Was bedeutet es, transmaskulin zu sein?

Männlichkeit hat viele Gesichter

Transmaskulin
In diesem Artikel

“Für eine sehr lange Zeit war ich eine heterosexuelle Cisfrau. So wurde ich sozialisiert”, erklärt AJ Desimone, ein queerer Transgender-Mann. “Ich habe das nicht ein einziges Mal infrage gestellt. Ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmt, aber ich habe es nicht hinterfragt. So war es halt. Dann habe ich mich als Lesbe identifiziert, dann war mir mein Geschlecht irgendwie egal, dann identifizierte ich mich als heterosexueller Mann und jetzt identifiziere ich mich als queerer Transmann.”

“Zuerst war ich verwirrt, weil ich den Unterschied zwischen Butch (maskuliner Part in lesbischen Beziehungen) und transmaskulin nicht kannte. Aber dann habe ich erkannt, dass ein Transmann maskuliner ist. Das war eine tolle Erfahrung für mich. Ich konnte mein wahres Ich ausleben und musste nicht etwas vorgeben, das ich nicht war”, beschreibt Sukie Hernandez seine Situation.

“Als es angefangen hat, war ich sehr jung. Ich dachte, dass ich ein Junge bin. Es war ganz normal für mich. Erst als ich zehn oder elf Jahre alt war, habe ich entdeckt, dass ich ein Mädchen bin”, lacht Dakota Bellici. “Ich bin vornehmlich Two Spirit. Aber ich bin auch trans… transmaskulin. Ich bin beides. Ein Mädchen und ein Junge. Ich liege in der glücklichen Grauzone, also gibt es keine öffentliche Toilette für mich.”

Die Geschichten der Protagonisten in “Transmasculine & Healthy” sind so vielfältig wie das Gender-Spektrum selbst. Eines haben AJ, Sukie, Dakota und alle weiteren Befragten jedoch gemeinsam: sie wurden als Mädchen geboren (AFAB = Assigned Female at Birth), fühlten aber, dass sie einen starken maskulinen Anteil in sich tragen. Im Verlaufe der Zeit machten sie eine Transformation durch und akzeptierten schließlich, dass sie transmaskulin sind. In diesem Artikel befassen wir uns näher mit dieser spannenden Geschlechtsidentität.

Was beschreibt der Begriff “transmaskulin”?

Transmaskulin ist ein Oberbegriff für trans* Menschen, die sich dem maskulinen Spektrum zuordnen. Die Bezeichnung ist weit auszulegen. Sie steht also nicht nur für Personen, die vorher eine Frau waren und sich nun komplett als Mann fühlen, sondern auch für all jene AFAB, die sich nur zu einem gewissen Prozentsatz als maskulin bezeichnen würden, die also beispielsweise genderfluid sind.

BEACHTE: Transmaskuline Menschen sehen zwar rein äußerlich häufig tatsächlich wie ein Mann aus. Allerdings kommt es bei Geschlechtsidentitäten auf das innere Empfinden an. Falls sich jemand also auch mal feminin kleidet oder nicht allzu männlich wirkt, kann er trotzdem transmaskulin sein.

Dementsprechend kommt es auch nicht darauf an, ob jemand sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat. Ein Mensch mit Vagina und Brüsten kann sich also ebenfalls transmaskulin nennen.

Beispiele für transmaskuline Geschlechtsidentitäten:

  • Transmänner: Transmänner sind Menschen, die als Mädchen geboren wurden, die sich jedoch männlich fühlen und sich auch komplett als Mann begreifen. Dies kann eine operative Geschlechtsangleichung beinhalten, muss es jedoch nicht zwingend.
  • Demiboys: Demiboys sind Personen, die sich partiell männlich fühlen, jedoch nicht komplett. Es gibt AFAB-Demiboys, also als Frau geborene Menschen, die sich jedenfalls teilweise auch als maskulin empfinden. Diese Demiboys können sich ebenfalls als transmaskulin bezeichnen.
  • Andere nicht-binäre Menschen: Neben Demiboys gibt es noch viele weitere nicht-binäre (nicht eindeutig feminine oder maskuline) Geschlechter. So könnte sich beispielsweise eine Bigender-Person, die als Mädchen geboren wurde, sich nun jedoch als männlich und agender identifiziert, ebenfalls transmaskulin nennen. Letztlich ist dies jedoch eine individuelle Entscheidung und längst nicht jeder Mensch, der per Definition unter das Label “transmaskulin” fallen würde, nutzt dieses auch tatsächlich.

Wie stellen sich transmaskuline Menschen dar?

Wie Menschen ihre maskuline Seite ausleben, ist natürlich eine ganz individuelle Entscheidung. Viele Transgender machen eine lange Verwandlungsphase durch, in welcher sie ihre Geschlechtsidentität infrage stellen und sich immer wieder neu erfinden (müssen).

Häufig tragen transmaskuline Menschen ihre männliche Ader jedoch nach außen, ziehen sich maskulin an, bewegen sich eher männlich und legen sich einen Kurzhaarschnitt zu. Als nächster Schritt kann dann noch das Abbinden der Brüste hinzukommen. Einige transmaskuline Personen füllen ihren Schritt auch mit Socken oder ähnlichen Gegenständen aus, um den Eindruck einer Beule in ihrer Hose zu erzeugen.

Unter Umständen nutzen transmaskuline Personen auch spezielle Urinierhilfen, mit denen sie im Stehen pinkeln können. Schließlich können auch Strap-on-Dildos oder Penishüllen zum Einsatz kommen, sodass penetrativer Sex möglich wird.

Wenn eine komplette Angleichung an das männliche Geschlecht erreicht werden soll, müssen zunächst psychologische Gutachten eingeholt werden. Danach erfolgt eine Hormontherapie, durch welche beispielsweise die Stimme tiefer wird und Körperbehaarung sowie Muskelmasse zunehmen. Dann werden Operationen wie das Entfernen von Brüsten, Gebärmutter sowie Eierstöcken und eine Phalloplastik (der Aufbau eines Penis) vorgenommen.

Da der komplette Vorgang sehr langwierig ist und die OPs risikoreich sowie kostenintensiv sind, schrecken viele Transgender davor zurück.

Sind transmaskuline Menschen homosexuell?

Nicht unbedingt. Die geschlechtliche Identität eines Menschen hat nichts mit seiner sexuellen Orientierung zu tun. Eine transmaskuline Person kann also heterosexuell, homosexuell, bisexuell, polysexuell, pansexuell etc. sein.

Viele homosexuelle Frauen, die zuvor bereits als maskuliner Part in einer lesbischen Beziehung agierten (Butch), stehen nach ihrer Transformation immer noch auf Frauen. Je nachdem, ob sie sich dann komplett als Mann begreifen oder “nur” als partiell männlich, bezeichnen sie sich als hetero- oder homosexuell.

Andere transmaskuline Menschen wie etwa Ido Swisa, der seine Geschichte ebenfalls im Rahmen des Talks “Transmasculine & Healthy” erzählte, kann sich die sexuelle Orientierung während der Transformation aber auch ändern. So stand Ido früher auf Frauen. Seit er jedoch ein Transgender-Mann ist, ist er offen schwul.

Fazit – Entdecke Deine maskuline Energie

“Maskulinität ist eine Energie. Es hat nichts mit deinen Chromosomen zu tun”, sagt Scott Turner Schofield in einem Interview zum Thema “Journeys Through Trans Masculinity“. Wenn Du also mit X-Chromosomen geboren wurdest, Dich aber dennoch maskulin fühlst, dann versuche, dies nicht zu verstecken, sondern akzeptiere diesen Teil von Dir; oder wie Scott es formulieren würde: “Vergiss das Geschlecht. Wie kannst du DU sein?”

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