schwerer körperlicher Aktivität verbrachten.

Welche Personengruppen waren zwischenmenschlich sexuell eher inaktiv?

Personen, die ihren Gesundheitszustand selbst als schlecht oder sehr schlecht einschätzten, hatten im Vergleich zu jenen, die ihn als gut oder sehr gut bewerteten, laut der Analyse der Forschenden eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, zwischenmenschlich sexuell inaktiv zu sein.

Berücksichtigte man andere Faktoren, die im Hinblick auf zwischenmenschliche sexuelle Inaktivität ebenfalls eine wichtige Rolle spielen könnten, wie den Beziehungsstatus etwa, war der Zusammenhang zwar geringer – aber immer noch signifikant.

Kein statistisch signifikanter Zusammenhang konnte zwischen der Behandlung wegen eines psychischen Problems innerhalb des letzten Jahres und zwischenmenschlicher sexueller Inaktivität festgestellt werden.

Zwischenmenschliche sexuelle Inaktivität bei Männern

Männer mit folgenden Erkrankungen hatten auch nach Abzug anderer möglicher Einflussfaktoren eine statistisch signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, von zwischenmenschlicher sexueller Inaktivität betroffen zu sein:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Asthma und andere Lungenerkrankungen
  • Allergien
  • Krebs
  • Stress
  • Angst
  • affektive Störungen
  • Psychosen

Zwischenmenschliche sexuelle Inaktivität bei Frauen

Bei Frauen wurde in der abschließenden Analyse ein Zusammenhang zwischen Krebs sowie Erkrankungen auf dem Autismusspektrum und zwischenmenschlicher sexueller Inaktivität festgestellt.

Gesteigerte sexuelle Aktivität bei Frauen: Der „Sonderfall“ Borderline
Entgegen der sonstigen Befunde gab es tatsächlich Erkrankungen, die – zumindest bei Frauen – sogar mit einem erhöhten Level an sexueller Aktivität einhergingen. So gaben Frauen mit Persönlichkeitsstörungen oder ADHS signifikant seltener an, im Verlauf des letzten Jahres zwischenmenschlich sexuell inaktiv gewesen zu sein.

Allerdings litten sie nichtsdestotrotz unter einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, von den meisten untersuchten sexuellen Funktionsstörungen betroffen zu sein.

In Hinblick auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung haben die Macher:innen der Studie eine mögliche Erklärung für den Effekt: Da Personen mit dieser Erkrankung verstärkt zu sexualisierten und risikofreudigen Verhaltensweisen neigten, könnte dies erklären, warum zwischenmenschliche sexuelle Inaktivität hier unwahrscheinlicher sei.

Gleichzeitig könnten eben jene Charakteristika instabile persönliche Beziehungen begünstigen. Hinzu kämen mitunter ein verzerrtes Selbstbild und zusätzlich auftretende Depressionen und/oder Angstzustände, welche ein häufigeres Auftreten ​​multipler weiblicher sexueller Dysfunktionen erklären könnten.

Körper, Psyche und sexuelle Funktionsstörungen

Eine konstant höhere Wahrscheinlichkeit, unter sexuellen Funktionsstörungen zu leiden, hatten Personen, die unter folgenden gesundheitlichen Problem litten:

Physische Erkrankungen wie:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Schmerzzustände
  • Diabetes
  • Magen-Darm- und Lebererkrankungen
  • Krebs
  • Hauterkrankungen
  • Erkrankungen des Nervensystems
  • gynäkologische Erkrankungen
  • gutartige Vergrößerung (Hyperplasie) der Prostata

Psychische Probleme und Erkrankungen wie:

  • Stress
  • Angstzustände
  • affektive Störungen
  • Selbstverletzung oder Selbstmordgedanken und -versuche
  • posttraumatische Belastungsstörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Essstörungen
  • Psychosen

Wann litten die Befragten besonders unter welchen sexuellen Funktionsstörungen?

Männer, die innerhalb des letzten Jahres wegen einer langwierigen oder schweren körperlichen Erkrankung behandelt worden waren, hatten eine 2- bis 3-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit für alle untersuchten sexuellen Funktionsstörungen (mit Ausnahme vorzeitiger Ejakulation).

Männer, die im letzten Jahr wegen psychischer Probleme behandelt worden waren, hatten eine statistisch signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, an sexuellen Funktionsstörungen (mit Ausnahme vorzeitiger Ejakulation) zu leiden. Besonders signifikant war der Zusammenhang im Hinblick auf Orgasmusstörungen und ausbleibendem sexuellen Verlangen.

Sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen

Frauen, die im letzten Jahr wegen körperlicher Probleme behandelt worden waren, hatten eine statistisch signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für alle in der Studie untersuchten sexuellen Funktionsstörungen. Am eindeutigsten war der Zusammenhang bei Vaginismus und Schmerzen im Genitalbereich.

Frauen, die im Verlauf des letzten Jahres wegen psychischer Probleme behandelt worden waren, wiesen eine durchgängig höhere Wahrscheinlichkeit für alle untersuchten sexuellen Funktionsstörungen auf. Besonders häufig äußerte sich das in ausbleibendem sexuellen Verlangen.

Diese drei Erkenntnisse dürften besonders bemerkenswert sein

1. Die Dimensionen des Störfaktors Stress

Der Faktor Stress war das psychische Problem, das – sowohl bei Männern als auch Frauen – am häufigsten einer Behandlung bedurfte. Gleichzeitig konnte ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Stress und den meisten sexuellen Funktionsstörungen festgestellt werden.

2. Auswirkungen physischer Erkrankungen auf Sexualiät bei Männern und Frauen

Bei Männern hatten physische Erkrankungen einen größeren Einfluss auf das Auftreten sexueller Funktionsstörungen als bei Frauen. Ein Effekt, den auch vorige Studien bereits nahe gelegt hatten. Die Forschenden der dänischen Untersuchung haben hierfür keine Erklärung.

3. Vorzeitiger Samenerguss als Sonderfall

Im Gegensatz zu anderen sexuellen Funktionsstörungen gab es kaum signifikante Zusammenhänge zwischen physischen oder psychischen Erkrankungen und vorzeitigem Samenerguss. Eines der wenigen Krankheitsbilder, für welches eine Verbindung zu vorzeitigem Samenerguss festgestellt wurde, war die gutartige Vergrößerung (Hyperplasie) der Prostata.

Das gemeinsame Auftreten psychischer und physischer Erkrankungen

Physische und psychische Erkrankungen lassen sich gehäuft in Verbindung miteinander beobachten. Die Forschenden nennen dafür drei mögliche Gründe, die einzeln oder in Kombination auftreten können:

  1. Gemeinsame Risikofaktoren
  2. Krankheitsbedingte Änderungen der Lebensweise
  3. Psychosoziale Reaktionen auf somatische Erkrankungen

Ob eine Person sich „nur“ für ein physische oder psychische Erkrankung oder für beide in Behandlung befand, schien jedoch keinen nennenswerten Einfluss auf die zwischenmenschliche sexuelle Aktivität und Funktion zu haben.

So hatten jene, die im Verlauf des letzten Jahres sowohl wegen physischer als auch psychischer Probleme in Behandlung waren, nur eine geringfügig höhere Wahrscheinlichkeit, sexuell inaktiv zu sein oder unter den untersuchten sexuellen Funktionsstörungen zu leiden.

Stärken und Schwächen der Untersuchung

Bei der Einordnung der Studie muss berücksichtigt werden, dass die Forschenden ursprünglich über 187.000 Dän:innen zur Beantwortung der Fragen eingeladen hatten und etwas über 60.000 Antworten erhielten.

Zwar lag die Antwortrate damit im Vergleich zu ähnlichen Studien im üblichen Bereich – die Forschenden räumten jedoch eine mögliche Verzerrung ein, da Personen mit stärkeren gesundheitlichen Problemen sich unter Umständen mehr von der Untersuchung angesprochen gesehen haben könnten.

Als potenziell problematisch könnte es sich darüber hinaus herausstellen, dass die Ergebnisse nicht nach Schwere der Erkrankung gewichtet wurden.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um die erste national repräsentative Studie zu einer großen Bandbreite physischer und psychischer Störungen sowie langfristiger zwischenmenschlicher sexueller Aktivität und Funktionsstörungen. Neben der großen Stichprobengröße gehört die genaue Auswertung nach gesundheitsbezogenen Variablen, zusätzlichen potenziellen Einflussfaktoren und Angaben zum Sexualleben zu den Stärken der Studie.

Wie Gesundheit und Sexualität zusammenhängen könnten: Mögliche Erklärungen

Die Forschenden nennen mehrere mögliche Gründe, die einen Zusammenhang zwischen physischer wie psychischer Gesundheit und Sexualität erklären könnten.

So könnten als miteinander verwobene bio-psycho-soziale Faktoren die direkten Auswirkungen der Krankheit und Nebenwirkungen durch Behandlungen eine Rolle spielen.

Hinzu kommen unspezifische Krankheitsfolgen:

  • Schmerzen
  • Übelkeit
  • Müdigkeit
  • psychische Probleme
  • Störungen des Körperbildes
  • Spannungen in Beziehungen

Für Paar-, Sexual- und Suchttherapeutin Dr. Jenn Kennedy kommen die Funde der Untersuchung keineswegs überraschend: „Sex ist in erster Linie eine lustbetonte Aktivität. Organisches, spontanes Verlangen entsteht in der Regel dann, wenn wir uns entspannt, zentriert und sicher fühlen.“

So beeinträchtigten Erkrankungen, die Unbehagen oder sogar Schmerzen verursachen, die Fähigkeit des Gehirns, Freude und Lust zu priorisieren. Auch das hohe Maß an mentaler Energie, welches gerade psychische Erkrankungen forderten, versetze das limbische System in eine Art Überlebensmentalität.

Kommunikation als Schlüssel: Ein positives Leitbild für die Zukunft

Bereits im Jahr 2017 beschrieb eine dänische Untersuchung das beidseitige Tabu, welches hinsichtlich sexueller Herausforderungen in Folge von Krankheiten mitunter herrsche. So warten Patient:innen darauf, dass das medizinische Fachpersonal das Thema einführe, während die Ärzte:innen ihrerseits eine Initiative von Seite der Patient:innen erwarten.

Letztlich könne dies dazu führen, dass Patienten glaubten, ihre Probleme seien „selten, irrelevant und unbehandelbar“.

Infolgedessen ermuntern die Macher:innen der vorliegenden Studie insbesondere das medizinische Fachpersonal, den Dialog häufiger anzustoßen. Umso wichtiger sei dafür das Wissen um den möglichen Zusammenhang zwischen psychischen wie körperlichen Erkrankungen und zwischenmenschlicher sexueller Inaktivität wie Funktionsstörungen.

Die Forschenden hoffen, mit ihren Auswertungen Offenheit und Aufmerksamkeit für das Thema schaffen – sowohl bei medizinischem Fachpersonal als auch bei öffentlichen gesundheitlichen Förderprogrammen und anderen Forschenden.

Und was können Patient:innen abseits des offenen Gesprächs tun? Jegliche Aktivitäten, die sie zentriert, entspannt, spielerisch, attraktiv und authentisch fühlen ließen, könnten zur Steigerung der sexuellen Funktionalität und des Verlangens beitragen, so Dr. Kennedy.

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