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Macht ist nur ein Spiel

Männer ergreifen berufliche Macht in der Regel ohne Vorbehalte. Sie definieren sich ja auch überwiegend über beruflichen Erfolg. Auf die Party-Frage: «Und was machen Sie so?» zu antworten: «Ich bin ein toller Vater!» ist ein sicherer Small-Talk-Killer, zumindest unter Geschlechtsgenossen. Und die Frauen?

Von Bettina Wündrich

Frauen haben ein gespaltenes Verhältnis zur Macht. Schon der Begriff hat für sie einen negativen, unsympathischen Beiklang. Ist von Verantwortung die Rede, fällt ihnen die Beurteilung wesentlich leichter: «Verantwortung scheint für Frauen ein teilbares Gut zu sein, und daher finden sie es auch notwendig, dass so viele wie möglich in der Gesellschaft Verantwortung tragen», so Jutta Allmendinger, die in der Brigitte-Studie darüber geforscht hat. «Macht scheint für Frauen hingegen etwas Unteilbares zu sein. Wenn ich Macht habe, hat der andere keine oder weniger. Macht übt man auf Kosten eines anderen aus.»25 Bei Männer ist Macht etwas Positives: je mehr, desto besser. Ein weiterer Unterschied, den Allmendingers Befragungen stützen: Frauen wollen führen, weil sie sich für kompetent halten. Männer, weil sie meinen, dass ihnen das zusteht.

Wären mehr Frauen in einer machtvollen Position, wären sie in der Lage, ein differenzierteres Bild von Macht zu bekommen. Und anderen Frauen auch weiterzuvermitteln, dass Macht nichts Negatives ist. Ich vermute, dass Macht gerade bei jungen Frauen sehr mit Vorurteilen behaftet ist, weil sie Macht bisher lediglich als Ohn-Macht erfahren haben.

Eine, die Macht viele Jahrzehnte lang als bereichernd empfunden hat, ist Angelika Jahr-Stilcken, die lange Zeit im Vorstand des Medienhauses Gruner + Jahr war. Sie illustriert im Buch «Frauen an der Macht», das von Maybrit Illner herausgegeben wurde, mit einem hübschen Beispiel aus ihrer Kindheit, wie sie spielerisch gelernt hat, was Macht bedeutet – und spielerisch sei sie auch immer damit umgegangen: Als kleines Mädchen spielte sie mit ihren drei Brüdern oft Indianer, mit Pfeil und Bogen, Federschmuck und einem aus Holz geschnitzten Marterpfahl im Garten. «Das war der Höhepunkt des Spiels: Wer wurde angebunden? Wer stampfte den Siegertanz? Das war die Macht. Und wenn Sie jetzt denken, dass es das kleine Mädchen war, das immer dran glauben musste, irren Sie.» Die inzwischen siebzigjährige Mutter von zwei Kindern war Gründerin, Herausgeberin und Chefredakteurin einer ganzen Reihe von Heften, von Schöner Wohnen über marie claire bis essen und trinken. Heute hat sie sich aus den operativen Aufgaben zurückgezogen und gehört zum Aufsichtsrat des Unternehmens. Jahr-Stilcken erzählt auch, dass es einen besonderen Motor, ein Motiv braucht, um Lust auf Macht zu bekommen: Bei ihr war es das Bestreben, sich von ihrem mächtigen Vater, dem Hamburger Verleger John Jahr, zu emanzipieren: «Diese Unabhängigkeit war der wichtigste Impuls für meinen Erfolg. Ich musste ihm und der Umwelt zeigen, dass ich es alleine schaffe.» Eines Abends, längst leitete sie schon erfolgreich ein paar Hefte, erlebte sie ihren großen Moment, ihr Schlüsselerlebnis: Sie unterhielt sich gerade mit ein paar Leuten, da nahm sie hinter ihrem Rücken die Stimme eines Mannes wahr: «Es war auf einem Empfang. Mein Vater stand hinter mir. Die Stimme auch. Sie stellte meinem Vater eine Frage: ‹Sind Sie nicht der Vater von Angelika Jahr?› Ich dachte nur: ‹Jetzt geht’s los!› Und trank Champagner.»

Ich mag das Beispiel deshalb so gern, weil sich hier Gefühle vermitteln: Freude. Ein inneres Grinsen. Ein Hochgefühl. Aber auch Leichtigkeit, das Gegenteil von Verbissenheit. Ja, Macht hat mehrere Spielarten. Wenn ich überlege, wie ich zur Macht stehe, fällt meine Antwort schnell und eindeutig aus: Ich habe gelernt, berufliche Macht zu schätzen. Macht verschafft einem Gehör. Wie es ist, wenn alle immer lauter sind als man selbst und dadurch auch einfach mehr Spaß haben, erlebte ich als junges Mädchen. Ich war derart schüchtern, dass andere mich einfach vergaßen. Ehe ich mal meinen Mund aufkriegte, waren meine Schulkameradinnen schon beim Bummeln in der Stadt oder auf einer lustigen Party. Später, als Praktikantin, bekam ich schon bei dem Gedanken daran, auf Themenkonferenzen vor allen etwas sagen zu müssen, unübersehbare hektische Flecken im Gesicht. So kam ich natürlich nie zum Zug. Viele gute Geschichten, besonders Interviews, die ich so brennend gern gemacht hätte, sind mir so durch die Lappen gegangen. Aus Ärger über mich selbst habe ich mich dann um ein Praktikum bei einem Hörfunksender beworben. Es war grässlich: Ich musste mit einem riesigen, knallgelben Mikrophon in Fußgängerpassagen O-Töne einsammeln und armen Menschen die peinlichsten Fragen stellen. Aber plötzlich bekam ich Spaß an meiner Stimme. Obwohl ich das Praktikum nach ein paar Wochen schmiss, hatte ich danach raus, wie ich meine Schüchternheit in entscheidenden Momenten wegsperren konnte.

Macht macht Spaß. Sie gibt uns die Möglichkeit, etwas zu gestalten. Etwas entstehen zu sehen, zum Beispiel die Gründung einer Zeitschrift: Das hat mich immer mit Leidenschaft erfüllt. Ideen zu entwickeln. Ein Team zusammenzuführen. Die Dirigentin zu sein, die die vielen einzelnen Stimmen zu einem Gesamtsound zusammenfügt. Besonders glücklich gemacht hat mich vor zehn Jahren die «Komposition» und Lancierung eines kleinen, feinen Karrieremagazins für Frauen, das beides miteinander verband: Businessmode und Businessregeln. Ich habe noch alle Ausgaben zu Hause in meinem Regal. Das Titelthema auf der ersten Ausgabe lautete «Mit Spaß an die Spitze». Auf dem Cover war Claudia Schiffer zu sehen, in einer ungewohnten Pose: im hochgeschlossenen Businesskostüm, vor einem chromblitzenden Schreibtisch, darauf ein Laptop. Im Heft dann ein Porträt über das Model als Managerin, der es gelungen ist, ihren Namen zur Marke auszubauen. Das Heft war ein Bekenntnis zum Handeln: sich nicht abschrecken zu lassen, sondern selbst etwas zu bewegen. Im Mittelpunkt standen auch Frauen, bei denen es nicht so glatt lief wie bei Claudia Schiffer, die aber sagten: Hauptsache, das Leben ist nicht langweilig. Und noch eine wichtige Erkenntnis verrieten: Es wird überall nur mit Wasser gekocht.

Meine Arbeit bei Frauenzeitschriften hat mich einiges gelehrt. Zum Beispiel, dass ich sehr gerne mit Frauen arbeite. Frauenteams sind keine Zickenvereine, auch wenn das von Außenstehenden gerne mal behauptet wird. Meine Kolleginnen habe ich als sehr kooperativ, loyal und unterstützend erlebt (und Schwangerschaften haben das Engagement übrigens nie beeinträchtigt). Allerdings fand ich es auch immer wichtig, Männer und Frauen im Team zu haben, um beim Magazinmachen unterschiedliche Perspektiven auf Themen zu bekommen. Ich habe Frauen häufiger als offener und «gerader» als meine männlichen Kollegen erlebt – was natürlich auch daran liegen kann, dass Frauen untereinander leichter den passenden Ton finden.

Männer lassen sich nicht so gerne in die Karten gucken, sagen lieber erst einmal nichts und checken die Gesamtlage. Erstaunt hat mich bei Gehaltsverhandlungen, dass Männer weniger mit ihren Fähigkeiten argumentierten, um ihre Forderung nach mehr Geld zu begründen, sondern zum Beispiel mit Familienzuwachs. Ich habe nie erlebt, dass eine Frau das tat.

Was ist ein positiver Umgang mit Macht? Macht innezuhaben um der Macht willen führt im Business zu nichts. Es demonstrativ darauf anzulegen, andere ihre Unterlegenheit spüren zu lassen, schadet dem unternehmerischen Ergebnis. Dominanzgebaren lässt ein Vertrauensverhältnis gar nicht erst entstehen, dabei ist es wichtig, auch einen persönlichen Zugang zu Mitarbeitern zu haben: Wer sich anerkannt fühlt, ist auch motiviert. Um in einer verantwortungsvollen Position gut arbeiten zu können, sind Vertrauen und Offenheit essenziell, auf beiden Seiten. Zu einer verantwortungsvollen Position gehört auch, Begabungen zu erkennen und diese zu fördern – aber auch einzufordern. Mitarbeiter werden es honorieren, wenn sie sich unterstützt wissen. Chefs, die sich gern auf ein Podest stellen, tragen nur dazu bei, Macht zu glorifizieren. Selten habe ich erlebt, dass jemand, der nach dem Sonnenkönig-Prinzip regiert hat, für das Unternehmen gewinnbringenden, guten Nachwuchs herangezogen hätte.

«Frauen lieben die Macht nicht (oder sehr selten). Frauen lieben die Sache, um die es geht», sagt Angelika Jahr-Stilcken. Manchmal denke ich auch: Frauen lassen sich viel zu leicht bluffen. Nicht wenige Frauen haben eine viel zu große Hochachtung vor einer machtvollen Position. Macht wird gerne inszeniert, auch das gehört zum Spiel. Ich erlebte einmal, wie eine Kollegin, Chefredakteurin eines Wohnmagazins, jede einzelne Kachel in der Bürotoilette wieder wegklopfen ließ, weil die Farbnuance nicht stimmte. Oder die Chefredakteurin eines Modemagazins, die Mitarbeiterinnen unter Androhung der Kündigung nach Hause schickte, wenn diese in Sneakers statt in High Heels zur Arbeit kamen. Ein Kollege war Meister darin, so zu tun, als arbeite er Tag und Nacht. Wenn er nach Hause ging, oft früher als seine Mitarbeiter, tat er das heimlich, erweckte aber den Anschein, sich noch im Büro zu befinden: Die Schreibtischlampe brannte, über der Stuhllehne hing sein Jackett, und auf dem Tisch waren aufgeschlagene Unterlagen platziert. Derartige «Macht-Macken» sind aber nicht weiter ernst zu nehmen, sondern eher zu belächeln.

Immer wieder habe ich erlebt, dass Frauen sich – im Gegensatz zu Männern – nicht selbst für einen Karrieresprung vorschlagen. Sie warten lieber, bis man sie fragt oder ihnen etwas zutraut. Bis man die Begabung zur Macht in ihnen «erweckt». Dabei sollten Frauen sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern sich vor Augen führen, dass Führung erlernbar ist. Man kann Respekt vor besonderen Qualitäten, aber nicht vor einem anderen Türschild haben. Jeder spielt nur eine Rolle. Und die gilt es zu durchschauen.

«Wird ein bestimmter Mythos um den Chefjob aufgebaut?», fragte man Jutta Allmendinger, kurz nachdem sie als Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung benannt wurde. «Ja», antwortete sie. «Etwa bei den Arbeitszeiten. Der berühmte 16-Stunden-Tag, den man angeblich als WZB-Präsidentin haben sollte: Das schnurrte bei näherer Betrachtung auf ein durchaus handhabbares Maß zusammen.»

Bettina Wündrich, Jahrgang 1960, ist Diplom-Soziologin und Journalistin. Sie war stellvertretende Chefredakteurin bei Elle, Gründerin und Chefredakteurin von Glamour, Vogue Business und Emotion und berät heute Verlage bei der Zeitschriftenentwicklung. Diesen Text entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung von Rowohlt ihrem gerade erschienenen Buch “Einsame Spitze? Warum berufstätige Frauen glücklicher sind”.

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