Die Freiheit der Frauen

Schon ihre Vorväter waren Feministen: Was Westerwelle, Rösler und Lindner von den liberalen Klassikern lernen können.

Von Susanne Klingner

Vor ein paar Wochen verließ [damals] Noch-FDP-Chef Guido Westerwelle den Kabinettstisch der schwarz-gelben Koalition und sagte anschließend voller Stolz, er habe eine gesetzlich verpflichtende Frauenquote für Unternehmen noch einmal verhindern können: »Dies ist für uns kein gangbarer Weg.«

Dabei müsste ein Vorsitzender der Liberalen, ob er nun Guido Westerwelle heißt oder Philipp Rösler, die Regierung zu einer Frauenquote zwingen. Das wäre Politik im liberalen Sinne, genauer gesagt: im ursprünglichen Sinne der Erfinder, zum Beispiel des liberalen Vordenkers John Stuart Mill. Sein 1859 veröffentlichtes Werk On Liberty bekommt in Großbritannien jeder neue Vorsitzende der Liberal Democrats in die Hand gedrückt, um ihn an seine politischen Wurzeln zu erinnern. Darin formulierte Mill die Maxime, die Freiheit des Einzelnen habe ihre Grenzen nur in der Freiheit der anderen. Diese Maxime kennt wohl jeder, sie ist bis heute Grundlage jeglicher liberalen Strömung.

Mill lässt seinen Grundsatz nicht uneingeschränkt gelten, sondern setzt zwei Grenzen: Ein Eingreifen des Staates sei dann gerechtfertigt, wenn die Freiheit anderer oder das Gemeinwohl gefährdet werden.

Die Politik der FDP jedoch hat ausschließlich zum Ziel, die Freiheit des Individuums vor staatlicher Einmischung zu schützen. Die Möglichkeit, dass sich auch Individuen gegenseitig in ihrer freiheitlichen Entfaltung und in der Verwirklichung ihrer Chancen behindern können, denken Westerwelle, Rösler, Generalsekretär Lindner und ihre Parteikollegen im Falle der Frauenquote nicht mit.

Mill lieferte vor 150 Jahren die beiden Gründe für eine solche Quote: Stehen sich die Freiheit der beruflichen Entwicklung von Frauen und die Freiheit der Personalwahl der Unternehmen gegenüber, würde er für das Eingreifen des Staates plädieren.

Die Aufstiegschance eines männlichen Kandidaten dürfte beschränkt werden, um seiner gleich oder sogar besser qualifizierten Kollegin überhaupt eine Chance zu eröffnen. Und: Die Aufstiegschancen der Kollegin zu erhöhen wäre auch zum Wohle von Unternehmen und Gemeinschaft. Davon ist auch Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, überzeugt. Dass so wenige Frauen nach ganz oben kommen, sei »nicht nur ungerecht, sondern auch schlecht für die Wirtschaft. Denn jede Frau, die beruflich nicht in die Position kommt, für die sie qualifiziert ist, kostet uns Wachstum.«

Schon Mill sah eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, Frauen gleichzustellen. Er schrieb 1869 in The Subjection of Women: »Alle selbstsüchtigen Neigungen, Selbstvergötterung und ungerechte Selbstbevorzugung, mit denen die Menschheit behaftet ist, haben ihren Ursprung in dem gegenwärtigen Verhältnis zwischen Mann und Frau.« Was Mill dort beschreibt, lässt sich im Begriff »Patriarchat« fassen, das die meisten Menschen heute wohl für überwunden halten. Das ist es in der Arbeitswelt aber noch lange nicht. Denn: Was ist das routine- und reflexhafte Befördern des immer gleichen Typus Mitarbeiter – männlich, weiß, akademisch – anderes als die »Selbstvergötterung« und »ungerechte Selbstbevorzugung« männlicher, weißer Chefs? Was wäre die Beendigung dieses Missstandes anderes als das Schaffen von Chancengleichheit?

Von Chancengleichheit wird auch in der FDP gern geredet. So sagt FDP-Generalsekretär Christian Lindner im ZEIT-Interview: »Ja zum Staat als Garant fairer Startchancen. […] (Der Liberalismus) will eine Ordnung, in der der Starke nicht dauerhaft und automatisch stark ist und der Schwache nicht dauerhaft und automatisch schwach.« Was Lindner da – eher unbeabsichtigt, davon kann man wohl ausgehen – den ZEIT -Autoren ins Aufnahmegerät sprach, ist nichts anderes als das klassisch-liberale Argument, das eine verpflichtende Frauenquote für die Unternehmen legitimieren würde.

Nun gewichtet die FDP die Freiheit der Unternehmen grundsätzlich stärker als die Freiheiten aller anderen. Den deutschen Liberalen, zumindest den parteilich organisierten, genügt es seit einigen Jahren, schlichten Wirtschaftsliberalismus zu betreiben. Dabei war der Liberalismus im Europa des 19. Jahrhunderts, als sich das Parteiensystem auszubilden begann, eine der wichtigsten gesellschaftlichen Bewegungen und eine visionäre Alternative zu den konservativen, katholischen und sozialistischen Parteien.

Visionär ist an der Politik der FDP schon lange nichts mehr. Noch dazu offenbarte die bisherige Parteispitze in der Diskussion um die fehlenden Frauen in den Topetagen eine ärgerliche Ahnungslosigkeit: Die Lösung sei ein größeres Betreuungsangebot, zum Beispiel Ganztagsschulen, hört man von FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Mit der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf stiegen automatisch die Chancen der Frauen auf einen Chefsessel.

Das ist schlichte Realitätsverweigerung, was auch der FDP auffallen könnte, würde sie einen Blick auf ihre genuine Zielgruppe, die Besserverdienenden, werfen: Drei von vier Frauen im oberen Management haben gar keine Kinder. Ihre männlichen Kollegen dagegen haben ganz selbstverständlich Familien, und trotzdem sind für sie fehlende Betreuungsmöglichkeiten kein Aufstiegshemmnis. Das wundert die Liberalen aber offenbar nicht weiter, und wie bessere Kinderbetreuung den ehrgeizigen, kinderlosen Frauen den Aufstieg ermöglichen soll, bleibt Parteigeheimnis.

Vielleicht ist die FDP aber auch einfach zu weit von der Lebensrealität der Frauen entfernt. In den eigenen Reihen nämlich sind die Anschauungsobjekte rar: Nur knapp 23 Prozent der Parteimitglieder sind weiblich. Eine Gruppe FDP-Frauen um die Europa-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin fordert eine parteiinterne Quote. Sie sollten den Parteioberen – auch denen, die sie im Mai in die erste Reihe wählen werden – John Stuart Mill ans Herz legen, der nicht nur Visionär war, sondern auch Frauenrechtler. Er kämpfte in seiner Amtszeit als Parlamentsabgeordneter für ein modernes Scheidungs- und das allgemeine Frauenwahlrecht und er war mit der Feministin Harriet Taylor Mill verheiratet, die 1859 die für damalige Geschlechterverhältnisse unglaubliche Dreistigkeit besaß, On Liberty gemeinsam mit ihrem Mann zu verfassen. Kurz vor der Veröffentlichung starb Taylor Mill.

Ihr Mann widmete ihr das gemeinsame Werk mit anrührenden Worten: »Wie bei allen Schriften, die ich in all den zurückliegenden Jahren publiziert habe, verdankt sich auch die Autorschaft dieses Buches zu gleichen Teilen ihr und mir. (…) Wäre ich nur in der Lage, der Welt auch nur zur Hälfte die großen Ideen und noblen Empfindungen zu vermitteln, die nun mit ihr in ihrem Grabe ruhen, so würde ich der Menschheit eine weit größere Wohltat erweisen als nur die, die sich jemals aus all dem ergeben kann, was ich nun noch schreiben werde, ohne die Anregung und die Hilfe ihrer großen und unübertroffenen Weisheit.

Sagen wir, wie es ist: Mill war Feminist. Und: Er schrieb das wichtigste Werk des europäischen Liberalismus gemeinsam mit einer Feministin. Trotzdem lehnt die FDP einen emanzipatorischen Ansatz wie die Frauenquote ab, als sei diese weltfremd oder sogar ein bisschen irre.

Dabei würde eine Frauenquote nur Artikel 3 Absatz2 des Grundgesetzes umsetzen, in dem es heißt: »Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.« In einem Land, in dem Frauen trotz besserer Abschlüsse kaum Chancen haben, in der Wirtschaft nach ganz oben vorzurücken, bedeutet das nun mal, die Unternehmen dazu zu verpflichten.

Die FDP handelt deshalb nicht nur gegen liberale Grundideen und gegen den Zeitgeist – laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS befürworten 73 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer in Deutschland eine Quotenregelung –, sondern genau wie ihr Koalitionspartner auch gegen die Verfassung.

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Susanne Klingner, Jahrgang 1978, lebt als Journalistin und Autorin in München. Dieser Text erschien zuerst in der Wochenzeitung Die Zeit.

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