Was bedeutet es, Transgender zu sein?

Wir beantworten die häufigsten Fragen und räumen die hartnäckigsten Missverständnisse zur Seite

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In diesem Artikel

„Transgender ist, wenn meine Geschlechtsorgane nicht zu den Geschlechtsmerkmalen meines Gehirns passen“, erklärt Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem YouTube-Channel „maiLab“ und stellt somit eine von mehreren wissenschaftlichen Sichtweisen zu der komplizierten Frage, auf welchen Faktoren es beruhen könnte, dass manche Menschen ihr Geburtsgeschlecht ablehnen, vor.

Tatsächlich fanden beispielsweise Experten aus Amsterdam heraus, dass die BSTc-Region, ein bestimmtes Areal im Gehirn, welches für das Sexualverhalten eines Menschen wichtig ist, bei Transfrauen und Cisfrauen sowie bei Transmännern und Cismännern etwa gleich groß ist.

Problematisch ist allerdings, dass es derzeit noch nicht sehr viele Studien zum Thema „Transidentität“ gibt, sodass es sich bei allen wissenschaftlichen Erklärungsversuchen nur um Hypothesen handelt.

Zudem ist weiterhin nicht geklärt, warum das Gehirn von Trans-Personen anders gestaltet sein könnte. Außerdem existieren auch einige Studien, die etwa mit der Hypothese der Wissenschaftler aus Amsterdam nicht übereinstimmen.

Letztlich ist es auch zu stark vereinfacht, eine Identität als Transgender nur aufgrund spezifischer Hirnmerkmale anzunehmen. Hierdurch würden hormonelle, kulturelle und gesellschaftliche Aspekte vollkommen außer Acht gelassen werden.

Es bleibt also abzuwarten, ob alle Geheimnisse rund um die Geschlechtsidentität von Transgendern jemals gelüftet werden können. Bis dahin versorgen wir Dich schon mal mit den Infos, die bereits gesichert sind.

Was heißt Transgender genau?

Wenn man englische Artikel über die Bezeichnung „Transgender“ liest, fällt häufig der Begriff „umbrella term“, was soviel wie „Regenschirm-Begriff“ bedeutet. Gemeint ist hiermit, dass das als Adjektiv und Substantiv verwendbare Wort einen Oberbegriff für viele verschiedene spezifischere Geschlechtsidentitäten sowie geschlechtliche Ausdrucksweisen darstellt. Bigender, Pangender, Neutrois, Dragqueen, Transmann, Two Spirit … die bunte Liste wird stetig um immer neue Begriffe erweitert.

Generell beschreibt das Wort „transgender“, dass eine bei der Geburt als Junge oder Mädchen ausgewiesene Person sich mit diesem Geburtsgeschlecht nicht komplett oder sogar ganz und gar nicht identifiziert. Hierdurch kommt es zumeist zu einem starken Drang, sich in ein anderes oder mehrere andere Geschlechter zu verwandeln.

Auch Reizbarkeit, Stress, depressive Verstimmungen oder Ängste können durch das Auseinanderfallen von im Pass eingetragenen und dem gefühlten Geschlecht entstehen (Gender-Dysphorie). Es folgt daher zumeist eine (teilweise) Transformation hin zu dem gewünschten binären oder nicht-binären Geschlecht.

Wie genau diese Transformation aussieht, ist höchst individuell und somit von Fall zu Fall unterschiedlich. Manche Transgender ändern ihren Namen und nutzen die Pronomen des anderen Geschlechts oder neutrale Pronomen. Einige Trans-Menschen kleiden sich wiederum ihrem neuen Geschlecht entsprechend, wählen eine feminine, maskuline bzw. neutrale Frisur oder nehmen geschlechtstypische Verhaltensweisen an.

Letztlich sind auch Hormonbehandlungen und geschlechtsangleichende Operationen möglich, sodass eine komplette Verwandlung erfolgt. Dies sind jedoch die gravierendsten Schritte. Davor gibt es noch eine Menge anderer Möglichkeiten, seine Geschlechtsidentität auszudrücken.

Sind Transgender homosexuell?

Aufgepasst! Das gefühlte Geschlecht eines Menschen hat nichts mit dessen sexueller Ausrichtung zu tun. Es handelt sich hierbei vielmehr um verschiedene Konzepte. Ein Trans-Mensch kann jegliche sexuelle Orientierung für sich beanspruchen, von heterosexuell über homosexuell und bisexuell bis hin zu pansexuell oder sogar asexuell.

Hier sind zwei Beispiele:

  • Clara wurde als Carlo geboren, lebt nun aber als (Trans-)Frau. Carlo stand immer auf Männer. Dies hat sich auch nicht geändert, als er sich in Clara verwandelte. Da sie sich nun hundertprozentig als Frau identifiziert und nur mit Männern Sex haben, neue Stellungen ausprobieren oder Oralverkehr haben will, ist Clara heterosexuell.
  • Marc wurde als Junge geboren. Er fühlt sich auch tatsächlich teils als Mann, spürt aber auch noch eine starke weibliche Seite in sich. Er bezeichnet sich daher als Bigender. In sexueller Hinsicht steht er auf alles, was geht. Er mag es also beispielsweise, intensiven Analverkehr mit Cismännern zu haben, mit Cisfrauen neue Paarvibratoren auszuprobieren oder mit Transgendern leidenschaftliche Nächte auf seiner Sexschaukel zu verbringen. Marc bezeichnet sich daher zusätzlich als pansexuell.

Haben sich alle Transgender einer OP unterzogen?

Nein. Auch eine operative Geschlechtsumwandlung oder Hormontherapie ist keine Voraussetzung, um sich als Transgender bezeichnen zu dürfen. Es kommt allein auf das Gefühl an, sich mit dem Geburtsgeschlecht nicht hundertprozentig identifizieren zu können.

Natürlich haben sich einige Transgender aber operieren lassen. Der Wunsch nach geschlechtsangleichenden OPs wurde in den letzten Jahren sogar deutlich häufiger geäußert. So kamen so viele – vor allem junge – Menschen in die Spezialsprechstunden, dass einige ÄrztInnen Alarm schlugen. Insbesondere weibliche Jugendliche und junge Erwachsene liebäugelten mit einer Geschlechtsumwandlung, im Jahre 2019 fünfmal mehr als noch 2013.

Dieser „Trend“ muss mit Vorsicht beobachtet werden, denn eine hormonelle und operative Geschlechtsumwandlung ist kein einfacher Schritt, sondern mit zahlreichen gesundheitlichen und psychologischen Risiken behaftet. Zudem kann eine geschlechtsangleichende OP nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Falls Du also auch über eine Geschlechtsangleichung nachdenkst, dann überlege zuvor gut, ob dies wirklich nötig ist. Vielleicht bist Du gar nicht mit Deinem Geschlecht, sondern mit Deinem Körper im Allgemeinen unzufrieden. Vielleicht genügt es Dir, äußerlich wie ein Mann bzw. eine Frau auszusehen, sodass Du keinerlei körperliche Eingriffe vornehmen lassen musst. Bei der Klärung dieses schwierigen Problems hilft Dir ein Psychologe/eine Psychologin Deines Vertrauens.

Welche Geschlechterkategorien fallen unter den Begriff?

Hier ist eine Liste mit einigen Beispielen. Diese Liste ist jedoch nicht abschließend.

Ist transgender gleichzusetzen mit… ?

Transsexuell

Transsexuell ist eine Unterkategorie von „Transgender“. Beschrieben werden hiermit Menschen, die sich in ihrem Körper unwohl fühlen, unter ihren als falsch empfundenen Geschlechtsmerkmalen leiden und daher zumeist eine medizinische und auch juristische Geschlechtsangleichung vornehmen lassen möchten, was bei anderen Transgendern nicht der Fall sein muss. Zudem bezieht sich das Wort vordergründig nur auf Transformationen von Frau zu Mann oder Mann zu Frau. Nicht-binäre Geschlechter bleiben außen vor.

Der Begriff „Transsexuell“ wird vielfach von Mitgliedern der LGBTQ+ Community abgelehnt und daher nicht mehr benutzt. Problematisch ist zunächst, dass er bis Ende 2021 unter die Kategorie „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ fiel und damit eine Krankheit beschrieb, was viele Trans-Menschen natürlich als Hohn empfanden. Darüber hinaus gingen die Schöpfer des Begriffs von einem heteronormativen Weltbild aus, also einer Welt, in welcher nur das männliche und weibliche Geschlecht als normal gelten. Letztlich deutet die Silbe „sexuell“ darauf hin, dass die Bezeichnung etwas mit der sexuellen Orientierung eines Menschen zu tun haben könnte, was jedoch gerade nicht der Fall ist.

Transvestit

Der Begriff „Transgender“ erfährt eine stetige Erweiterung, sodass nun auch Geschlechtsidentitäten darunter fallen, die ausdrücken, dass eine Person sich nicht ausschließlich einem einzigen Geschlecht zuordnen lässt. In diesem Sinne sind auch Transvestiten – heutzutage eher Crossdresser genannt – Transgender, denn sie verwandeln sich jedenfalls zeitweise durch aufwändiges Styling in eine gegengeschlechtliche Kunstfigur.

Zudem fühlen sich einige Transvestiten tatsächlich sehr mit dem anderen Geschlecht verbunden, weswegen man sie durchaus als transfeminin/transmaskulin einstufen kann. Transfeminine/transmaskuline Identitäten fallen wiederum ohne Frage unter den „Transgender-Regenschirm“.

Andererseits geht es bei vielen Crossdressern zumeist wirklich nur um die Verkleidung, die Bühnenshow und das Aufbrechen von Geschlechterrollen. Im „realen“ Leben sind zahlreiche Dragqueens einfach „normale“ Cismänner, also Männer, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren. In diesen Fällen passt der Begriff „Transgender“ nicht richtig. Beschriebene Personen würden sich wohl eher als „genderqueer“ bezeichnen.

Intersexuell

Von 2000 Neugeborenen ist durchschnittlich eines intersexuell. Dies bedeutet, dass es sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale aufweist. Häufig erfolgt zeitig nach der Geburt eine Anpassung an eines der beiden binären Geschlechter. Jedoch kann dies zu großen Problemen führen, wenn das Kind im Verlaufe seines Lebens entdeckt, dass es sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlt, das die behandelnden Ärzte ausgewählt haben. In diesem Falle überschneiden sich die Begriffe „transgender“ und „intersexuell“.

Übrigens: In Deutschland gibt es seit 2013 bzw. 2018 die Möglichkeit für Eltern eines intersexuellen Kindes, das Geschlecht zunächst nicht eindeutig festlegen zu müssen. In der Geburtsurkunde kann dann keine Angabe gemacht oder „divers“ eingetragen werden. So ist es einfacher, nach reiflicher Überlegung und im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes eine Entscheidung betreffend das Geschlecht zu treffen.

Gibt es Beispiele für transgender Menschen?

Laut Williams Institute der UCLA gibt es in den USA etwa 1,4 Millionen Transgender. In Deutschland sollen es 40.000 bis 80.000 sein. Allerdings wird die Zahl wohl höher liegen, denn zumeist gehen nur die Fälle in die Statistik ein, die medizinisch, psychologisch oder juristisch erfasst werden.

Auch gibt es keine bestimmte Klientel, die auffallend häufig transgender ist. Vielmehr können junge, mittelalte oder alte Männer, Frauen sowie Jungs und Mädchen oder Intersexuelle sich unwohl in ihrem Körper fühlen. Hier sind drei ganz unterschiedliche Beispiele:

  • Erik: Erik war Alkoholiker und lebte viele Jahre lang auf der Straße. Als Obdachloser mit Schlapphut, Dreitagebart und drahtiger Statur schlug er sich so durchs Leben, bis er nach 20 Jahren in Hildesheim sesshaft werden wollte. Mithilfe eines Sozialarbeiters fand er eine eigene Wohnung und hatte sogar eine berufliche Umorientierung im Sinn. Ein Job in der Pflege sollte es sein. Und es folgte noch eine weitere Veränderung: Erik wurde zu Katja. Zwar hatte Erik schon seit seiner Kindheit gern Frauenkleider getragen, jedoch konnte er diese Vorliebe durch die harten Jahre als Obdachloser nie so richtig ausleben.
    Katja fällt durch ihren sehr femininen, eleganten Kleidungsstil und die langen grauen Haare auf. Erik/Katja möchte sich aber nicht nur in Frauenkleidern präsentieren wie etwa Transvestiten. Er/Sie fühlt sich wirklich wie eine Frau. Vor einigen Monaten ließ sich der Transgender daher ganz offiziell als Frau eintragen.
  • Caitlyn Jenner: Eine der wohl berühmtesten Transgender-Persönlichkeiten ist Caitlyn Jenner. Dies kommt vor allem daher, dass die Transfrau mit einem Mitglied des weltweit bekannten Kardashian-Clans verheiratet war. Davor war die als Bruce Jenner geborene Transfrau jedoch auch kein unbeschriebenes Blatt, sondern nahm an zahlreichen Sportwettbewerben teil und gewann sogar eine olympische Goldmedaille. Im Jahre 2015 gab der ehemalige Vorzeigeathlet jedoch bekannt, dass er sich als Frau fühle. 2017 folgte sogar eine geschlechtsangleichende Operation.
  • Elliot Page: „Hi, Freunde. Ich möchte euch mitteilen, dass ich trans bin. Meine Pronomen sind „he/they“ und mein Name ist Elliot. Ich bin glücklich, dies zu schreiben, hier zu sein, an diesem Punkt in meinem Leben angekommen zu sein. Ich fühle eine riesengroße Dankbarkeit für all die Menschen, die mich auf dieser Reise begleitet haben“, schreibt Elliot Page im Jahre 2020 an seine Instagram-Follower.
    Als Ellen Page geboren machte sich der Transmann aus Kanada einen Namen als Schauspieler und stand beispielsweise im Film „Inception“ mit Leonardo DiCaprio oder in „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ mit Hugh Jackmann und Jennifer Lawrence vor der Kamera.

Fazit – Eine Verwandlung zum wahren Ich

Hinter dem Wort „Transgender“ stecken also viele spannende und einzigartige Geschichten von Menschen, die dafür gekämpft haben, sie selbst sein zu dürfen. Wenn auch Du Dich gerade auf dieser aufregenden und sicherlich schwierigen Reise befindest, dann möchten wir und alle anderen Transgender Dich ermutigen, Dein wahres Ich zu entfalten.

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