Bigender Definition und Erklärung – Bin ich Bigender?

Mann oder Frau? Oder gar beides?

Bigender
In diesem Artikel

„An manchen Tagen und in manchen Situationen fühle ich mich wohler, wenn ich als Maya angesprochen werde, wenn weibliche Pronomen bei der Ansprache benutzt werden und ich als Frau wahrgenommen werde. An anderen Tagen und in anderen Situation fühle ich mich wiederum besser, wenn ich als Sebastian identifiziert werde, wenn maskuline Pronomen gewählt werden und andere mich für einen Mann halten. Weil ich ein Mann UND eine Frau bin. Das bedeutet bigender für mich“, erklärt Maya/Sebastian in einem Video auf ihrem/seinem YouTube-Kanal.

Wer sich nicht tagtäglich in der LGBTQ+ Szene bewegt, wird sicherlich überrascht sein von Mayas/Sebastians Worten. Kann man nicht eigentlich nur ein Geschlecht haben: männlich oder weiblich? Mitnichten! Eine sogenannte „nicht-binäre Geschlechtsidentität“, also eine Identität jenseits von eindeutig weiblich oder männlich, weisen laut der „LGBT+ PRIDE 2021 GLOBAL SURVEY“ des Marktforschungsunternehmens IPSOS 1 % der rund 19.000 befragten Männer und Frauen aus 27 verschiedenen Nationen auf. In der „Generation Z“ (geboren nach 1997) sind es sogar 4 %.

Vielleicht fragst Du Dich nun, unter welches Geschlecht dieses eine Prozent dann fällt?! Die Antwort ist: viele, viele verschiedene! Allein auf Facebook lassen sich 60 unterschiedliche Geschlechtsidentitäten einstellen, wobei sich einige Bezeichnungen jedoch (teilweise) überschneiden. Androgyn, Frau zu Mann (FzM), genderqueer, transmaskulin, intergender, zweigeschlechtlich, drittes Geschlecht, XY-Frau, Cross-Gender – dies sind nur einige der Auswahlmöglichkeiten. Eine weitere ist „bigender“. Was genau das bedeutet, schauen wir uns in diesem Artikel an.

Was bedeutet bigender?

Bigender ist eine nicht-binäre Geschlechtsidentität, die sich dadurch auszeichnet, dass eine Person sich zwei Geschlechtern zugehörig fühlt. Wie Maya/Sebastian kann es sich hierbei um die binären Geschlechter Mann und Frau handeln. Dies muss jedoch nicht sein. Eine Person kann sich beispielsweise auch halb wie ein Mann und halb Neutrois – also ohne jede Geschlechtszugehörigkeit – fühlen. Ein weiteres Beispiel wäre eine Kombination zwischen Transfrau und genderqueer.

Die beiden Identitäten können abwechselnd oder auch gemeinsam auftreten. So kann eine Person, die sich gleichzeitig männlich sowie weiblich fühlt, beispielsweise durch Kleidung, Haarschnitt, Gestik und Mimik sehr androgyn wirken, da sie weder zu sehr wie eine Frau noch zu sehr wie ein Mann auftreten möchte. Andere Bigender spüren dahingegen an einigen Tagen, dass sie ein Mann sind, und geben sich in diesem Zeitraum daher bewusst maskulin. An anderen Tagen fühlen sie sich dahingegen als Frau, schminken sich, ziehen sich weiblich an etc.

„Entscheidest du dich am Morgen bzw. fühlst Du am Morgen, welches Geschlecht du sein wirst? Oder weißt du es am Abend davor? Oder geht es immer über eine Woche am Stück?“, wird Bigender Ryan Wigley in der Show „This Morning“ gefragt. „Manchmal ist es am Abend davor“, antwortet er/sie. „Oftmals passiert es aber am Morgen. Ich frühstücke erst, kaufe kurz etwas ein oder dusche und stelle dann fest, welches Geschlecht ich bin. Es gibt definitiv ein Gefühl oder eine Entscheidung.“ Zudem sei es möglich, bewusst eine Geschlechterrolle auszuwählen, falls ein besonderes Ereignis anstehe, welches das Auftreten als Mann bzw. Frau erfordert.

Nicht verwechseln!

Im LGBTQ+ Kosmos gibt es wie oben gesehen viele Identitäten und dementsprechend auch viele Bezeichnungen, damit jeder sich angesprochen und eingeschlossen fühlt. Viele Begriffe klingen jedoch ähnlich und/oder unterscheiden sich nur in Nuancen voneinander. Zudem treffen oftmals mehrere Bezeichnungen auf einen Menschen oder eine Situation zu. Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir nachfolgend einige Begriffe aufgezählt, die Du nicht mit bigender verwechseln solltest:

  • Bisexuell: Dieser Begriff bezieht sich auf die sexuelle Orientierung eines Menschen, nicht aber auf dessen Geschlecht. So kann sich etwa ein bisexueller Mann vorstellen, einerseits mit einer Frau Sex zu haben und andererseits einem Mann einen Blowjob zu geben. Eine bisexuelle Frau findet es schön, einen Orgasmus beim Sex mit einem Mann sowie beim Cunnilingus mit einer anderen Frau zu erreichen.
  • Intersexuell: Hierbei geht es vor allem um biologische und medizinische Aspekte. Intersexuelle Menschen weisen tatsächlich körperliche Merkmale beider Geschlechter auf, was bei Bigendern nicht der Fall sein muss. Beispiele sind: Der Körper eines Mannes bildet zu viele weibliche Hormone, sodass ihm Brüste wachsen. Ein Neugeborenes besitzt sowohl eine Vagina als auch einen Mikropenis. Eine Chromosomenanomalie bewirkt, dass eine Frau ihre Periode nicht bekommt (Turner-Syndrom).
  • Genderfluid: Bigender können auch genderfluid sein, nämlich dann, wenn sie stets fließend zwischen den beiden Geschlechtern wechseln. Der Begriff genderfluid umfasst aber zusätzlich auch noch Menschen, die nicht nur zwischen zwei, sondern zwischen vielen verschiedenen Geschlechtsidentitäten fluktuieren.
  • Transgender: Transgender ist ein Oberbegriff für alle Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig fühlen, die eine Geschlechtszuweisung ablehnen oder die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren können, welches ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Bigender sind also auch Transgender.
  • Demigender: Ein demigender Mensch identifiziert sich nur teilweise mit einem Geschlecht. So ist zum Beispiel ein Demigirl jemand, der sich unabhängig vom biologischen Geschlecht teilweise als Frau fühlt, aber eben nicht komplett. Demigender und bigender können zusammenfallen. Demigender Menschen müssen jedoch nicht notwendigerweise auch eine zweite Geschlechtsidentität aufweisen. Zudem kann es sein, dass eine bigender Person sich trotz zweier Geschlechter vollkommen mit beiden identifiziert.
  • Pangender: Menschen, die sich als pangender bezeichnen, fühlen sich mehreren oder sogar allen Geschlechtern zugehörig.

Die Bigender-Flagge – Was bedeuten ihre Farben?

Bigender Flagge Original
Die originale Bigender-Flagge.
Bigender Flagge Neues beliebtes Design
Neues Design der Bigender-Flagge, das häufig verwendet und weit bekannt ist.

Bigender haben ihre eigene Flagge. Diese ist wie die Regenbogen-Fahne der LGBTQ+ Community bunt gestreift. Allerdings weist sie im Original fast ausschließlich Pastelltöne auf. Diese haben unterschiedliche Bedeutungen:

  • Pink & Rosa: Femininität; sich wie eine Frau fühlen
  • Lila: Sich wie eine Kombination aus mehreren Geschlechtern fühlen
  • Weiß: Nicht-binäre Geschlechter; Wechsel zwischen Mann, Frau und anderen Geschlechtern
  • Hellblau & Blau: Maskulinität; sich wie ein Mann fühlen

Übrigens: Die originale Bigender-Flagge wurde vielfach neu designt oder mit weiteren Farben versehen, da der ursprüngliche Designer/die ursprüngliche Designerin öffentlich als transphobisch, pädophil und ausfällig geoutet wurde.

Bin ich bigender und wenn ja, was soll ich tun?

Falls Du Dich von Geburt an oder schon seit längerem nicht mit einem einzigen Geschlecht identifizieren kannst, Du beispielsweise merkst, dass Du manchmal gern in die Rolle eines Mannes bzw. einer Frau schlüpfen möchtest oder Du zeitweise Seiten an Dir feststellst, die zu gar keinem Geschlecht passen wollen, dann kann es tatsächlich sein, dass Du bigender bist.

Wenn für Dich hierdurch ein großer Leidensdruck entsteht, Du häufig unzufrieden sowie missgestimmt bist (Gender Dysphorie) und gar nicht weißt, wie Du mit Deiner Situation umgehen sollst, dann solltest Du Dir Hilfe suchen. Eine adäquate Anlaufstelle ist etwa ein Psychologe, der auf Geschlechteridentitäten spezialisiert ist.

Es gibt aber auch viele Vereine, Stiftungen und andere Institutionen in Deutschland, die Dich gern beraten: Infos zu Selbsthilfegruppen und Stammtischen findest Du etwa auf der Webseite von „Trans-Ident„.

Profamilia“ bietet in ganz Deutschland oder online nicht nur Beratungsgespräche zu Themen wie „Schwangerschaft“ und „Verhütungsmittel“ an, sondern auch zu den Bereichen „sexuelle Orientierung sowie geschlechtliche Identität“.

Fazit – Eine Reise zwischen zwei Geschlechtern

Wenn zwei Geschlechter-Herzen in Deiner Brust schlagen, ist das doch eigentlich eine gute Nachricht, denn Du kannst Dich so viel besser entfalten und über Rollenklischees (siehe etwa Comphet) hinwegsetzen. Andererseits fühlst Du Dich vielleicht zerrissen und auch Dein Umfeld wird nicht immer verstehen, was mit Dir los ist. Im Netz findest Du jedoch viele Gleichgesinnte und Beratungsangebote. Du bist Du; und Du bist nicht allein!