Was bedeutet Neutrois?

Hier ist Neutralität gefragt!

Neutrois
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Neutrois – sprich: Nutroa – ist ein weitgehend unbekannter Begriff aus dem LGBTQ+ Spektrum. Wie der Sound des Wortes bereits vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine Bezeichnung, die irgendetwas mit „neutral“ zu tun hat. Hinzukommt „trois“, das französische Wort für „drei“. Eine neutrale Drei? Was soll das denn bedeuten? Wir klären auf.

Was bedeutet Neutrois?

Grundsätzlich bedeutet der Begriff, dass ein Mensch sich weder dem männlichen noch weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt. Es handelt sich also um eine Bezeichnung aus dem Genderqueer- und Transgender-Spektrum. Im Speziellen geht es um mehrere, sehr individuelle Geschlechtsausprägungen, bei welchen sich Menschen beispielsweise als geschlechtsneutral, agender, weder Mann noch Frau oder geschlechtslos bezeichnen.

Wie Neutrois-Identitäten sich ausleben, ist ebenfalls stark vom Einzelfall abhängig. Manche Menschen drücken durch ihre Kleidung und ihren Haarschnitt aus, dass sie weder Mann noch Frau sind. Andere nutzen eine geschlechtsneutrale Sprache oder geben sich einen neutralen Namen. Wieder andere möchten ihre weiblichen bzw. männlichen Geschlechtsmerkmale verbergen oder sich gar operieren lassen.

Viele geschlechtsneutrale Personen sehen aber auch ganz „normal“ aus und wollen mit dem Neutrois-Label nur darauf aufmerksam machen, dass sie nicht-binär sind.

Hat Neutrois dieselbe Bedeutung wie… ?

Agender

Einige Menschen nutzen die Begriffe „Agender“ und „Neutrois“ als Synonyme. Andere wiederum meinen, dass es einen Unterschied gibt: So haben Agender tatsächlich gar keine Geschlechtsidentität. Dahingegen identifizieren sich Neutrois-Menschen sehr wohl mit einem Geschlecht. Dieses liegt allerdings fernab von männlich und weiblich. Sie haben also eine Art drittes Geschlecht.

Androgyn

Androgyn ist eine Beschreibung für das äußere Erscheinungsbild einer Person, nicht aber für ihr Geschlecht. Androgyne Menschen kleiden und stylen sich nicht eindeutig männlich, aber auch nicht eindeutig weiblich. Dies kann auf Neutrois-Menschen zutreffen, muss es aber nicht.

Darüber hinaus gibt es je nach Definition weitere Unterschiede zwischen den Begriffen, sodass einige geschlechtsneutrale Personen sich nicht mit der Bezeichnung „androgyn“ identifizieren. Nach einer Meinung geht mit der Identität als Neutrois immer auch Gender-Dysphorie einher. Gender-Dysphorie bedeutet, dass sich Menschen nicht (vollständig) ihrem Geburtsgeschlecht zugehörig fühlen und hierdurch häufig Angst, Depressionen, Gereiztheit etc. verspüren. Androgyne Menschen identifizieren sich aber durchaus mit ihrem Geburtsgeschlecht, fühlen sich jedoch mit einem geschlechtsneutralen Stil wohler. Zudem fehlen bei ihnen häufig die Symptome der Gender-Dysphorie.

Einer anderen Ansicht zufolge schließen sich androgyn und genderneutral sogar aus, denn androgyne Personen vereinen Merkmale von Männern und Frauen, während Neutrois-Menschen dieses Merkmal gerade auslöschen wollen.

Genderqueer

Ein Erklärvideo auf YouTube zu „10 Geschlechtsidentitäten abseits von weiblich und männlich“ bringt es auf den Punkt: „Genderqueere Menschen identifizieren sich mit zwei oder mehr Geschlechtern, haben gar kein Geschlecht oder schweben irgendwo zwischen den Geschlechtern.“ Genderqueer ist also ein Oberbegriff für alle Menschen, die sich außerhalb des binären (männlich/weiblich) Geschlechterspektrums befinden. Neutrois fällt also auch darunter, ist jedoch ein speziellerer Begriff.

Transgender

Transgender ist ähnlich wie genderqueer ein Oberbegriff, bezieht sich jedoch vor allem auf all jene Personen, die mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht konform gehen. Sie wurden also bei der Geburt anhand ihrer Geschlechtsorgane als Mädchen oder Junge eingestuft, stellen jedoch später fest, dass sie eigentlich einem anderen (binären oder nicht-binären) Geschlecht angehören. Neutrois-Menschen sind also auch Transgender, da sie zunächst ebenfalls als männlich oder weiblich bezeichnet wurden, jedoch eigentlich eine weitgehend neutrale Geschlechtsidentität anstreben.

Wie fühlen sich Menschen, die Neutrois sind?

Diese Frage können wir Dir nicht pauschal beantworten, denn wie bei allen Geschlechtsidentitäten kommt es auch bei genderneutralen Persönlichkeiten vor allem auf die individuelle Auslegung und Situation an. Dass jemand Neutrois ist, muss noch nicht einmal bedeuten, dass er/sie komplett unweiblich oder -männlich ist, denn Neutrois kann auch nur eine Facette des Gender-Spektrums einer Person darstellen.

So stellt es beispielsweise Alex, der als Mädchen geboren wurde und sich selbst als Bigender – nämlich eine Kombination aus Mann und Neutrois -bezeichnet, auf seinem YouTube-Kanal dar: „An manchen Tagen fühle ich mich nahezu komplett männlich. Ich identifiziere mich größtenteils als Mann – besser gesagt ein Demiboy – aber größtenteils männlich. Der andere Teil ist genderneutral. Ich habe bereits darüber gesprochen, dass ich diese beiden spezifischen Identitäten in mir vereine. Sie überlappen sich in der Mitte. Und diese Überlappung ist zu großen Teilen meine Erfahrung, wenn ich mich nicht komplett als Mann fühle.

Es ist, als ob ich Maskulinität durch eine neutrale Lupe erleben würde – wie ein genderneutraler Mann, ein Neutrois-Mann. Ich weiß nicht ganz genau, welche Begriffe ich hierfür nutzen soll, aber die Basis meiner Geschlechtsidentität ist immer Maskulinität. (…) Ich habe herausgefunden, dass meine Maskulinität nicht mit der von Cismännern vergleichbar ist. Ich habe lange Zeit versucht, mich an cisgender Männer anzupassen. Dann habe ich festgestellt, dass ich nicht die gleichen Erfahrungen wie sie habe und dass ich diese Erfahrung, ein Mann zu sein, nicht wirklich auf eine binäre oder cisgender Art nachempfinden kann, leider. Deshalb musste ich etwas anderes entdecken und ich habe erkannt, dass die Labels „männlich“ und „Neutrois“ geholfen haben, mich selbst zu finden.“

Auch Naomi Ardjomand-Kermani ist Neutrois. Auf die Frage hin, wie er/sie sich vorstellen würde, sagt er/sie: „Ich bin ein französisch-persisch-kurdisch-queeres Super-Femme-Individuum.“ Der/Die US-amerikanische AktivistIn sieht tatsächlich sehr feminin aus, könnte sich laut eigener Aussage aber auch einen Vollbart wachsen lassen und nimmt für sich dennoch die Bezeichnung „genderneutral“ in Anspruch. „Für mich bedeutet es nicht, dass ich mich komplett abseits der binären Geschlechter befinde. Ich persönlich bin einfach ausgestiegen“, so die 35-Jährige, die schon sehr früh feststellte, dass sie keine Frau ist. Andererseits war sie sich auch nicht sicher, ob sie dann nicht automatisch maskulin aussehen müsse.

Auf der Suche nach seiner/ihrer individuellen Identität trat Naomi als Dragking auf, stieß jedoch auf Ablehnung, da er/sie sich nicht maskulin genug gab. Er/Sie kleidete sich daraufhin männlicher, sogar im Alltag, fühlte sich jedoch wie in einem Kostüm. Dann erkannte er/sie, dass es nicht-binäre Geschlechtsidentitäten gibt, wusste jedoch nicht, was dies für ihn/sie bedeutet. Als er/sie sich dann noch einen Bart stehen ließ und gleichzeitig Make-up auflegte, war die Verwirrung komplett.

Dann traf sie auf die Agender-Femme Jack Gutierrez. „Sie/Er war eine der ersten – wenn nicht die erste – Agender-Femme, die ich in meinem Leben getroffen habe. Jemand, der/die genauso feminin ist wie ich, der/die sich aber als geschlechtsneutral definiert. Von diesem Moment an habe ich mich gut gefühlt und wusste, dass ich einfach ich sein kann“, so Naomi.

Was ist ein Dragking? Ein Dragking ist das weibliche Pendant zur Dragqueen. Beim sogenannten „Kinging“ geht es darum, dass eine Frau in die Rolle eines Mannes schlüpft, Männerkleidung trägt und sich überspitzt maskulin darstellt. Ein berühmtes Beispiel für einen Dragking ist Jo Calderone aka Lady Gaga.

Fazit – Auf neutralem Boden

Wir haben noch gar nicht aufgelöst, was genau es mit der „drei“ in Neutrois auf sich hat. Die Silbe soll für das sogenannte „Dritte Geschlecht“ stehen, also für ein Geschlecht abseits von Mann und Frau. Jetzt weißt Du zumindest theoretisch alles über die Geschlechtsidentität. Praktisch solltest Du auf Neutrois-Menschen zugehen, um aus erster Hand zu erfahren, was es bedeutet, geschlechtsneutral zu sein.

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