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Das Unbehagen an der Heimeligkeit

Catherine, Bloggerin im feministischen Nähblock Cat und Kascha, besuchte die Tagung “Gender Matters” der Friedrich-Ebert-Stiftung am 16.03. und hielt ihre Eindrücke und Gedanken fest. Ihre Sorge: Im DIY-Bloggerinnen-Netz gibt es eine Tendenz zur Häuslichkeit, die sich einerseits professionialisiert und andererseits allein bei Frauen auftritt.

Das Logo der Tagung "Gender Matters"

Ich war letzte Woche auf einer Tagung über die Macht medialer Geschlechterbilder. Eigentlich nichts, worüber ich dringend bloggen wollte. Aber während die – wirklich gut besetzte – Tagung lief, merkte ich, wie mein innerer kleiner Nerd ganz und gar wach wurde und meine Synapsen sich heftig vernetzten. Botschaft: Ich muss darüber was schreiben! Warum?

In einem Vortrag ging es um die Präsenz von Frauen in den Nachrichten, genauer, in der Berichterstattung über politische Themen. Es wurde für Untersuchungen in unterschiedlichen Ländern am gleichen Tag Stichproben genommen. In Deutschland war dieser Tag rein zufällig der Tag, an dem Angela Merkel ihre erste Regierungserklärung nach ihrer Wiederwahl gab. Der Anteil von Nachrichten mit weiblicher Beteiligung im Bereich Politik betrug an diesem Tag in Deutschland 20%. Ich muss sagen, da war sogar ich baff. In dem Vortrag ging es auch um all die Zwickmühlen oder Dilemmata, in denen Politikerinnen in den Medien stecken: Sind sie schön ODER schlau? Sind sie jung und frisch ODER erfahren? Zu sanft ODER zu robust? Instrumentalisieren sie ihre Familien ODER haben sie gar keine Gefühle?

Und warum muss ich jetzt darüber bloggen? Weil ich selbst seit einer Weile ein ziemliches inneres Dilemma verspüre, was mit weiblicher Präsenz im Netz zu tun hat. Denn auch wir produzieren ja mediale Geschlechterbilder. Und da sehe ich im Moment einen Trend zu einer Art neuen Häuslichkeitskultur, die sich professionalisiert. Und das finde ich an manchen Stellen schwierig.
Klar, wir sind keine Politblogger. Und es ist vollkommen in Ordnung, über Hobbys und schöne Dinge zu schreiben, sie auch zu inszenieren (ich meine, wer mag es nicht, schöne Kuchenbilder zu machen und zu bloggen? Ich auf alle Fälle, wie hier schon oft zu sehen.) Aber in letzter Zeit wurde mir irgendwie unbehaglich mit dem ganzen Heimeligen, ich hab dann auch die Wochenrückblicke erstmal eingestellt. Aber was genau ist mein Unbehagen? Vielleicht wünsche ich mir, dass diese weibliche Häuslichkeit ein bisschen stärker gebrochen ist, dass Ambivalenzen, Brüche oder auch mal ganz was Überraschendes kommt. Manchmal erscheint mir das weibliche BloggerWWW als eine einzige Dekogeschichte von Frauen, die darin ihre Erfüllung finden. Aber warum ist das so, denn mir ist schon klar, dass es nicht der gelebten Wirklichkeit entspricht und dass man den allerwenigsten Frauen gerecht wird, wenn man ihnen unterstellt, sie seien dekosüchtige Hausmütterchen. Nur – warum werden andere Seiten so unsichtbar? Ist der Trend zur weiblichen freiwilligen und positiv verstandenen Häuslichkeit eben die Antwort auf die immer noch so geringe öffentliche Teilhabe? Und wie verhalte ich mich in diesem Kontext? Ich empfinde das wirklich als ein Dilemma denn ich möchte schon sehr gerne übers Nähen, über leichte Dinge, über schöne Gegenstände , kochen, backen, den ganzen weiblichen Mikrokosmos schreiben, aber auch darüber, was ich denke. Und ich würde es so gerne viel mehr auch bei anderen lesen: Was sie eigentlich noch so denken. Vielleicht heißt die Antwort, Weiblichkeit als ein gebrochenes Konstrukt zu verstehen, dass ganz verschiedene Seiten verbindet und sich auch so zeigen und darstellen kann und will? Kleidchen nähen und eine Meinung haben, die nicht jedem gefallen muss. Jäckchen stricken und öffentlich scheiße finden, dass die verdammte Wäsche immer an den Frauen hängen bleibt (statistisch gesehen) und dass Kuchenbacken eben eins der wenigen wirklich ansehlichen Outputs der Hausarbeit ist. Über zu geringe Bezahlung abkotzen aber sich doch Frühjahrsblüher in Porzellantassen zu pflanzen. Die Welt darzustellen, wie sie eben wirklich ist und nicht weichgezeichnet.
Ich wünsche mir wohl weniger glatte moderne Weiblichkeit und mehr Aggression im Umgang mit der Öffentlichkeit, denn Bloggen heißt doch auch, Öffentlichkeit zu betreten und herzustellen. Ich glaube übrigens, dass der Brigitte-Kreativ-Award das Gegenteil davon ist und keine große Hilfe für weibliches Bloggen – vieles wird dadurch einfach immer ähnlicher und angepasster, zumindest ist das bislang mein Eindruck.

Oft wünsche ich mir, dass Frauen, insbesondere die Frauen meiner Generation, denen so viel versprochen wurde und die sich doch oft genug den alten Strukturen ergeben müssen (?), doch mal die Nase voll habe und sich von der Lebenslüge verabschieden, es handle sich um individuelle Entscheidungen und/oder Probleme, wenn sie eigentlich massiv strukturell diskriminiert sind.

Und für diejenigen, die Lust auf ein bisschen aggressiv machende Literatur haben, hier ein paar Tipps:

  • Maria Sveland: Bitterfotze, Kiepenheuer und Witsch, 2009. Ich habe das Erscheinen des Buchs damals zur Kenntnis genommen, fand aber den Titel so ekelig, dass ich es nicht lesen wollte. Ich bin froh, dass ich es doch gemacht habe.
  • Bascha Mika: Die Feigheit der Frauen, Bertelsmann 2011; Eine sehr gelungene Analsye wenn man das Kapitel über Mutterschaft sehr sportlich nimmt
  • Laurie Penny: Fleischmarkt. Der weibliche Körper im Kapitalismus. Edition Nautilus 2012. Ok, danach ist man dann richtig sauer. Andererseits, ohne grundlegende Analsye der Ökonomie leider keine wirkliche Veränderung. Laurie Penny ist übrigens Bloggerin und hat ihre Texte zuerst auf ihrem Blog veröffentlicht.

Dieser Text erschien ursprünglich in Catherines Blog Cat und Casha.