Sei gefälligst hetero! – Was ist Comphet?

Wie gesellschaftliche Zwänge nicht-heterosexuelle Menschen beeinflussen

Comphet
In diesem Artikel
  • Wann heiratest Du endlich?
  • Wie viele Kinder möchtest Du haben?
  • Was nimmst Du zur Schwangerschaftsverhütung?
  • Wieso kleidest Du Dich als Mann so feminin?
  • Frauen gehören an den Herd!
  • Männer dürfen keine Gefühle zeigen!
  • Wow, diese Schnecke ist echt heiß. Ich wünschte, sie würde mir jetzt und hier ’nen Blowjob geben!
  • Du bist doch gar nicht richtig schwul, oder?
  • Du wirst Deinen Traummann schon noch finden!
  • In Deiner Fantasie darfst Du Dir als Frau nur Sex mit Männern vorstellen!

In der Gesellschaft existieren auch heute noch strenge Rollenbilder, vor allem in den Bereichen „Sexualität“ und „Geschlechteridentität“. Als „ideal“ wird vielfach der potente heterosexuelle Mann angesehen, der von einer hübschen, natürlich ebenfalls heterosexuellen Frau angehimmelt wird. Der tolle Hecht und die attraktive Mieze heiraten, bekommen zwei Kinder und leben glücklich und zufrieden in ihrem Eigenheim bis an ihr Lebensende.

Dass dieses Ideal nicht wirklich der Realität entspricht, zeigen unter anderem die mehr als 70.000 gleichgeschlechtlichen Ehen, die allein bis Ende 2019 in Deutschland geschlossen wurden. Auch die Umfrage des Berliner Marktforschungsinstituts „Dalia Research“ aus dem Jahre 2016 offenbart, dass in der Europäischen Union 5,9 % Menschen leben, die der LGBT-Community angehören.

Es gibt also selbstredend viel mehr unter diesem Himmel als Heterosexualität, Machomänner und hübsche Püppchen. Doch durch gesellschaftliche Normen und Erwartungen ist es für viele Menschen mitunter schwer, ihre eigene Sexualität und Geschlechteridentität zu entdecken und zu definieren.

So daten beispielsweise Frauen, die sich innerlich eigentlich zu anderen Frauen hingezogen fühlen, mitunter Männer. Dies kann einerseits passieren, weil diese Frauen tatsächlich bisexuell sind, also beide Geschlechter begehren. Es kann aber auch sein, dass diese Frauen durch gesellschaftliche Zwänge dazu getrieben werden, sich heterosexuell zu verhalten.

Diese erzwungene Heterosexualität wird als „Comphet“ bezeichnet. Schauen wir uns diesen Begriff näher an.

Was bedeutet Comphet genau?

Comphet ist ein Kofferwort, welches sich aus den englischen Begriffen „Compulsory“ und „Heterosexuality“ zusammensetzt, was so viel wie „Zwangsheterosexualität“ oder „vorgeschriebene Heterosexualität“ bedeutet.

Comphet wurde vor allem durch die 1980 von Adrienne Rich verfasste Abhandlung „Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence“ bekannt. Die Feministin stellte hierin die These auf, dass Heterosexualität lesbischen Frauen durch eine patriarchalische (von Männern dominierte) und heteronormative (Heterosexualität ist der Standard) Gesellschaft aufgezwungen wird.

Des Weiteren war sie der Auffassung, dass jede Kultur per se annimmt, dass Frauen eine Beziehung zu einem Mann präferieren. Dies führe laut Rich wiederum dazu, dass Frauen sich vor allem mit Männern identifizieren und ihnen gegenüber loyal sind. Beziehungen zu anderen Frauen würden sie dahingegen abwerten.

„Compulsory heterosexuality ist die Stimme in meinem Kopf, die sagt, dass ich hetero sein muss, selbst wenn ich Frauen liebe. Compulsory heterosexuality zwingt lesbische Frauen dazu, sich damit herumzuschlagen, den Unterschied zwischen dem zu lernen, was man dir beigebracht hat (mit Männern zusammen zu sein) und dem, was du willst (mit Frauen zusammen zu sein). Deshalb sind so viele Lesben irgendwann schon mal mit Männern ausgegangen“,

schreibt Angeli Luz in ihrem 2018 veröffentlichten Masterdoc, welches rund 30.000 Reaktionen auf Tumblr hervorrief.

Sie erstellte darin mehrere Fragebögen, um anderen Frauen zu helfen, herauszufinden, ob sie lesbisch sind oder nicht. Und obwohl das Dokument aus unerfindlichen Gründen gelöscht wurde, tauchte es in den Folgejahren immer mal wieder auf Twitter, TikTok oder anderen Social-Media-Plattformen auf.

„Frauen wird schon ganz früh beigebracht, dass es ihr Job ist, Männer glücklich zu machen“, erklärt Luz weiter. „Wir sind dazu da, hübsch für Männer zu sein. Wir sollen unsere Art zu reden verändern, damit Männer uns ernster nehmen, wir sollen die Liebe eines Mannes mehr als alles andere wollen. Unsere Magazine sind voller Sextipps und wie wir Männer besser beglücken können. Unsere Filme handeln davon, wie wir uns in einen Mann verlieben sollen. Wir können uns nicht in die Öffentlichkeit wagen, ohne dass Männer uns lauthals danach beurteilen, wie sehr wir sie visuell ansprechen.“

Durch diese gesellschaftlichen Vorgaben kann es nun passieren, dass eine eigentlich lesbische Frau sich in einer heterosexuellen Beziehung mit einem Mann wiederfindet, beispielsweise weil all ihre Freundinnen es ja auch so machen. Andere Lesben träumen vielleicht von einer Traumhochzeit mit Traummann, Traumkleid, Traumtorte und Traumlocation, da sie dies durch zahlreiche Liebesfilme in ihrem Kopf verinnerlicht haben. Hierdurch entsteht eine enorme Zerrissenheit in ihrem Inneren.

Das gesellschaftliche Ideal einer Beziehung - Comphet

Und Comphet geht sogar noch weiter: „Es ist ein System der Unterdrückung. Du wirst belohnt, wenn Du heterosexuell bist, und bestraft, wenn Du eine andere sexuelle Orientierung hast, sei es unter rechtlichen, politischen, finanziellen, medizinischen, religiösen, bildungstechnischen und/oder sozialen Aspekten“, erklärt YouTuberin Hannah Witton.

Leiden nur lesbische Frauen unter Comphet?

Adrienne Rich hatte in ihrer Abhandlung vor allem lesbische Frauen im Blick gehabt. Definiert man Comphet allgemeiner als „Die Gesellschaft verlangt, dass jeder hetero ist“ und geht mit „nur Cis ist ok“ sogar noch weiter, dann kann dieses Konzept sicherlich auch auf alle Mitglieder der LGBTQ+ Community angewendet werden.

Denn wer „anders“ ist, wird auch heute noch diskriminiert, muss sich nervige Fragen gefallen lassen und kann seine sexuelle oder geschlechtliche Identität mitunter nicht richtig entfalten, da ihm/ihr von der Gesellschaft vorgelebt wird, dass es beispielsweise nicht der Norm entspricht, bigender, transsexuell oder schwul zu sein.

Was sind Beispiele für Comphet?

Comphet kann ganz unterschiedliche Formen annehmen, von vermeintlich harmlosen Kommentaren zum Familienstand der ledigen Tochter über sexistische Äußerungen über Frauen am Arbeitsplatz bis hin zu schwulenfeindlichen Beschimpfungen, durch die sich der Betroffene nicht traut, sich als offen homosexuell zu outen.

Dahinter steckt laut Rich und anderen Feministinnen das Konzept der „männlichen Dominanz“. Männer wollen, dass Frauen von ihnen abhängig sind und dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse befriedigen. Hierzu müssen Frauen sich natürlich an Männer binden und heterosexuelle Beziehungen eingehen wollen. Um ihre Dominanz unter Beweis zu stellen, würden Männer beispielsweise die weibliche Sexualität negieren, die Arbeitskraft von Frauen ausnutzen oder ihnen ihre eigene, maskuline Sexualität aufzwingen.

Daneben spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle für die Entwicklung von Comphet: religiöse Ansichten, bestimmte Traditionen, kulturelle Werte und persönliche Kriterien wie ein niedriges Bildungsniveau. Bestimmte Glaubenssätze wie „Die Natur hat Mann und Frau erschaffen, um Kinder zu bekommen, also ist nur eine heterosexuelle Beziehung akzeptabel“ führen ebenfalls zu der Ansicht, dass Heterosexualität das einzig Wahre ist.

Beispiele für Comphet im Alltag

  • Du bist bei Deiner Frauenärztin. Sie erkundigt sich, ob Du sexuell aktiv bist und schließt gleich die Frage an, ob Du eine Schwangerschaftsverhütung brauchst, weil sie ohne zu zögern annimmt, Du seist heterosexuell und möchtest Kinder haben.
  • Jemand aus Deiner Kirchengemeinde sagt, dass Gott nur heterosexuelle Paare liebt und dass Selbstbefriedigung beispielsweise mit einem Vibrator Teufelszeug ist.
  • Du datest attraktive Frauen, um Deine strengen Eltern zufriedenzustellen, bist aber eigentlich schwul.
  • Deine FreundInnen reden Dir ein, dass Du als Frau unbedingt ein Baby bekommen musst.
  • Dein Sexpartner sagt Dir, dass ein weiblicher Orgasmus gar nicht so wichtig ist.
  • Im TV werden nur Serien mit heterosexuellen Paaren gezeigt.
  • Du denkst, dass Du nur wertvoll bist, wenn Du Männer datest/Du wünscht Dir, dass Du Bestätigung von Männern bekommst, obwohl Du eigentlich lesbisch bist.
  • Ein Arbeitskollege, der weiß, dass Du schwul bist, fragt Dich, wann Du endlich Deine Traumfrau heiratest und Kinder kriegst.

Wenn Du Dich daraufhin fragst, ob Du nicht doch ein wenig heterosexuell bist – oder höchstens bisexuell – und Du deshalb gegengeschlechtliche PartnerInnen datest, dann hat Comphet seine Wirkung nicht verfehlt.

Was soll ich machen, wenn ich von Comphet betroffen bin?

Spürst Du beispielsweise, dass Du schwul oder lesbisch bist oder dass Du Deine Geschlechtsidentität nicht eindeutig definieren kannst? Wenn dies der Fall ist, Deine Familie oder andere Menschen Dich jedoch in eine heterosexuelle, cisgeschlechtliche Rolle zwingen wollen, dann musst Du dies nicht einfach hinnehmen. Du bist ok, so wie Du bist, und darfst Deine Sexualität und Persönlichkeit voll ausleben.

Der Druck von außen kann jedoch sehr groß sein, sodass Du es möglicherweise nicht ganz allein schaffst, über den Kommentaren anderer Menschen zu stehen und Dein Ding durchzuziehen. Keine Angst. In ganz Deutschland gibt es Vereine, Stiftungen und andere Institutionen, die Dir helfen können, und sei es nur mit einem offenen Ohr.

So berät etwa der gemeinnützige Verein „Rosa Strippe“ Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*Personen und intersexuelle Menschen am Telefon, per E-Mail oder im Rahmen eines persönlichen Gesprächs. Den e.V. gibt es bereits seit 1980. Damals hatte alles mit einer Beratungshotline für schwule Männer begonnen. Heutzutage hat sich die Rosa Strippe jedoch jeglichen Problemen, die Diskriminierungen aufgrund der sexuellen oder geschlechtlichen Identität betreffen, angenommen.

Im Jahre 2018 kam es zu 2717 Beratungskontakten, sodass der Verein die zweitgrößte Beratungsstelle für LSBTI*-Themen in Nordrhein-Westfalen ist.

Viele weitere Beratungsstellen findest Du auch auf der Seite des Verbands für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie (VLSP).

WAS VERBIRGT SICH HINTER DEM VEREINSNAMEN „ROSA STRIPPE“?

Im Gründungsjahr 1980 bot der Verein ausschließlich eine telefonische Beratung an. Daran soll die „Strippe“ erinnern. „Rosa“ hat dahingegen einen sehr ernsten Hintergrund. Der Begriff bezieht sich auf den „Rosa Winkel“, ein Symbol, mit welchem schwule Männer in den Konzentrationslagern des NS-Regimes gekennzeichnet wurden. Nach Kriegsende wurde der Rosa Winkel zum Zeichen des Kampfs gegen Schwulenfeindlichkeit.

Fazit – Say NO to Comphet!

In den 80er Jahren, als Adrienne Rich ihre Abhandlung verfasste, war Comphet sicherlich noch ein größeres Thema als heute. Lesbische und schwule Partnerschaften sind heutzutage vielfach akzeptiert, werden in den Medien thematisiert und sind in Serien auf Portalen wie Netflix schon längst keine Seltenheit mehr.

Man denke zudem an zahlreiche berühmte Persönlichkeiten wie Neil Patrick Harris, Guido Maria Kretschmer, Hella von Sinnen, Elton John, Jim Parsons, Ellen DeGeneres oder Jodie Foster, die ihre Homosexualität offen zeigen.

Trotzdem ist Comphet noch immer ein heißes Eisen, wie der unlängst aufgetauchte #comphet auf TikTok beweist. Es gilt also nach wie vor, festgefahrenen Rollenklischees entgegenzuwirken, sodass jeder Mensch seine Sexualität frei leben und entdecken kann.

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