Ist Es Gefährlich Jeden Tag Zu Masturbieren? Wir Fragten SextherapeutInnen

Vier ExpertInnen geben Antworten auf die oft gestellte Frage: ist es ungesund oder sogar schädlich jeden Tag zu masturbieren?

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In diesem Artikel

Wie wichtig das Thema Masturbation für Frauen und Männer ist, zeigt eine Umfrage des Joyclubs unter deutschen Mitgliedern. Hier gaben rund 34,8 Prozent der Männer an, dass sie täglich oder sogar mehrmals am Tag masturbieren. Bei den Frauen gaben 71 Prozent sogar an, dass sie schon einmal neben ihrem schlafenden Partner Hand angelegt hatten.

So viel also zum Thema, dass Masturbation in einer Partnerschaft nichts verloren habe und außerdem dazu, dass sie krank mache.

Wenn 34,8 Prozent aller Männer täglich masturbieren, hätte die Öffentlichkeit von schwerwiegenden Schäden schon lange etwas mitbekommen. Warum aber diese Mythen? Warum wird nach wie vor behauptet, dass Masturbation schädlich sein könne, dass sie Blindheit erzeuge und dass sie ungesund sei? Dem wollen wir auf den Grund gehen.

Die Wichtigkeit der Masturbation spielt eine Rolle

Kein Zweifel, eine Sexsucht oder auch Masturbationssucht ist ein ernsthaftes Problem und dann kann das tägliche Masturbieren auch wirklich ungesund werden.

„Wenn du so viel masturbierst, dass du zu spät zur Schule kommst oder deinen Job verlierst, wird es zum Problem. Aber das ist nicht die Norm. Viele Menschen masturbieren jeden Tag und haben keinerlei Probleme“, so Dr. Carol Queen, Sexologin bei Good Vibration.

„Als Sexologin halte ich den Begriff Sucht für problematisch und unwissenschaftlich, wenn es um den Bereich der Sexualität geht. „Zwanghaft“ wäre vielleicht der bessere Begriff, oder auch einfach nur „problematisch“. Wie ich oben schon sagte: Wenn du das Gefühl hast, es nicht unter Kontrolle zu haben und nicht aufhören kannst, und es negative Einflüsse auf dein Leben hat, wäre es an der Zeit Hilfe aufzusuchen. Allerdings kann ich von Suchtprogrammen dringend abraten. Diese Angebote sind viel zu oft sexuell-negativ geprägt und demütigend, so dass sie wiederum eigene Probleme verursachen“, ergänzt Dr. Carol Queen, die außerdem Kuratorin des antiken Vibrator Museums ist.

Aber wie oft ist denn nun eigentlich zu oft? Möglicherweise sinkt die Frequenz in einer Partnerschaft ab, da du, vor allem in den ersten Wochen und Monaten, lieber mit deinem Schatz intim wirst als mit deinen Toys oder deiner Hand, aber gibt es auch bei Singles eine Grenze, die einzuhalten ist?

„Es gibt keine gesunde Frequenz die auf alle Frauen und Männer zutrifft, weil die Menschen so verschieden sind. Einige masturbieren zur Entspannung und zum Einschlafen, andere kompensieren Schmerzen damit. Auch hormonelle Unterschiede können dazu führen, dass sich einige Menschen stark für Masturbation interessieren, andere nicht. Es gibt einfach Unterschiede in der persönlichen Vorliebe und in den Gefühlen für die eigene Sexualität“, so die Expertin Dr. Carol Queen.

„Selbstbefriedigung kann ein völlig gesunder Teil des Lebens einer Person sein, viele Menschen haben erst dann Probleme damit, wenn Scham eine Rolle spielt“, ist sich Dr. Carol Queen sicher.

Die Stigmatisierung von Masturbation nimmt kein Ende

Wir haben in diesem Artikel schon einmal mit den Mythen und Vorurteilen bezüglich Selbstbefriedigung aufgeräumt, doch es scheint, dass nach wie vor Unsicherheiten bestehen, die vor allem Frauen betreffen.

In dieser Studie zeigte sich, dass vor allem Frauen noch immer Stigmatisierungen ausgesetzt sind, wohingegen Männer bereits begriffen haben, dass Masturbation kein Nachteil, sondern ein gesundheitlicher Vorteil sein kann.

Lange schon wird darüber diskutiert, welchen Einfluss die Anzahl an Ejakulationen beispielsweise auf die Entstehung von Prostatakrebs haben kann.

Diese Studie lieferte interessante Ergebnisse. Zwar steigt das Risiko für diese häufige Krebsart nicht an, wenn ein Mann selten masturbiert und ejakuliert, das Risiko lässt sich aber durch häufige Ejakulationen reduzieren. Ein Umstand, der bei der ewigen Stigmatisierung von Masturbation wohl weniger berücksichtigt wird. Die häufigsten Argumente gegen die Eigenstimulation sind dabei fast immer gleich:

  • Masturbieren schmälert den Spaß am Sex
  • Wer viel masturbiert, ist sexsüchtig
  • Masturbation macht blind
  • Selbstbefriedigung ruiniert die Beziehung

Macht Masturbation wirklich süchtig?

Susan Milstein ist Teil des Teams vom renommierten Magazin Women’s Health Interactive. Sie ist verantwortlich für Bildung im Bereich der menschlichen Sexualität. Als Expertin weiß sie genau, wie stark Scham und Unwohlsein korrelieren.

„Nein, tägliche Masturbation ist nichts Schlimmes. Es wird erst dann schlecht, wenn sie Schuldgefühle und Scham auslöst. Auch wenn die Partnerschaft unter Druck gerät, kann es schwierig werden. An für sich ist die tägliche Masturbation aber überhaupt kein Problem“, so die renommierte Expertin.

Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und ist überzeugt, dass es die klassische Masturbationssucht gar nicht gibt.

„Es gibt keine Masturbationssucht, es ist keine medizinische Diagnose. Es kann ein Zwang sein, die Selbstbefriedigung läuft nach einem zwanghaften Muster ab, was Betroffene nicht mehr kontrollieren können. Eine Sucht ist das aber nicht“, sagt die erfahrene Autorin von Women’s Health Interactive.

Damit deckt sich ihre Meinung mit jener von Dr. Carol Queen, die ebenfalls die Existenz einer klassischen Sucht in Frage stellt.

Zu viel ist also gar nicht möglich und die Frequenz entscheidet nicht, ob sich ein Zwang entwickelt oder nicht?

„Es gibt keine gesunde oder ungesunde Frequenz. Wenn wir anfangen über eine gesunde Häufigkeit zu diskutieren, bedeutet es, dass es „zu viel“ geben könnte“, so Susan Milstein.

Ihr dürft das Zeitschloss um den Vibrator also wieder entfernen, denn die Zeichen stehen auf Masturbation ohne Scham und Sorge!

Kann Masturbation möglicherweise sogar positive Effekte haben?

Expertinnen und Experten rund um den Globus beschäftigen sich mit dem Thema Masturbation. Was, wann, warum und wie oft sind dabei die häufigsten Fragen. Und erstaunlicherweise gibt es hier jede Menge Überraschungen, denn statt ungesunder Folgen, zeigen sich eher positive Effekte:

  • Bessere Abwehr durch Masturbation
  • Entspannung und besseres Einschlafen
  • Vorbeugung gegen Prostatakrebs
  • Kennenlernen der eigenen Sexualität

In einer spannenden Studie setzten sich ExpertInnen mit der Frage auseinander, welchen Einfluss Masturbation auf das Endocannabinoid-System haben könne, jenes System, was auch für das Belohnungszentrum zuständig ist. Es konnten positive Effekte durch Masturbation bis zum Orgasmus festgestellt werden.

Viele Menschen nutzen Masturbation außerdem gar nicht, um sexuelle Triebe zu befriedigen, sondern zur sexuellen Selbstfürsorge, zur Entspannung, zum Einschlafen.

Jackie Golob ist Sex-Therapeutin in Minneapolis und kennt sich aus, mit den Sorgen und Nöten rund um das Thema Sexualität.

„Selbstbefriedigung ist ein gesunder Weg, um sexuelle Selbstfürsorge zu üben. Wir kommen in Einklang mit unserem Körper, nehmen wahr was angenehm ist und das hilft dabei, in Zukunft unsere Wünsche mit dem Partner oder der Partnerin zu teilen,“ sagt die erfahrene Therapeutin.

Auch bezüglich der sexuellen Frequenz hat sie eine ganz klare Expertenmeinung, denn die ist keinesfalls korrelierend mit einer potenziellen „Suchtgefahr“.

„Laut Untersuchungen und Schulungen, an denen ich teil genommen habe, sorgen 21 Orgasmen im Monat für eine gesunde Prostata„, weiß sie und unterstützt damit Studien, die von einer Reduktion der Gefahr von Prostatakrebs einhergehen.

Auch sie sieht kein Problem in regelmäßiger oder gar täglicher Masturbation. „Es ist nur dann problematisch jeden Tag zu masturbieren, wenn du es selbst eigentlich nicht willst. Ansonsten ist Selbstbefriedigung gesund, angenehm und die häufigste Form von Sex im Leben eines Menschen“, beruhigt sie all jene, die aufgrund der Frequenz weiche Knie bekommen.

Tatsächlich können Orgasmen sogar die körpereigene Immunabwehr steigern, wie diese Studie zeigt.

Sofern Du also einfach nur Spaß an Selbstbefriedigung hast und gern mit deinem Masturbator oder deinem Klitoris Vibrator einschläfst, musst du dir keine Gedanken um deine Gesundheit machen, eher im Gegenteil. Auch täglich ist kein Problem, wie Sextherapeutin Jackie Golob gern wieder und wieder betont:

„Warnzeichen für ein zwanghaftes und ungesundes Verhalten sind, wenn du nicht mehr in der Lage bist zu Veranstaltungen zu gehen, wenn du selbst auf der Arbeit nicht [aufs Masturbieren] verzichten kannst oder wenn deine Beziehungen an der Masturbation scheitern“, sagt die Sex-Therapeutin und macht damit klar, dass nur dann ein Problem vorhanden ist, wenn du es selbst nicht mehr genießen kannst.

Sexualstörungen also nicht durch Masturbation, sondern durch Verzicht?

Es gibt diese Challenge, die viele Männer im November immer wieder durchziehen. „No Nut November“, heißt das Phänomen und hier verzichten vor allem junge und internetaffine Männer für einen Monat auf Masturbation.

Die angegebenen Gründe sind vielfältig, vor allem soll es hier darum gehen, Enthaltsamkeit auch wirklich durchzuhalten und den Geist über den Körper zu stellen. Erfunden wurde die Challenge von jemanden, der selbst durch den kontinuierlichen Pornokonsum die Kontrolle über sein Sexualverhalten verlor.

In diesem Fall ist Enthaltsamkeit auch tatsächlich sinnvoll, denn es gibt glasklare Anzeichen dafür, dass du es übertreibst:

  • Ständiges Masturbieren, obwohl du gar keine Lust hast
  • Selbstbefriedigung ohne Pornos bringt dir nichts
  • Sexualität mit Deinem Partner oder Deiner Partnerin turnt dich ab
  • Du brauchst immer extremere Inhalte im Porno

Sieht du die obigen Symptome bei dir, könnte tatsächlich ein Problem vorliegen. Verzichtest du allerdings auf Masturbation, weil du irgendwelchen fiesen Mythen und angstmachenden Warnungen glaubst, kannst du damit sogar deine Gesundheit in Gefahr bringen.

Den eigenen Körper kennenlernen

Die zertifizierte Sexualpädagogin, Coachin und ordinierte Geistliche Lark Lekät ist klare Verfechterin der Barrierefreiheit. Immer wieder wird sie mit Fragen konfrontiert, die sich rund um das Thema Masturbation beziehen.

„Selbstbefriedigung ist eine großartige Möglichkeit für Menschen, eins mit ihrem Körper zu werden. Sobald sie verstehen, was sie mögen, erweitert das auch ihren sexuellen Horizont in der Partnerschaft.“, so die Expertin.

„Wer täglich masturbiert macht nichts falsch. Die einzige Gefahr besteht in Verletzungen oder Überlastungen von Handgelenk und Hand, daher lohnt es sich, ab und zu eine andere Position oder Technik zu wählen, um dem vorzubeugen“, sagt Lark Lekät.

Kein Zweifel, wenn du täglich die gleiche Position nutzt, dabei stundenlang das Handgelenk abknickst oder durch die Vibrationen deines G-Punkt Vibrators Schmerzen in den Fingern bekommst, ist das ziemlich nervig. Es ist aber kein Zeichen dafür, dass deine Masturbation Schaden bringt, sondern dass du ein bisschen einfallsreicher werden und Abwechslung ins Solo-Liebesleben bringen musst.

Keine sexuell übertragbaren Krankheiten

Von wegen schädlich! Vor allem im Bezug auf STI (Sexuell übertragbare Erkrankungen) ist Selbstbefriedigung sogar die gesündeste Methode, wie du Sex haben kannst.

„Es gibt so viele Mythen und Tabus rund um das Thema Masturbation, doch die gesundheitlichen Vorteile stellen alle Risiken in den Schatten. Selbstbefriedigung ist die sicherste Art der Sexualität, ohne Sorgen um eine ungewollte Schwangerschaft oder eine STI“, so Lark Lekät.

Und auch sie wird nicht müde zu betonen, dass es nicht auf die Häufigkeit ankommt. Egal ob du täglich, einmal im Monat oder nur einmal pro Woche masturbierst, es gibt keine Gefahr, die mit der Frequenz steigt oder sinkt.

„Täglich, nie, mehrmals am Tag, einmal in der Woche, einmal im Monat, all das ist vollkommen normal und du selbst entscheidest, was für dich normal und gut ist“, sagt die erfahrene Sex-Aufklärerin und gibt damit den anderen ExpertInnen eeindeutig recht.

Die Suchtgefahr sieht sie ebenfalls nicht höher oder niedriger als ihre KollegInnen, eine Sucht ist zu einem Großteil das, was du daraus machst. Viele Frauen und Männer glauben, dass sie süchtig sind, wenn sie abends besser nach dem Masturbieren einschlafen.

Aber mal ehrlich: Bist du süchtig, wenn du dir abends einen Podcast anhörst, weil du sonst die Augen nicht zubekommst? Machst du dir Gedanken, ob du Podcast-Süchtig geworden sein könntest? Nein? Warum denkst du dann an eine Masturbationssucht?

„Jede alltägliche Aktivität kann zu einem Problem werden, wenn sie zwanghaft ausgeübt wird. Wir, die täglich masturbieren, müssen nichts befürchten, denn es handelt sich um einen gesunden Teil des Selbstvergnügens. Wer sich ernsthafte Gedanken über eine Sucht macht, sollte Beratung in Anspruch nehmen. Doch vorher ist es ratsam, die eigenen Verhaltensmuster zu bewerten. Nur wenn Masturbation tatsächlich das alltägliche Leben stört, die Sozialkontakte, Arbeitsverhalten und Freundschaften beeinträchtigt, braucht es überhaupt Hilfe,“ gibt Lark Lekät zu bedenken.

Und sie setzt noch einen drauf: „Zu den Vorteilen der Selbstbefriedigung können Entspannung, besserer Schlaf und die Freisetzung von Endorphinen gehören, die das körperliche und geistige Wohlbefinden fördern,“ stellt sie klar und gibt damit eindeutig zu verstehen, dass Masturbation keine Gesundheitsgefahr ist.

Masturbation vs. Partnerschaft – gibt es einen Zusammenhang?

„In einer Partnerschaft wird nicht masturbiert“, wird immer wieder von Menschen behauptet, die scheinbar der Ansicht sind, dass es nur eine Möglichkeit des sexuellen Vergnügens gibt. Glücklicherweise zeigt eine Umfrage bei Statista, dass es genau anders aussieht. Hier gaben 84 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer an, dass sie auch in einer Beziehung allein masturbieren.

Und das ist der richtige Weg!

Masturbation ist kein Ersatz für Sex mit dem Partner oder der Partnerin, sondern eine ganz andere Form der Sexualität. Bei der „Selbstliebe“ geht es oft um mehr als die pure Lust auf einen Orgasmus. So nutzen beispielsweise viele Frauen gern Sexspielzeuge, um den vaginalen Orgasmus zu trainieren, um neue Formen der Sexualität kennenzulernen oder herauszufinden, was ihnen wirklich gefällt.

Und das ist vollkommen in Ordnung. Keine Partnerschaft der Welt sollte dir verbieten, auf Sexualität und Masturbation zu verzichten. Denn wie du oben schon erfahren hast, gehört mehr dazu als nur die pure Befriedigung eines Triebs. Masturbieren macht Happy, wie ein Stück Schokolade, denn der Endorphin-Cocktail, der durch dein Blut rauscht, enthält jede Menge Glückshormone.

Fazit: Tu es einfach, ohne darüber nachzudenken

Wenn du anfängst eine Strichliste zu führen, wann du wie häufig masturbierst und dann bewertest, ob das alles noch normal ist, schaffst du ein Problem. Tust du es hingegen einfach und hast Spaß, verpufft das vermeintliche „Suchtproblem“ fast immer im Nichts.

Ernst wird es nur dann, wenn du selbst gar keinen Spaß am Masturbieren hast und lieber zu Hause bleibst und Hand anlegst anstatt mit deinen FreundInnen was zu unternehmen oder zur Arbeit zu gehen. Dann, und nur dann, solltest du ernsthaft in Erwägung ziehen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Solange du es aber selbst genießt und Masturbation die schönste Nebensache der Welt für dich bleibt, tu es, genieß es und hör auf dir Schuldgefühle einzureden.

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