Was bedeutet es, Genderfluid zu sein?

Wir stellen Dir das Chamäleon unter den Geschlechtsidentitäten vor

Genderfluid
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Wusstest Du, dass ein Chamäleon innerhalb weniger Minuten seine Farbe wechseln kann? Hierfür sind kleine Kristallblöcke verantwortlich, die sich in der Haut der Schuppenkriechtiere befinden und unterschiedliche Abstände aufweisen. Hierdurch sowie durch die Fähigkeit der Kristalle, Licht farbig zurückzuwerfen, kann ein Chamäleon sein Erscheinungsbild spielend einfach von grasgrün zu himmelblau, von feuerrot zu herbstbraun verändern. Welchen Abstand die Kristalle einnehmen, liegt übrigens vor allem an der Stimmung des jeweiligen Reptils. Ist dieses beispielsweise verärgert und will Kontrahenten verscheuchen, so leuchtet es rot. Will es dahingegen ein Weibchen beeindrucken, so schillert es in den buntesten Farben.

Natürlich hinkt der Vergleich von Chamäleons und Genderfluid-Menschen ein wenig, denn diese ändern ihr Geschlecht nicht nur aus einer Laune heraus oder weil sie gerade verliebt oder schlecht gelaunt sind. Ähnlich ist jedoch, dass sie die Fähigkeit haben, aus der gesamten Farbpalette an Geschlechteridentitäten auszuwählen und fließend zwischen diesen zu wechseln. Daher sind Genderfluid-Menschen die Chamäleons unter den genderqueeren Personen.

Was genau bedeutet genderfluid?

Normalerweise werden Menschen geboren, ihnen wird anhand ihrer biologischen Merkmale (Vagina oder Penis) ein Geschlecht zugeteilt, männlich oder weiblich, und im besten Falle identifizieren sich diese Menschen dann auch mit diesem Geschlecht.

Dies muss jedoch nicht so sein. Es gibt viele Menschen, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht (komplett) wohlfühlen. In Deutschland reichen die Zahlen etwa von 60.000 bis 100.000 Transgender-Menschen. Hundertprozentig verlässliche Zahlen gibt es allerdings nicht, da offiziell zumeist nur Personen als transgender erfasst werden, die sich um eine medizinische Behandlung oder eine juristische Betrachtung ihres Falles bemühen. Tatsächlich existieren aber auch Transgender, die weder eine Geschlechtsangleichung noch einen rechtlichen Geschlechtswechsel anstreben.

Jedenfalls kannst Du Dir merken, dass es Menschen gibt, die sich nicht mit ihrem Geschlecht identifizieren bzw. die irgendwo zwischen männlich und weiblich liegen oder eine Geschlechterzuordnung gar komplett ablehnen. Diese Personen werden auch als nicht-binär bezeichnet. Eine Unterkategorie dieser nicht-binären Geschlechtsidentitäten ist „genderfluid“. Dies bedeutet, dass ein Mensch sich nicht auf ein Geschlecht festlegt, sondern quasi zwischen verschiedenen Geschlechtern hin und her switched.

Er/Sie kann sich also beispielsweise in einer Woche weiblich, in der nächsten männlich, dann wieder komplett geschlechtslos und später bigender fühlen.

In welchen Intervallen die Geschlechtsidentitäten wechseln und wie viele eine genderfluide Person in sich vereint, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Auch das äußere Erscheinungsbild muss sich nicht zwangsläufig mit dem Übergang in ein neues Geschlecht verändern.

Ist genderfluid dasselbe wie genderqueer und/oder pangender?

Queer bedeutet, dass ein Mensch sich abseits des heteronormativen Spektrums befindet. Dieser Begriff ist sehr weit auszulegen, denn er umfasst sowohl die sexuelle Orientierung als auch die Geschlechtsidentität.

Jede Person, die homosexuell, bisexuell, omnisexuell, transgender, pangender, agender, transfeminin, intersexuell, ein Demiboy, Transvestit usw. ist, kann sich also theoretisch als queer bezeichnen.

Genderqueer ist eine Unterkategorie, die sich speziell auf das Geschlecht eines Menschen bezieht. Genderfluide Menschen können sich also auch genderqueer oder nur queer nennen. Nicht alle genderqueeren Personen sind jedoch genderfluid, denn nicht alle queeren Menschen schweben zwischen den Geschlechtern.

Pangender bedeutet, dass ein Mensch alle Geschlechter in sich vereint. Genderfluid und Pangender können zusammenfallen, wenn eine Person alle Geschlechtsidentitäten in einer Art fließenden Prozess durchlebt. Es kann aber auch sein, dass ein Pangender-Mensch sich gleichzeitig allen Geschlechtern zugehörig fühlt. In diesem Falle würde man ihn/sie nicht als genderfluid bezeichnen.

Außerdem müssen genderfluide Menschen nicht unbedingt alle Geschlechtskategorien durchlaufen, sondern können beispielsweise nur zwischen Mann und Frau hin und her wechseln.

Wechselt auch die Sexualität von Genderfluid-Menschen?

Nicht unbedingt, denn die sexuelle Orientierung hat nichts mit der Geschlechtsidentität zu tun. Eine als Frau geborene genderfluide Person kann also beispielsweise nur auf Männer stehen und wäre dann im Grunde genommen heterosexuell. Wechselt sie ihr Geschlecht, fühlt sich also zum Beispiel als Mann, findet aber trotzdem immer noch ausschließlich Männer attraktiv, dann würde sich höchstens eine Bezeichnung als homosexuell anbieten, jedoch ändert sich grundsätzlich nichts an der sexuellen Vorliebe.

Eine genderfluide Persönlichkeit kann also jegliche sexuelle Orientierung für sich beanspruchen. Sie kann heterosexuell, homosexuell, polysexuell, pansexuell usw. sein. Natürlich können sich diese sexuellen Vorlieben im Verlaufe der Zeit ändern. Dies hat jedoch nichts damit zu tun, dass sich ein Mensch als genderfluid identifiziert.

Gibt es Beispiele für Menschen, die genderfluid sind?

Und ob. Zum Beispiel das australische Model Ruby Rose, das sich bereits 2014 mithilfe eines YouTube-Videos als genderfluid outete. Gegenüber dem „Guardian“ erklärte die schöne Australierin, die zwischen 2019 und 2020 als Batwoman vor der Kamera stand: „Als kleines Kind war ich davon überzeugt, dass ich ein Junge bin. Ich habe meinen Oberkörper mit elastischen Bandagen abgebunden, was sehr, sehr schlecht für den Körper ist. Ich glaube, ich war da fünf oder sechs Jahre alt. Ich hatte gar nichts, was man abbinden hätte können! Ich habe auf meiner Brust geschlafen, damit ich keinen Busen bekomme. Ich habe zu Gott gebetet, dass ich keine Brüste bekommen werde.

Als Teenager habe ich dann versucht, feminin zu sein. Meine Mutter hat mich dazu gedrängt, ein wenig zu modeln – alle haben gesagt, dass ich ein hübsches Mädchen bin. Und dann wurde es eines Tages zu viel. Ich habe meine Haare abrasiert und zu allen, die meinten, dass ich anders aussehen sollte, „Fuck you!“ gesagt.“ Heutzutage fühle sie sich eher als Junge, so Ruby Rose, doch sie sehe noch keine Notwendigkeit, ihren weiblichen Körper zu verändern.

Auch die YouTuberin Angel bekannte sich 2019 dazu, genderfluid zu sein: „Es begann, als ich sehr, sehr jung war. Ich erinnere mich, dass ich im Kindergarten, als wir Jungs gegen Mädchen gespielt haben, mich automatisch zum Jungsteam gestellt habe. Aber wenn du mich fragen würdest, was mein Geschlecht ist, dann würde ich immer noch sagen, dass ich eine Frau bin. Es gab immer dieses komische Gefühl in mir, dass ich nicht keine Frau bin, weil ich mich definitiv mit meinem Frausein identifiziere. Aber ich fühle mich gleichsam auch wie ein Mann. Manchmal fühle ich mich mehr maskulin, manchmal mehr feminin, aber es ist immer irgendwie ein komischer Mix aus beidem.“

Zunächst dachte Angel, dass sie einfach nur ein wenig maskuliner aussehen würde, da sie lesbisch sei und manche Lesben einfach maskuliner wirken würden. Dann merkte sie jedoch, dass es tiefer ging, als sich nur besonders maskulin zu kleiden und zu geben.

Fazit – Lebe Deine bunte Seite voll aus!

Wenn Du auch das Gefühl hast, nicht in eine Genderschublade zu passen, dann könnte es einerseits sein, dass Du noch auf der Suche nach einer für Dich passenden Geschlechtsidentität bist. Andererseits ist es möglich, dass Du genderfluid bist. Dies bedeutet, dass Du eine sehr offene, flexible Persönlichkeit bist, die sich nicht in irgendwelche Kategorien einteilen lässt. Bewahre Dir diese Flexibilität und schimmere in den buntesten Farben, genau wie ein Chamäleon.

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