Was bedeutet Genderqueer?

Ein Artikel für alle, die sich nicht in Geschlechterschubladen stecken lassen

Genderqueer
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„Es geht um uns alle als genderqueere Menschen: Diesel Dykes und Stone Butches, Lederqueens und Radical Faeries, Nelly Fags, Crossdresser, Intersexuelle, Transsexuelle, Transvestiten, Transgender, Menschen mit geschlechtsübergreifenden Orientierungen und all jene von uns, deren Geschlechtsidentität so komplex ist, dass es dafür noch gar keinen Namen gibt“, schrieb der/die als Junge geborene AktivistIn Riki Anne Wilchins, der/die sich heutzutage als genderqueer bezeichnet, in dem 1995 veröffentlichten Newsletter „In Your Face„.

Der/die US-AmerikanerIn machte den Begriff „genderqueer“ populär und stellte gleichzeitig klar, dass es sich hierbei auch um einen Oberbegriff für eine Bewegung gegen Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts handelt. Diese Bewegung sei zudem kein weiterer Bürgerrechtskampf einer kleinen Minderheit, so der/die PsychologIn.

(Gender-)Queer ist also viel mehr als nur irgendein Begriff aus der LGBTQ+ Szene. Er spiegelt ein Zugehörigkeitsgefühl wider und stellt eine Art Slogan für alle Menschen dar, die sich abseits der Norm bewegen. Höchste Zeit also, sich näher mit der Bezeichnung zu beschäftigen.

Was genau bedeutet genderqueer?

Um die Bezeichnung „genderqueer“ zu verstehen, solltest Du Dir zunächst die Silbe „queer“ genauer anschauen. Der Begriff „queer“ kommt aus dem Englischen und bedeutete ursprünglich so viel wie „seltsam“ oder „wunderlich“. Er wurde früher vor allem in den USA als Schimpfwort für homosexuelle Männer verwendet. Queer kann daher auch mit „schwul“ oder „vom anderen Ufer“ übersetzt werden.

Im Verlaufe der Zeit, insbesondere ab den 1990er Jahren, wandelte sich jedoch die negative Bedeutung des Begriffs und Mitglieder der LGBTQ+ Community entdeckten ihn für sich. Heutzutage wird er für all jene Menschen verwendet, die nicht dem heteronormativen Spektrum entsprechen, die also aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder ihrer geschlechtlichen Identität von der gesellschaftlichen Norm, dass ein Mensch heterosexuell und entweder männlich oder weiblich sein sollte, abweichen.

Queer umfasst also beispielsweise Schwule und Lesben, aber auch bisexuelle oder pansexuelle Menschen. Darüber hinaus schließt er etwa Transgender, Dragqueens, Intersexuelle, Bigender, Demigender, Agender usw. mit ein.

In ihrer weitesten Ausformung erfährt die Bezeichnung sogar eine politische Dimension. So steht sie für ein pluralistisches Weltbild und eine Gesellschaft, in welcher sich jeder Mensch frei entfalten kann und in welcher niemand aufgrund von Sexualität, Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Religion etc. diskriminiert werden darf.

„Genderqueer“ („gender“ bedeutet „Soziales Geschlecht“) ist eine Unterkategorie, die sich nur auf die Geschlechtsidentität einer Person bezieht. Wenn jemand sich also nicht als komplett männlich oder weiblich empfindet, sondern irgendwo dazwischen liegt, oder wenn er/sie sich gar keinem Geschlecht oder – im Gegenteil – mehreren Geschlechtern gleichzeitig zugehörig fühlt, dann kann sich dieser Mensch als genderqueer bezeichnen.

Bitte beachte: Auch wenn jemand eigentlich unter den Begriff „queer“ fallen würde, heißt dies noch lange nicht, dass er/sie diesen Begriff auch tatsächlich für sich in Anspruch nimmt. Einigen Menschen ist diese Bezeichnung nämlich zu politisch angehaucht, andere stören sich an der englischen Originalbedeutung, wieder andere halten ihn für zu allgemein und nutzen daher lieber präzisere Bezeichnungen wie bisexuell oder transgender.

Frage eine Person beim ersten Kennenlernen also am besten, welche Bezeichnung sie selbst nutzt. So bist Du auf der sicheren Seite.

Was sind Beispiele für genderqueere Identitäten?

Oben haben wir bereits Riki Anne Wilchins erwähnt, der/die den Begriff „genderqueer“ sogar auf Geschlechter ausweitete, die noch gar nicht „erfunden“ sind. Das Wort ist also sehr weit zu verstehen. Zur Veranschaulichung nennen wir Dir drei Beispiele:

  • Pangender: Ein Mensch, der alle Geschlechtsidentitäten in sich vereint
  • Demiboy: Ein Mensch, der sich partiell als Mann fühlt
  • Genderfluid: Ein Mensch, der fließend seine Geschlechtsidentität wechselt

Gibt es bekannte Persönlichkeiten, die genderqueer sind?

Sam Smith

Oh, ja! Zum Beispiel der britische Sänger Sam Smith, der sich 2019 als non-binär outete und seine Fans darum bat, zukünftig „they/them“ Pronomen zu benutzen, anstatt „he/him“ zu verwenden. „Ich bin nicht männlich oder weiblich. Ich schwebe irgendwo dazwischen“, gestand er der Influencerin Jameela Jamil auf ihrem Instagram-Kanal „I Weigh“. „Ich hatte Brüste, als ich elf Jahre alt war. Mein Körper ist sehr feminin, wenn ich mich bewege, wenn ich Sex mit Männern habe. Ich bin sehr feminin auf viele verschiedene Arten. Ich habe das aber immer abgelehnt. Ich habe gesagt, nein, das ist nicht männlich, das ist nicht dies und das. Du musst trainieren, du musst abnehmen, weil Männer das so machen.“

„Maybe I am not a man. Maybe I am not a woman. Maybe I am just me.“ – Sam Smith

Ein Jahr später erklärte der Grammy- und Oscar-Preisträger im Rahmen eines Interviews der British Vogue: „Ich habe mich während meines gesamten Lebens immer nicht-binär gefühlt. Vor zwei Jahren habe ich dann mehr darüber gelesen und verschiedene Storys darüber gehört und da habe ich mich selbst ein wenig wiedergefunden. Das war eine Erleichterung, dass es ein Wort dafür gibt, wie ich mich immer gefühlt habe.“ Obwohl sein Geständnis nicht leicht gewesen sei, sei er jetzt doch angekommen und es fühle sich wundervoll an, dass es auch anderen Menschen leicht über die Lippen gehe, so der Popstar.

„Menschen wussten das nicht über mich, weil ich im Alter von 20 Jahren, als ich berühmt wurde, nur Anzüge trug und meine Haartolle hatte“, lacht der Brite. „Aber davor, zwischen 15 und 18 Jahren, trug ich während der Schulzeit Make-up und nur feminine Kleidung. Es war also etwas, das ich war, aber dann versteckte, als ich erfolgreich wurde. Ich denke, weil ich mich unter Druck gesetzt fühlte von der Musikindustrie, von verschiedenen Leuten und von mir selbst. Aber seit letztem Jahr habe ich dieses wundervolle „zurück nach Hause kommen“ Gefühl. Sich in seiner Haut wohlzufühlen, ist eine wundervolle Sache, richtig?“ Da können wir dem Sänger nur zustimmen.

Sara Ramirez

Ein weiteres Beispiel ist die aus Mexiko stammende Schauspielerin Sara Ramirez, die sich im Jahre 2020 als nicht-binär outete. „In mir schlummert das Potenzial, ein mädchenhafter Junge, ein jungenhaftes Mädchen, ein jungenhafter Junge, ein mädchenhaftes Mädchen, alles und nichts davon zu sein. #nonbinary“, schreibt der ehemalige Grey’s-Anatomy-Star, der sich bereits im Jahre 2016 als bisexuell und queer outete, auf Instagram.

Fazit – Sei schräg, fühl Dich frei

Während laut eines Reports des „Pew Research Centers“ in der Generation der US-amerikanischen Babyboomer (geboren 1946-64) nur 12 % eine Person kennen, die sich als nicht-binär identifiziert und daher geschlechtsneutrale Pronomen verwendet, kennen bereits 25 % der Millennials (geboren 1981-96) und sogar 35 % der Gen Z (geboren nach 1996) genderqueere Menschen.

Die Bekanntheit und Akzeptanz von Personen, die sich nicht dem heteronormativen Spektrum unterordnen, steigt also von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation. Falls auch Du also genderqueer bist, dann feiere Deine Einzigartigkeit und freue Dich, dass Dein Lebensweg nicht langweilig gerade, sondern aufregend que(e)r ist.

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